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Zürcher Justiz nimmt sogenannte Keiler ins Visier

Im Kampf gegen Enkeltrickbetrüger hat die Zürcher Staatsanwaltschaft aufgerüstet, um der Mafia das Handwerk zu legen.

Neues Vorgehen: Zürcher Staatsanwaltschaft hat sich internationalem Ermittlerteam gegen Enkeltrickbetrüger angeschlossen.
Neues Vorgehen: Zürcher Staatsanwaltschaft hat sich internationalem Ermittlerteam gegen Enkeltrickbetrüger angeschlossen.
iStock

Jeden Tag erhalten zwei bis drei Personen in der Schweiz einen Telefonanruf, dessen einziges Ziel es ist, den Angerufenen dazu zu bewegen, dem Anrufer Geld zu übergeben. Die Masche ist bekannt: Der Betrüger suggeriert, mit dem Angerufenen verwandt zu sein (daher auch der Begriff Enkeltrick-Betrug), und berichtet von einer unvorhergesehenen finanziellen Notlage, die es sofort zu beheben gelte. In rund zehn Prozent der Fälle haben die Täter Erfolg. Die jährliche Deliktsumme beläuft sich auf über zwei Millionen Franken.

Für Polizei und Justiz sind die Täter schwer greifbar, denn sie operieren grenzüberschreitend. Die Anrufer, im Jargon Keiler genannt, lassen sich fast immer ein paar wenigen Clans in Polen zuordnen. Von dort aus rufen die Täter an. Erklärt sich ein potenzielles Opfer zur Geldübergabe bereit, so schicken die Hintermänner innert Stunden ein Abholteam zum vorgeschlagenen Treffpunkt. Dem Opfer machen die Täter kurz vor dem Treffen weis, der angebliche Verwandte sei leider verhindert, aber ein Freund werde das Geld in Empfang nehmen. Hat das Abholerteam das Geld, verlässt es die Schweiz sofort wieder.

Beweismittel aus Polen

Dieses Vorgehen macht die Strafverfolgung extrem schwierig. Zwar erwischt die Polizei immer wieder Abholer, an die Hintermänner aber kommt sie kaum heran. Denn normalerweise ist ein langwieriges Rechtshilfeverfahren nötig, um im Ausland Beweise zu erheben oder gar Täter vor Gericht zu bringen. Doch die Zürcher und die Berner Staatsanwaltschaft haben einen einfacheren Weg gefunden. Im letzten Jahr schlossen sie sich einem internationalen Ermittlerteam an, in der Fachsprache «Joint Investigation Team» oder kurz JIT genannt. Gegründet wurde dieses von deutschen und polnischen Ermittlern – damals hatten die Betrüger vor allem im Raum München gewütet.

Mit der internationalen Zusammenarbeit betreten die beiden Staatsanwaltschaften juristisches Neuland. Noch lässt sich zahlenmässig keine Bilanz ziehen, aber das Vorgehen ist erfolgversprechend. Das sagte Staatsanwalt Cyrill Hüsser gestern an der Jahresmedienkonferenz der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich: «Dank der Zusammenarbeit kommen wir an Beweismittel aus Polen, von deren Existenz wir bisher nicht einmal etwas wussten.» Die polnischen Kollegen wiederum erhielten dank der Kontakte in die Schweiz Informationen, um gegen die Keiler vorgehen zu können. Diese nutzen meist nicht registrierte SIM-Karten für ihre Anrufe und tauschen diese jeweils innert weniger Stunden aus. Müssten die Ermittler erst ein Rechtshilfeverfahren abwarten, ehe sie mithilfe der Telefonnummer die Täter ermitteln könnten, kämen sie regelmässig zu spät.

Der Pendenzenberg wächst

Insgesamt gingen bei der Staatsanwaltschaft Zürich im letzten Jahr 29'056 Geschäfte neu ein, 28'679 konnten erledigt werden. Fast 10'000 Fälle waren Ende 2017 pendent – 14 Prozent mehr als 2016. «Diese Entwicklung bereitet uns Sorge», sagt der leitende Oberstaatsanwalt Beat Oppliger. Er sieht zwei Gründe für dafür. Einerseits sind die formalen Vorschriften für viele Strafverfahren strenger geworden. So darf beispielsweise nur noch die Staatsanwaltschaften bei Autofahrern eine Blutprobe anordnen, aber nicht mehr die Polizei. Das hat das Bundesgericht entschieden. Anderseits werden die Fälle laut Oppliger immer komplexer, was viel mit der Digitalisierung zu tun hat: «Fast immer müssen wir heute auch digitale Spuren und Daten auswerten. Das kann aufgrund der Verschlüsselungen sehr komplex sein. Und nicht selten reden wir von riesigen Datenmengen.»

Und dann sind da noch die Ehrverletzungen, eine Deliktart, deren Anzahl stark zugenommen hat. Oft handelt es sich dabei um klassische «Waschküchenstreitigkeiten», wie Oppliger sagt. Streitigkeiten also, welche eigentlich besser vor dem Friedensrichter gelöst würden. Nur ist das seit der Revision der Strafprozessordnung im Jahr 2011 nicht mehr zulässig. «Das bindet Arbeitskraft, die wir besser für anderes einsetzen würden», sagt Oppliger. Abhilfe könnte die laufende Revision der Strafprozessordnung schaffen. Dort steht eine Kaution für Strafanträge wegen Ehrverletzung zur Diskussion.

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