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Erzkonservativer Aufpasser des PapstesZum Abschied rechnet er mit den Schweizer Katholiken ab

Der Rücktritt des päpstlichen Nuntius Thomas Gullickson eröffnet neue Perspektiven für das Bistum Chur.

Seit Thomas Edward Gullickson 2015 von Kiew nach Bern wechselte, war ihm das duale Schweizer Modell ein Dorn im Auge.
Seit Thomas Edward Gullickson 2015 von Kiew nach Bern wechselte, war ihm das duale Schweizer Modell ein Dorn im Auge.
Foto: PD

Papst Franziskus hat auf Ende Jahr den Rücktritt des in Bern residierenden Nuntius Thomas Gullickson (70) angenommen. Ein Grund zur Freude für praktisch alle Beteiligten. Der US-Amerikaner ist glücklich, nach 40-jähriger Diplomatenkarriere in seine geliebte Heimat, nach Sioux Falls im «Red State» South Dakota, zurückzukehren. Nicht minder glücklich ist die Kirche in der Schweiz, den ultrakonservativen päpstlichen Gesandten loszuwerden und neue Perspektiven zu erhalten.

Zum Abschied nun spricht Gullickson der hiesigen Kirche ganz grundsätzlich ihre Raison d’Etre ab: «Leider scheint es so, dass die ‹Institution Kirche› hier in der Schweiz ihre Sendung zum Heil der Seelen verraten hat.» Sein gerade veröffentlichter Rundbrief für die rechtskatholische Organisation Pro Ecclesia kommt einer Abrechnung gleich: Er sei davon überzeugt, «dass das Konzept ‹Volkskirche› heute kein gangbarer Weg mehr ist». Die Volkskirche sei schlicht nicht mehr geeignet, den Glauben weiterzutragen.

Seit der Erzbischof 2015 von Kiew nach Bern wechselte, war ihm das duale Schweizer Modell von innerkirchlichen und staatskirchenrechtlichen Instanzen ein Dorn im Auge. Ebenso der starke Einbezug von Laien, um den Priestermangel abzumildern. Wie Papst Benedikt XVI. liebäugelt Gullickson mit einer kleinen, aber glaubenstreuen Kirche und schlägt vor, Pfarreien ohne Priester einfach zu schliessen.

«Die alte Messe ist die Zukunft der Kirche.»

Thomas Gullickson

Gegen jede diplomatische Gepflogenheit teilt Blogger Gullickson gerne aus. Wenn er etwa auf Facebook das Domizil von kantonalen und nationalen Kirchengremien am Hirschengraben 66 in Zürich mit «Hirschenbgraben 666» verballhornt und die Zahl des Antichrist beschwört. Oder im neuesten Blog-Beitrag ein früheres Verbot der Schweizer Bischofskonferenz geisselt, die alte lateinische Messe zu feiern. Gullickson, ein grosser Sympathisant der traditionalistischen Pius-Brüder, hält demgegenüber fest: «Die alte Messe ist die Zukunft der Kirche.»

In der Ukraine hatte sich der Amerikaner via Social Media in die Politik eingemischt. Was ihm die Versetzung in die Schweiz beschert habe, heisst es. Der Doyen des diplomatischen Korps kann aber auch witzig sein. Ja, er spreche sieben Sprachen, aber nur an guten Tagen, sagte er in seiner Berner Residenz an der Thunstrasse zu dieser Zeitung. Und erläuterte die verschiedenen Arten der Diplomatie: «Wenn der australische Botschafter mit Kohle handelt, nennt man das harte Diplomatie, wenn der argentinische Tangounterricht gibt, Softdiplomatie.»

Trotzdem lässt die hiesige Kirche den päpstlichen Gesandten gerne ziehen. Eigentlich hatte man es seit seinem Amtsantritt für dessen wichtigste Aufgabe gehalten, die Bischofswahl in Chur zu moderieren. Doch bald merkte man, dass er die Positionen der ungeliebten Churer Bistumsleitung teilt. Bekanntlich hat sich die Wahl eines Nachfolgers für Vitus Huonder bis heute verzögert. Insider orakeln seit langem, dass zuerst der ultrakonservative Gullickson weg sein müsse. Sein Abgang nährt nun die Hoffnung, dass Papst Franziskus einen liberaleren Botschafter nach Bern senden wird – einen, der die Wahl eines akzeptablen Churer Oberhirten möglich macht.

66 Kommentare
    Stefano Delrio

    der von Donald Trump eingesetzte Justizminister, William Barr, liegt genau auf der Linie dieses "Gottesdieners" Gullickson…..diese betrachten Donald Trump als Mann der Vorsehung....nur so nebenbei bemerkt.