Zum Hauptinhalt springen

Tourismus auf IslandZurück zur Einsamkeit

Der nordische Inselstaat war in den vergangenen Jahren so beliebt, dass der Besucherandrang teils zu viel wurde. Momentan gehört das Land wieder den Einheimischen – und viele merken, wie sehr sie die Reisenden brauchen.

Das Thermalbad Blaue Lagune bei Grindavik in der Nähe der isländischen Hauptstadt Reykjavík gehört zu den Touristenattraktionen des Inselstaats.
Das Thermalbad Blaue Lagune bei Grindavik in der Nähe der isländischen Hauptstadt Reykjavík gehört zu den Touristenattraktionen des Inselstaats.
Foto: Jonathan Irish

Wenn man diesen einen Ort ausmachen sollte, den Isländer in Island bislang gemieden hatten, dann ist das mit Sicherheit: die Blaue Lagune. So schön sie ist mit ihrem samtblauen Wasser und den weissen Schlamm-Ablagerungen, die der scharfkantigen Lava ihre Unnahbarkeit rauben – sie galt eben auch als Ort der Überfüllung. Und Nähe mag der Isländer zwar auf privaten Feiern, aber nicht im Schwimmbad.

Die Blaue Lagune war Sinnbild für eine auch im Land umstrittene Entwicklung, die der isländische Tourismus nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull genommen hatte: Immer mehr Urlauber kamen, viele blieben nur zwei, drei Nächte, für eine Rundtour auf dem Golden Circle und, eben, für ein Selfie-bewährtes Bad in der Lagune, die so praktisch nah am internationalen Flughafen Keflavik liegt.

300 statt 3000 Badende

Und nun? Ist man zwar nicht allein im körperwarmen Bad. Aber man hat doch viel leeres Wasser um sich herum. 300 Gäste am Tag zählt Manager Atli Sigurður Kristjánsson; zuvor war der Besuch im Sommer auf 3000 limitiert. Und die Badenden, die gern einen Erdbeer-Skyr-Shake an der Poolbar bestellen, sprechen fast alle isländisch. US-Amerikaner, bis dato die grösste Besuchergruppe, dürfen noch nicht einreisen. Die Kreuzfahrten ruhen. Experten auf der Insel rechnen nicht damit, dass sich das vor 2021 ändert.

In der Blauen Lagune haben Gäste momentan viel Platz. Die Isländer meiden diesen Ort für gewöhnlich, weil er zu überfüllt ist.
In der Blauen Lagune haben Gäste momentan viel Platz. Die Isländer meiden diesen Ort für gewöhnlich, weil er zu überfüllt ist.
Foto: Monika Maier-Albang

Dass die Isländer also coronabedingt momentan so ziemlich unter sich sind, ist schön für sie und die wenigen Touristen. Die Isländer nutzen gerade selbst die Chance, schnell und günstiger an Hotelbetten zu kommen. Sie besuchen den nicht mehr sprudelnden Grossen Geysir und seinen beeindruckend aktiven Nachbarn Strokkur, machen einen Stopp im Tomatenrestaurant Friðheimar in Reykholt, wo die Pflanzen dank der Wärme aus der Erde sich an meterlangen Schnüren entlangranken.

Die Isländer mögen diesen Ort, auch weil sie sich unter dem orangen Licht der Natriumdampflampen fühlen wie an der Sonne Griechenlands. Als die Busse noch Stossstange an Stossstange über die Hauptroute fuhren, mussten Einheimische lange im Voraus dort reservieren. Jetzt kann man spontan kommen. Und am Geysir, sagt Magdalena Johansson, die mit ihren beiden Enkelinnen aus der Hauptstadt Reykjavík angereist ist, habe sie sich beim letzten Besuch vor fünf Jahren gefühlt wie «ein Schaf in der Herde». Seitdem hatte sie den Ort gemieden.

