Fangewalt

In der Schule des Hooligans

Es gibt einen Ort in Zürich, wo GC- auf FCZ-Ultras treffen und friedlich bleiben. Zu Besuch im Kampfsportclub von Dominik Wiederkehr.

Führte einst die GC-Hooligans in den Schlachten an: Dominik Wiederkehr in seiner Kampfsportschule. Foto: Urs Jaudas (27. Juni 2019)

Führte einst die GC-Hooligans in den Schlachten an: Dominik Wiederkehr in seiner Kampfsportschule. Foto: Urs Jaudas (27. Juni 2019)

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Ein gesichtsloses Industriegebäude, irgendwo zwischen Stadtrand und Flughafen: Aus dem Lautsprecher scheppern schrill die Klänge einer Pi Java, der traditionellen Thaibox-Klarinette. In der Luft liegen Ausdünstungen junger Körper, die sich an den Rand der Erschöpfung schinden. Dominik Wiederkehr drillt seine Zöglinge gerade mit einer Kombination aus Kraft- und Konditionsübungen. «Schlafen könnt ihr, wenn ihr tot seid», brüllt der Kampfsportlehrer durch den Raum.

Wir befinden uns im Fight Basement Zürich (FBZ), einem Kampfsportclub, der sich auf unorthodoxe Kampfstile spezialisiert hat. Gründer Wiederkehr zählte als Anführer der Hardturm-Front um die Jahrtausendwende zu den berüchtigtsten Hooligans des Landes.

Heute trainiert er neben Kampfsport-Enthusiasten auch zahlreiche Anhänger verfeindeter Sportclubs: Bei Wiederkehr treffen FCZ-, GC-, FCB-, ZSC-, Kloten- und HCD-Ultras aufeinander. Auch Leute aus der rechten Szene verkehren im FBZ – genauso wie Kinder von Migranten. Seit kurzem steht Wiederkehr ein syrischer Flüchtling als Assistenztrainer zur Seite. Gemeinsam mit den Ultras trainieren sie im Club den Strassenkampf. Denn die Bandagen, mit denen sich Anhänger der lokalen Rivalen Grasshoppers und FC Zürich auf der Strasse bekämpfen, werden immer härter.

«Du kannst Leute nur formen, wenn du sie bei dir hast»: Wiederkehr (r.) trainiert seinen Assistenztrainer (l.). Foto: Urs Jaudas (27. Juni 2019)

Blick zurück, November 2017: Vermummte Männer stürmen eine Turnhalle in Leimbach. Sie schlagen GC-Fans spitalreif, die dort Fussball spielen. Dezember 2017: In einem Stadtquartier erinnert ein Graffito an Bruno, eine kürzlich verstorbene Südkurven-Legende. GC-Anhänger übersprayen es mit: «Die Schwachen nimmt’s». Februar 2018: Cup-Halbfinal, Zürcher Stadtderby. Vor dem Prime Tower macht ein FCZ-Mob Jagd auf GC-Fans, auch auf am Boden liegende Menschen wird eingetreten. Juli 2019: Am Züri-Fäscht kommt es zu groben Auseinandersetzungen zwischen FCZ- und GC-Ultras. Es gibt Verletzte auf beiden Seiten.

«Die Gewaltbereitschaft der Ultras ist in den letzten Jahren gestiegen», sagt Michael Walker vom Mediendienst der Stadtpolizei Zürich. Gleichzeitig sei die Hemmschwelle gesunken, ernsthafte Verletzungen in Kauf zu nehmen. Anwohner fühlen sich in der Folge bedroht, Medien beschreiben eine Spirale sinnloser Gewalt, der Staatsanwalt spricht von einer «Verrohung der Gesellschaft».

Alles für den Club

Was sind das für Leute, die ihre eigene Stadt immer wieder in den Ausnahmezustand versetzen? Als Ultras werden eingefleischte Fans bezeichnet, die in ihrer Kurve mit Choreografien, Gesängen und Leuchtpetarden für Stimmung sorgen. Anders als Hooligans sind Ultras nicht per se gewalttätig. Fühlen sie sich jedoch provoziert, haben die militanten unter ihnen – die Stadtpolizei Zürich geht von mehreren Hundert aus – keine Hemmungen, die «Ehre» ihres Clubs mit Gewalt zu verteidigen.

