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Konflikt um Virus-Mutation und BrexitZumindest Champagner gibt es genug

Die britische Regierung ist wütend auf Frankreich wegen der Grenzblockade. Nun aber soll der Güterverkehr wieder laufen.

Keine Fahrt nach Frankreich: Lastwagen sitzen in Dover fest.
Keine Fahrt nach Frankreich: Lastwagen sitzen in Dover fest.
Foto: Keystone

Vom Hafen in Dover sind es gut 30 Kilometer zum Manston International Airport. Dort, auf den Rollfeldern des Flughafens, stehen sie nun und warten – all jene Lastwagen, die von England nach Frankreich wollen. Wie viele es genau sind, lässt sich schwer sagen. Fest steht nur: Seit Anfang der Woche wurden es immer mehr, heute Dienstag war von gut 1000 Lastwagen die Rede. Seit Sonntag, 24 Uhr, stecken sie in Grossbritannien fest, nachdem Frankreich den Verkehr über den Ärmelkanal gestoppt hat. Grund ist die Angst vor einer neuen Mutation des Coronavirus, die im Südosten Englands aufgetaucht ist.

Am Montagabend war Boris Johnson noch voller Hoffnung, dass die Blockade am Ärmelkanal binnen Stunden gelöst werden könnte. Er habe mit Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron ein «exzellentes Gespräch» geführt und sei deshalb zuversichtlich, sagte der britische Premier bei einer Medienkonferenz. Doch so schnell, wie Johnson dachte, ging es dann doch nicht. Erst als die EU-Kommission am heutigen Nachmittag eine EU-weite Regelung vorschlug, gab es wieder Zuversicht in London.

Für Boris Johnson geht es vor allem darum, die Lebensmittelversorgung seines Landes sicherzustellen.

Demnach soll vor allem der Güterverkehr von und nach Grossbritannien aufrechterhalten werden. Für Lastwagenfahrer soll keine Quarantäne angeordnet werden. Testpflicht soll es nur geben, wenn dadurch der Güterverkehr nicht beeinträchtigt wird. Reisenden soll die Rückkehr nach Hause ermöglicht werden, sofern sie Corona-Tests machen oder in Quarantäne gehen, und unterbrochene Zug- und Flugverbindungen wiederaufgenommen werden. Etwa 40 Staaten weltweit hatten Flugzeugen aus Grossbritannien das Landen untersagt.

Für Johnson ging es heute vor allem darum, die Lebensmittelversorgung seines Landes sicherzustellen. Gerade jetzt, vor den Weihnachtsfeiertagen, will der Premier verhindern, dass die Briten auf frisches Obst und Gemüse verzichten müssen. Glaubt man einer grossen Supermarktkette im Königreich, soll zumindest die Versorgung mit Champagner gesichert sein. Ob das auch für Silvester gilt, war zunächst unklar.

So oder so ist die Wut auf die französische Regierung in London gross. Dass Präsident Macron den Verkehr über den Ärmelkanal komplett blockiert, damit hatte man in Downing Street nicht gerechnet. Im Regierungsviertel wurde, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, spekuliert, dass Macron so Druck in den Brexit-Verhandlungen über die künftigen Beziehungen aufbauen will. Es geht vor allem um den letzten grossen Streitpunkt: die Fangquoten für EU-Fischer in britischen Gewässern.

Wiedererlangung von Souveränität: Boris Johnson, Premier Grossbritanniens.
Wiedererlangung von Souveränität: Boris Johnson, Premier Grossbritanniens.
Foto: AFP

Frankreich nimmt bei den Brexit-Verhandlungen die Rolle der Unnachgiebigen auf EU-Seite ein. Es geht weniger um einen wirtschaftlichen denn einen symbolischen und politischen Konflikt. Die Regierung in Paris will vermeiden, dass das neue Jahr mit Bildern demonstrierender Fischer in der Bretagne beginnt.

Es mag Zufall gewesen sein, aber keine 24 Stunden nachdem Macron die Kanalroute blockiert hatte, kam ein Angebot aus London, das neuen Schwung in die festgefahrenen Diskussionen brachte. Aus EU-Kreisen hiess es, dass die Briten nun bereit seien, die Fangrechte der EU-Fischkutter über fünf Jahre hinweg nach und nach nur um gut ein Drittel zu reduzieren. Am Wochenende hatte London noch 60 Prozent gefordert. Die EU ist nur zu einer Kürzung von 25 Prozent bereit. Offiziell hüllen sich beide Seiten in Schweigen.

Alles dreht sich um den Fisch

In London hiess es nur, dass die Positionen trotz Annäherungen noch «weit auseinander» lägen. Ähnlich wie Macron kann es sich Johnson nicht erlauben, einen Deal zu präsentieren, der die heimischen Fischer gegen ihn aufbringt. Für Johnson geht es dabei um das Kernversprechen des Brexit: die Wiedererlangung von Souveränität. Als unabhängiger Küstenstaat will das Vereinigte Königreich wieder voll und ganz die Kontrolle über seine Gewässer haben.

Auch auf der anderen Seite des Kanals dreht sich aktuell alles um Fisch. Zunächst, ganz konkret, um die Sorge, dass auch bei den Franzosen die Weihnachtsmenüs umgeplant werden müssen, wenn der Lachs aus Schottland es nicht ins Land schafft. In den Supermärkten liegt der Spezialtoast bereit, extra für das Fest rund statt eckig, doch beim Belag könnte es knapp werden. Der französische Supermarktgigant Système U warnte vor «Engpässen am 23. und 24. Dezember bei Fisch und Meeresfrüchten».

Kein Nachgeben im Streit um Fischereirechte: Emmanuel Macron, Frankreichs Präsident.
Kein Nachgeben im Streit um Fischereirechte: Emmanuel Macron, Frankreichs Präsident.
Foto: Reuters

In Calais, wo 90 Prozent des Warenverkehrs zwischen der EU und Grossbritannien abgewickelt werden, stauten sich die Lastwagen schon von November an mehr als gewohnt. Das lag nicht nur am nahenden Weihnachtsgeschäft, sondern auch daran, dass britische Firmen kurz vor dem Brexit mit Hamsterkäufen begonnen hatten. Nun ist der Warenverkehr nicht nur von britischer Seite zum Erliegen gekommen, sondern auch von französischer. Speditionsfirmen wollen ihre Fahrer nicht mehr über den Kanal schicken, wenn unklar ist, wann und wie diese zurückkommen können.

Die französische Regierung blieb zunächst still. Der Élysée-Palast gab keinen Kommentar zum Gespräch zwischen Johnson und Macron. Frankreichs Präsident hat sich mit Corona angesteckt und befindet sich in Isolation. Heute veröffentlichte «L’Express» ein langes Interview, in dem der Präsident sich darauf konzentriert, über die Identität der französischen Nation zu philosophieren.

Die konkreten Grenzkonflikte überliess Macron seinen Ministern. Am Mittag berichtete der Sender Franceinfo, Franzosen könnten aus Grossbritannien einreisen, wenn sie einen negativen Corona-PCR-Test vorweisen können. Dies gelte auch für Lastwagenfahrer. Für britische Privatpersonen bliebe die Grenze geschlossen.

22 Kommentare
    Jürgen Baumann

    Kampf gegen ein mutiertes Coronavirus und dann noch ein No-Deal-Brexit: Der Gesundheitsdienst NHS warnt vor Überforderung und bittet inständig um Zeit.

    Wer einen Clown wählt, muss sich nicht wundern, wenn er sich in einem Zirkus wieder findet.