Sonnen- und Schattenseiten

Andererseits ist das monatelange Ausbleiben der Gäste eine Katastrophe für die Insel. Zwei Millionen Touristen kamen 2019 nach Island, das Geschäft mit ihnen hat längst die Einnahmen aus Fischfang, Aluminiumexport und Geothermie-Vermarktung überholt. 2018 waren es sogar 2,3 Millionen Besucher gewesen. Doch dann ging Wow-Air bankrott. Die Fluglinie hatte vor allem aus den USA für einen Spottpreis Gäste ins Land geschaufelt, von denen manch einer ratlos vor den Restaurants stand, in denen das Bier zehn Euro kostet.

Der Vor-Corona-Tourismus habe «nach Wildwest-Manier» funktioniert, sagt Auður Önnu Magnúsdóttir, die Geschäftsführerin des isländischen Naturschutzvereins Landvernd. «Viele haben Island nur konsumiert, nicht genossen.» Die reine Anzahl der Gäste sei nicht das Problem, sagt sie, die könne das Land schon fassen. Aber man müsse Eintritte verlangen: für die Insel als Ganzes oder zumindest für deren Naturwunder. Und die Isländer müssten ihre Einnahmen ordentlich versteuern.

Das so gewonnene Geld könne dann in Infrastrukturmassnahmen investiert werden. «Das wurde immer wieder diskutiert und nie umgesetzt.» Es gebe zu viel Korruption und Vetternwirtschaft auf der Insel, kritisiert Magnúsdóttir. Und jetzt ist wohl auch nicht die Zeit für einen Neustart unter besseren Vorzeichen. Zu gross sind die existenziellen Sorgen.

«Viele haben Island nur konsumiert, nicht genossen.»

Auður Önnu Magnúsdóttir, Geschäftsführerin des isländischen Naturschutzvereins Landvernd

Geht man durch die Laugavegur, Reykjavíks Einkaufsstrasse, werben Bekleidungsgeschäfte mit Rabatten. Und die ersten Souvenirläden, von den Einheimischen spöttisch Lundabúðir genannt – nach den Papageientauchern, mit denen man Umsatz machte – haben geschlossen.

Existenzbedrohend sei die Situation für viele, sagt Hörður Erlingsson, Geschäftsführer und Gründer des Unternehmens Erlingsson Naturreisen. Ein paar seiner Kollegen, kleinere Reiseanbieter vor allem, haben schon aufgegeben. Erlingsson kämpft noch. Er will nun ein staatliches Darlehen in Anspruch nehmen, das es jetzt zu günstigen Konditionen gibt, «viel zu spät», wie er kritisiert.

Seit ein paar Jahren schon, erzählt er, sei das Geschäft mit Gruppenreisen zurückgegangen. Weil es eben schön ist, Island im eigenen Camper zu erkunden. Jetzt kommt eine psychologische Barriere hinzu: die Angst vor Ansteckung durch die Gruppe. «Die Leute wollen nicht in Busse steigen.»

Corona-Test bei der Einreise

Wobei gerade Island viel dafür tut, den Besuchern diese Sorge zu nehmen. Jeder muss bei der Einreise einen Corona-Test hinter sich bringen und darf erst in die Ferien starten, sobald er das negative Ergebnis bekommen hat. Das Testverfahren ist eine vertrauensbildende Massnahme für jene Isländer, die besorgt waren, dass über die Touristen das Virus auf ihre nahezu virusfreie Insel zurückkehren könnte. Auf der anderen Seite hat es auch einen Vorteil für die Gäste selbst: Die Mitreisenden sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht ansteckend.

Das Testzentrum liegt im Flughafen und arbeitet effektiv. Das Ergebnis bekommt man nach ein paar Stunden aufs Handy geschickt. Nach der Landung verlässt man das Flugzeug nach Reihen. Eine Treppe hoch, eine kurze Wartezeit – schon geht es in die Einzelkabine zu einem Mitarbeiter, der einen Abstrich am Rachen und durch die Nase vornimmt. Letzteres ist eklig. «Dafür muss der Urlaub jetzt aber sehr schön werden», sagt die Frau, die hinter einem in der Schlange steht.