So etwa GC-Ultra Thomas*. Der IT-Spezialist trainiert seit vielen Jahren im FBZ. Als vor dem GC-Fanlokal «Sächs Foif» eine Horde Basler aufkreuzen, nutzt er die Chance, sich in der Szene einen Namen zu machen. Bevor sich seine Freunde formieren, rennt Thomas alleine in die Meute. «Natürlich bekam ich komplett aufs Maul. Doch ich stand wieder auf, kotzte kurz auf die Strasse, liess den Mundschutz am Boden liegen und rannte den Baslern nochmals hinterher.» Thomas* ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt.

Mit ihm zusammen trainiert Yannick*. Der FCZ-Ultra strebt eine Karriere im Militär an, seit zweieinhalb Jahren trainiert er bei Wiederkehr. Dass dort auch GC-Ultras verkehren, kümmert ihn wenig. Im Gegenteil: «Das FBZ wurde für mich zur Familie. Es geht hier nicht um die Zugehörigkeit zu irgendeinem Fussballclub, sondern darum, gemeinsam etwas zu lernen.»

«Leider wird der Kodex von vielen jungen Ultras schon lange nicht mehr eingehalten.»Dominik Wiederkehr, Kampfsportlehrer und ehemaliger Anführer der Hardturm-Front

Während sie sich im Rest der Stadt die Köpfe einschlagen, begegnen sich die Anhänger der verfeindeten Sportclubs im FBZ mit Respekt. Doch wie kann es Wiederkehr überhaupt verantworten, gewaltbereiten Ultras Kampfsport beizubringen? Ist nicht davon auszugehen, dass seine Schüler das hier gelernte eines Tages auch auf der Strasse anwenden? «Ausschliessen kann ich das nicht», antwortet Wiederkehr. Schüler aufgrund der Club-Zugehörigkeit oder einer politischen Überzeugung vom Training zu verweisen und anderen Kreisen zu überlassen, hält er jedoch für die viel gefährlichere Lösung: «Du kannst Leute nur formen, wenn du sie bei dir hast.»

Welches ist das Ideal, nachdem der Kampfsportlehrer seine Schüler zu formen strebt? Wiederkehr war ein Hooligan alter Schule und somit ein Verfechter des Kodex. Dieser regelt die Umstände, unter denen sich Hooligans prügeln: Keine Gewalt gegenüber Unbeteiligten, keine Waffen, keine Überzahl, kein Nachtreten, wenn jemand am Boden liegt. «Leider wird der Kodex von vielen jungen Ultras schon lange nicht mehr eingehalten», sagt Wiederkehr.

Was das bedeutet, musste GC-Fan Patrick* am eigenen Leib erfahren. Der 26-jährige Autist wurde vor mehreren Monaten nach dem Stadtderby am Bahnhof Tiefenbrunnen von drei jungen FCZ-Anhängern angegriffen. «Sie wollten mir mein GC-Shirt wegnehmen», erinnert sich Patrick*. «Als ich mich gewehrt habe, schlugen sie mir unter anderem gegen den Kopf.» Patrick* war nach dem Angriff wegen eines gebrochenen Ellbogens zwei Wochen lang arbeitsunfähig. Der Fussballfan besucht weiterhin die Matches, versteckt seither aus Angst vor weiteren Attacken jedoch seine GC-Accessoires auf der An- und Abreise.

Auf Menschenjagd im Niederdorf

Für Wiederkehr sind solche Vorfälle eine Schande, die mit seiner Vorstellung von Hooliganismus nichts mehr zu tun haben. Waren Hooligans früher etwa Ehrenmänner, die sich die ganze Zeit an einen Kodex hielten? Fragt man Adolf Brack, erster Hooligan-Spezialist der Stadtpolizei Zürich, seien die Schlägereien in den 90er-Jahren zwar auch schon brutal, jedoch fairer abgelaufen: «Damals war es einfach ein Kampf mit Regeln, heute ist es blanker Hass.» Doch sei der Kodex ab und an auch gebrochen worden, etwa als Basler Hooligans die versammelten Zürcher vor der Abreise nach Basel an ihrem Treffpunkt angegriffen, dabei Stichwaffen benutzt und mehrere Zürcher verletzt hatten.

