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Kolumne «Tribüne»Zwischen Welten schweben

Joël Perrin, Slam-Poet aus Männedorf, über dieses spezielle Jahr 2020.

Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Die Woche aus Sicht von bekannten Persönlichkeiten.
Illustration: Olivier Samter

2020: Das Jahr, in dem die beste Halloweenverkleidung ein «Free Hugs»-Pappkarton und ein zur Schau getragenes Lächeln ist. 2020: Das Jahr, in welchem man den Grosseltern aus gesundheitlichen Gründen ans Herz legen sollte, den Lebensmittelladen einfach zu überfallen (Maske, Handschuhe, Sicherheitsabstand eingehalten und kein Bargeld benutzt – alles top). Und schliesslich 2020: Das Jahr, das auf gesellschaftlicher und privater Ebene mehr als manches zuvor an grundsätzlichen Sinn-Fragen des Mensch-Seins rüttelt. 2020: Wer bin ich, und wo gehöre ich hin?

Oft fühlte ich mich in einem Drahtseilakt, versucht, zwei Welten in Balance zu halten: Auf der einen Seite bin ich der Mediziner, der an Fachkongressen Poetry in sein Handy tippt, auf der anderen Seite der Slamer, der im Backstage Lernkarten repetiert. Bis mir irgendwie 2020 das Seil riss. Slams gibt es nicht mehr, das letzte Studienjahr Medizin erlebe ich chaotisch aus Distanz, via Zoom.

Dabei geht es mir noch gut: Weder ist im engen Bekanntenkreis jemand schwer erkrankt, noch bin ich existenziell bedroht. Und doch betrifft mich die fundamentale Erschütterung des einst Selbstverständlichen; umgeben von abblätternden Selbstbildern und bröckelnden Strukturen, die dazu führen, dass immer wieder Menschen, die mir nahestehen, den Stand verlieren, und, vielleicht noch gebremst durch einen Schirm aus dünn gewobenem Zynismus, zu fallen beginnen.

Es ist ein trudelnder Fall in den Abgrund des Selbstzweifels. Fliegen muss letzten Endes jeder für sich selbst – aber ich denke, es liegt an uns, an uns als Gesellschaft, an uns als Einzelpersonen, Flugtipps zu geben, wo sie gebraucht werden. Oder daran zu erinnern, dass ein Fallen ohne die Schwerkraft der Anhaftung letzten Endes ein Schweben ist. Ein Schweben zwischen zwei Welten. Ein Schweben zwischen fremder Vertrautheit und noch unvertrauter Fremde.

Natürlich ist es ein Spiel auf Zeit. Aber in 3 Minuten kann man ein Kind zeugen und in 10 Tagen ungefähr sehen, ob die letzten bundesrätlichen Massnahmen zum Schutz gegen Spitalüberlastung Wirkung gezeigt haben – so oder so. Kurz, wieder etwas amorbider: Zeit ist nicht nichts. Zeit ist alles. Gerade jetzt.

Und sollten Sie gerade etwas zu viel davon haben: Werfen sie den Leuten auf der Strasse ein Lächeln zu. Es kommt an. Auch und gerade durch die Maske zur Schau getragen.

Joël Perrin aus Männedorf.
Joël Perrin aus Männedorf.
Foto: PD