Dass momentan viele Wiederholungs-Gäste nach Island reisen, ist ein Indiz dafür, dass diese Erwartung sich oft erfüllt. Wer jetzt die Einreiseprozedur auf sich nimmt, hat sich oft schon verliebt in diese Insel mit den heissen Quellen und der moosüberwucherten Lava. Die ist gerade lavendelfarben getupft, weil überall die Alaska-Lupine blüht, jene Einwanderin, die die einen lieben, weil sie unfruchtbaren Boden besiedelt, die andere aber als Störfaktor in der heimischen Flora begreifen. Und natürlich sind da die Pferde, derentwegen nicht wenige auf die Insel kommen, die selbst einen «Isi» im Stall stehen haben. Wo andere Länder Radspuren neben der Strasse bauen, hat Island halt seine Reitwege.

Harpa Vidarsdottir und Jón Harry Njarðarson betreiben heute das Hotel Gullfoss. Seine Vorfahrin kämpfte um den Erhalt des Wasserfalls.
Harpa Vidarsdottir und Jón Harry Njarðarson betreiben heute das Hotel Gullfoss. Seine Vorfahrin kämpfte um den Erhalt des Wasserfalls.
Foto: Monika Maier-Albang

Von Jón Harry Njarðarsons Farm aus ist es eine halbe Stunde Ritt flussaufwärts bis zum Gullfoss. Der über zwei rechtwinklige Stufen tosende Wasserfall beeindruckte schon einen frühen Erkunder des Landes, Frederick W. W. Howell. Der britische Fotograf bereiste Island Ende des 19. Jahrhunderts. In Njarðarsons Gullfoss-Hotel hängt eine seiner Aufnahmen. Sie zeigt eine junge Frau auf einem Schimmel, der Blick ernst wie der von Greta Thunberg. Darunter vermerkte der Brite gönnerhaft: «My little guide to Gullfoss.»

Die «kleine Führerin» von damals ist heute eine der bekanntesten Frauen Islands, eine frühe Umweltschützerin einerseits: Sigríður Tómasdóttir verhinderte den Bau eines Wasserkraftwerks am Gullfoss. Andererseits wusste sie aus den Touristen und der Natur auch Kapital zu schlagen: Ihre Familie vermietete schon an Howells Entourage; Tómasdóttir verkaufte selbstgemalte Bilder an sie.

Heute gehört die Farm Jón Harry Njarðarson, einem Nachfahren. Dessen Vater vermietete drei Zimmer. Der Sohn hat ausgebaut auf 35; nur sitzt er gerade ziemlich alleine im Hotel - und ist besorgt. Mit vielem habe er gerechnet, sagt Njarðarson: einem Vulkanausbruch, einem Erdbeben, «aber doch nicht mit einer Pandemie. Diese drei Monate waren die längste Zeit meines Lebens ohne Gäste». Die Touristen, sie «fehlen uns Isländern», sagt er. «Sie sind unser Herz und Leben seit Generationen.»

Njarðarson liebt diesen Ort; das saftige Tal. Das verkarstete Hochland mit schwarzen Bergen vor weissem Langjökull. Am Bergsee, der sich aus dem Gletscher speist, halten die Camper gern. Ein paar sind wieder unterwegs über die Schotterpiste. Weit oben, am gefühlt abgelegensten Ort, an dem man sich ein Lokal vorstellen kann, gibt es Kuchen und selbstgestrickte Pullis im Café Hrefnubud. Der Wind rüttelt an den Fenstern. Es regnet, dann scheint wieder die Sonne. Island eben.

Zumindest hatte die Vegetation jetzt Zeit, sich zu erholen, sagt Njarðarsons Partnerin Harpa Vidarsdottir. Von den Offroad-Fahrern. Den Querfeldein-Spaziergängern. Wenigstens etwas Gutes also, das die Pandemie mit sich brachte. Die ersten Nach-Corona-Gäste in ihrem Hotel, erzählt Harpa Vidarsdottir, waren 40 Frauen, fünf Männer, die zu Fuss aus Reykjavík zum Gullfoss wanderten - auf den Spuren der frühen Umweltschützerin. Sechs Tage braucht man für die Strecke. So lange war auch Sigríður Tómasdóttir damals unterwegs gewesen zu ihrem Anwalt. Einen Neustart unter diesen Vorzeichen: Das, sagt Harpa Vidarsdottir, sei doch ein positives Signal.