In seinem Buch «Feld-Wald-Wiese» widerspricht der Journalist Daniel Ryser dieser Darstellung. Er beschreibt eine Zeit, als Hooligans im Niederdorf willkürlich Jagd auf Menschen machten. So zitiert er einen ehemaligen Hooligan der Hardturm-Front: «Wer die Fresse voll haben wollte, der konnte das kriegen. Wir waren klar rechts, aber das Ziel war uns eigentlich egal: Punks, Kiffer, Skins, Jugos, Neger, Popper, Yuppies.»

Heute macht Wiederkehr seinen Schülern klar, dass es an ihnen liege, den Kodex in den Kurven zu rehabilitieren. Doch das ist schwierig. Als der FCZ vor zwei Jahren aus der Challenge-League aufsteigt, durchlebt die Südkurve einen kritischen Moment: Zahlreiche neue Fans stossen hinzu. Viele von ihnen sind minderjährig, alle wollen sich beweisen.

Gemäss Wiederkehrs Schülern wird diese Entwicklung in den Kurven kontrovers diskutiert. «Heute sind wir bei GC an einem ähnlichen Punkt wie der FCZ vor ein paar Jahren», sagt ein GC-Ultra, der anonym bleiben möchte. «Die Jungen haben ihre eigenen Gruppierungen gebildet, sie nehmen einfach irgendwelche Leute auf, die von Fussball und der Fankultur keine Ahnung haben.»

Versetzen ihre Stadt immer wieder in den Ausnahmezustand: GC-Fans auf dem Weg zum Stadtderby. Foto: Urs Jaudas (4. März 2015)

Beim FCZ sieht Yannick* das Problem vor allem in der Masse der Südkurve: «Wir haben mittlerweile so viele Gruppierungen, dass es kurvenübergreifend eigentlich unmöglich geworden ist, gewisse Verhaltensregeln durchzusetzen.»

Wiederkehr glaubt nicht, dass seine Schüler in der Öffentlichkeit gewalttätig werden: «Im Training vermittle ich ja nicht nur Kampftechniken, sondern auch Werte wie Fairness und Respekt.» Ob seine Strategie tatsächlich aufgeht, lässt sich nicht überprüfen. Die Polizei lehnt auf Anfrage eine Einschätzung ab, da es sich offenbar um ein «reguläres Betreiben» einer Kampfsportschule handle und «keine strafrechtliche Relevanz» ersichtlich sei.

Am Pranger der Antifa

Wiederkehr trainiert seine Jungs jeden zweiten Abend. Die Beiträge der Schüler reichen gerade aus, um die Miete des Lokals zu bezahlen. Er suche sich nicht primär die besten Kämpfer aus, so Wiederkehr, sondern solche, denen er auch abseits vom Ring noch etwas mit auf den Weg geben könne: «Bei mir erhält grundsätzlich jeder eine Chance, solange er sich an die Regeln hält. Auch Leute aus der rechten Szene.» Zu den Regeln gehört: Kein Anwerben, kein Zurschaustellen von Symbolen, keine Angriffe auf Unbeteiligte. Bisher habe noch niemand gewagt, die Regeln zu brechen. Durch das gemeinsame Training kämen seine Schüler zudem in Kontakt mit Leuten aus anderen Szenen. Dadurch würden sie früher oder später merken, dass die anderen gar nicht so anders sind.

Die Antifaschistische Aktion (Antifa) glaubt nicht an die heilsame Wirkung ethnisch durchmischter Trainingsgruppen. Im Rahmen ihrer Kampagne «Runter von der Matte – kein Handshake mit Nazis» stellte sie Wiederkehr vor zwei Jahren auf ihrer Website an den Pranger. Auslöser war ein Kampfturnier, das Wiederkehr anlässlich seines Geburtstags im FBZ durchführte. Dabei kam es zu einer Begegnung zwischen einem Schüler Wiederkehrs und einem Mitglied der rechtsextremen Organisation Blood and Honour (B&H). Die Veranstaltung verlief friedlich, die Freunde des B&H-Kämpfers trugen auf ihren Westen jedoch entsprechende Symbole.

Wiederkehr versteht nicht, weshalb er dafür kritisiert wurde: «Die Antifa bezeichnete meine Schule anschliessend als Kampfsportkeller für Nazis. Dass an dem Tag auch zahlreiche Ausländer präsent waren und ein dunkelhäutiger Kämpfer am Turnier teilnahm, ist ihnen offenbar egal.»

Unorthodoxer Kampfstil: Wiederkehrs Assistenztrainer springt in einen Boxsack. Foto: Urs Jaudas (27. Juni 2019)

Legitimiert das die Präsenz von Neonazis? Gemäss Wiederkehr trieb sich sein Schüler, der Gegner des B&H-Kämpfers, selber im Dunstkreis der rechten Szene herum. Als er im FBZ anfängt zu trainieren, lernt er neue Freunde kennen, fängt an, brasilianische Musik zu hören. Er möchte aus der rechten Szene aussteigen, hat jedoch Angst vor Vergeltung. Wiederkehr kontaktiert den Chef der Schweizer B&H-Sektion, um die Sache zu klären. Man einigt sich darauf, dass Wiederkehrs Schüler aussteigen darf, wenn er mit einem B&H-Kämpfer in den Ring steigt. Er braucht den Kampf nicht einmal zu gewinnen, er muss sich lediglich stellen. Kämpferehre und so.

Eigentlich sei auch abgemacht gewesen, dass die B&H-Supporter ihre Westen nicht hätten tragen dürfen. Darüber haben sie sich jedoch hinweggesetzt. «Um den Frieden zu wahren und die Durchführung des Events zu garantieren, liess ich die B&H-Supporter gewähren.»

Den Feind als Bruder

Will man verstehen, weshalb Wiederkehr Kontakte zu Organisationen wie B&H pflegt, muss man einen Blick in die Vergangenheit werfen. In die Zeit, als er sich zum Anführer der Hardturm-Front der Grasshoppers hochprügelte – und diese mit dem stadtinternen Todfeind, den City Boys des FCZ, vereinte.

Obwohl Wiederkehr selbst ein FCZ-Fan war, schleppte ihn ein Freund eines Tages an einen GC-Match, stellte ihn den Hooligans der Hardturm-Front vor. Diese nahmen ihn mit an die dritte Halbzeit, eine organisierte Schlägerei verfeindeter Hooligan-Gruppierungen nach Ende des Spiels. Wiederkehr war sofort angefixt. Schnell kletterte er die Hooligan-Karriereleiter empor. «Es war nicht leicht, diesen 120-Kilo-Hünen aus der vordersten Reihe niederzustrecken», erinnert sich «Frosch», eine Basler Hooligan-Grösse aus den 90er-Jahren. Bald führte Wiederkehr die Hardturm-Front in den Schlachten an.

«Wir verprügelten uns gegenseitig, während sich die Basler ins Fäustchen lachten.»Dominik Wiederkehr

Damals galten die GC-Hooligans als Sammelbecken für Rechtsextreme. «Die Neonazis interessierten mich jedoch nicht. Ich hatte mit dieser Ideologie nichts am Hut, im Gegenteil, ich war eher links, wenn man denn solche Etiketten gebrauchen will, lief oft am 1. Mai an der Demo mit», so Wiederkehr. Die Rechtsextremen schienen ihn aber auch nicht zu stören. Man kannte und respektierte sich. Was ihn hingegen interessiert habe, war der Rausch im Kampf, das Adrenalin, der Zusammenhalt in der Gruppe: «Dass man auch mal gegen einen übermächtigen Gegner gemeinsam stehen bleibt, obwohl man genau weiss, dass man aufs Dach kriegen wird.»

Die unbestrittene Nummer eins war Ende der 90er-Jahre die Bande Basel. Um dieser Vormacht ein Ende zu setzen, schmiedete Wiederkehr, der ehemalige FCZ-Fan, einen kühnen Plan: Er wollte seine GC-Hooligans mit den Hooligans der City Boys des FCZ vereinen. Dass Zürich eine geteilte Stadt war, ging ihm einfach nicht in den Kopf: «Wir verprügelten uns gegenseitig, während sich die Basler ins Fäustchen lachten.»


Gesoffen, geprügelt – verhaftet Marc F. war während 12 Jahren Basler Hooligan und hat es dabei wild getrieben. Nicht einmal das Stadionverbot hat ihn gestoppt – dafür ein anderes einschneidendes Erlebnis. (Abo+)


Zum Zusammenschluss sei es 2003 gekommen, als ein Gründungsmitglied der Hardturm-Front seinen Geburtstag im Club Z, einem FCZ-Lokal in Altstetten feiern durfte und zur späten Stunde einige Hooligans der City Boys dazustiessen. Man habe beschlossen, den nächsten Match eines Zürcher Clubs gemeinsam zu besuchen. «Die Polizei erwartete uns bereits in Lugano», erinnert sich Wiederkehr. Die gemeinsame Carfahrt artete jedoch zu einem Saubannerzug aus, der Chauffeur weigerte sich weiterzufahren. «Also beschlossen wir, statt nach Lugano nach Bern zu gehen, wo sich die YB-Fans ebenfalls mit ihrem Gegner verabredet hatten.»

Der Ausflug in die Hauptstadt wurde aus Sicht der Zürcher zum Erfolg: «Erst boxten wir die verdutzten Berner weg, dann ihre Gegner. Von da an war klar: Zürich gehört zusammen», erinnert sich Wiederkehr. Aus diesem Zusammenschluss wird später die europaweit berüchtigte Hooligan-Gruppierung Zürichs Kranke Horde (ZKH) hervorgehen. Jedoch nicht mehr unter Wiederkehrs Ägide.

Unter polnischen Kampfstiefeln

Am Tag, an dem Wiederkehr aussteigen wird, glaubt er zu sterben. Im August 2005 spielt der FCZ im alten Letzigrund-Stadion gegen Legia Warschau um die Uefa-Qualifikation. Wiederkehr führt die vereinten Zürcher gegen die polnischen Hooligans an, wird dabei aber von seinen eigenen Leuten im Stich gelassen: «Plötzlich lag ich am Boden, von den Zürchern war weit und breit niemand mehr zu sehen, sie rannten vor dem übermächtigen Gegner davon.» Über ihm kreisen ein Dutzend polnische Kampfstiefel, allesamt treten sie unablässig auf ihn ein. Jede Sekunde dauert gefühlt eine Minute, Zeit zum Reflektieren: «Plötzlich musste ich an meinen Sohn denken, mir kamen Zweifel, ich beschloss aufzuhören.»

«Mein Leben fühlt sich an wie ein ewiger Jetlag.»Dominik Wiederkehr

Als Wiederkehr selbst noch ein Kind war, fällt ihm an einem Juniorenturnier ein nicht verankertes Tor auf den Kopf, zerschmettert ihm das Gesicht von den Augen an abwärts. Der Druck im Kinderkopf bricht ihm ein frankengrosses Loch aus der Stirnplatte. Der Unfall beschädigt wohl den Frontallappen des Gehirns und legt damit den Grundstein für seine Hooligan-Karriere: Als Spätfolge erkrankt Wiederkehr Jahre nach dem Unfall an Narkolepsie, einer Schlafkrankheit, die bis heute seinen Tag/Nacht-Rhythmus durcheinanderbringt. «Mein Leben fühlt sich an wie ein ewiger Jetlag», so Wiederkehr. Um tagsüber nicht einzuschlafen, muss er ständig in Bewegung bleiben. «Früher hielt mich das Kämpfen wach, heute das Training.»

Zahlreiche Anzeigen waren der Preis dafür, dass er sich keine andere Tätigkeit suchte, die denselben Zweck erfüllt hätte. Wiederkehr ist zwar nicht besonders stolz darauf, bereuen tut er seine Zeit als Hooligan aber nicht: «Ich würde alles nochmals genau gleich machen.»

Aufgewachsen ohne Zäune

Gross geworden war er im Zürcher Säuliamt in einer Gemeinschaftssiedlung, die seine Eltern zusammen mit zehn weiteren Familien gegründet hatten. Sein Vater, Roland Wiederkehr, war 16 Jahre lang Nationalrat, baute den WWF Schweiz auf, initiierte den VCS und gründete zusammen mit Gorbatschow das Grüne Kreuz. Davon, dass sein Sohn zwei verfeindete Hooligan-Gruppierungen vereint hat, hört Roland Wiederkehr auf Anfrage zum ersten Mal.

Überrascht hat es ihn nicht: «Wir zogen unsere Kinder mit sehr vielen Freiheiten auf. Eine Regel in unserer Siedlung lautete, dass es zwischen den Gärten keine Zäune geben darf.» Kein Wunder, störte sich Wiederkehr Junior daran, dass seine Stadt eine geteilte war. Zumal sein Herz heute noch für beide Clubs schlägt.

*Namen geändert

Erstellt: 17.08.2019, 11:56 Uhr

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