«Die sind alle mindestens so gescheit wie ich»

Universitätsrektor Michael Hengartner wechselt an die Spitze der ETH. Der 53-Jährige über seine steile Karriere und weshalb er so begehrt ist.

«Verordnungen, Papierkriege sind Gift – da verlieren wir Zeit für die Forschung»: Noch-Unirektor Michael Hengartner räumt sein Büro Ende Monat. Foto: Raisa Durandi

«Verordnungen, Papierkriege sind Gift – da verlieren wir Zeit für die Forschung»: Noch-Unirektor Michael Hengartner räumt sein Büro Ende Monat. Foto: Raisa Durandi

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Michael Hengartner, Sie werden ETH-Ratspräsident und verlassen den Rektorenposten an der Universität nach sechs Jahren. Das ist gerade mal die Dauer eines Studiums.
Es ist wichtig, dass es bei Rektoren zu Wechseln kommt – genau gleich wie in der Wirtschaft.

Weshalb?
Sie kommen ins Amt mit Ideen und Ambitionen, merken, dass Sie gewisse Dinge erreichen, andere nicht. Irgendwann gelangen Sie an einen Punkt, wo es nur noch ums Verwalten geht. Die Visionen ver­fliegen. Dann braucht es wieder frische Leute mit neuen Ideen.

Sie haben den Status des reinen Verwalters also bereits erreicht?
Nein, aber ich habe mir geschworen, zu gehen, bevor dieser eintritt. Ich hätte meine zweite Amtsperiode im Grunde gerne zu Ende gebracht. Ich überlegte oft: Was mache ich nach dem Rektorenamt? Der Markt für Alt-Rektoren ist klein. Ich hatte Angebote von ausländischen Unis, doch dann hätte ich umziehen müssen – schwierig mit vier schulpflichtigen Kindern. Dann ergab sich die Gelegenheit beim ETH-Rat.

Wo an der Uni ist am meisten Hengartner drin?
Drei Werte: Mensch, Raum und Diversität. Wir sind heute eine People-Institution. Zusammengesetzt aus Forschern, Dozentinnen, Mitarbeitendern und Studentinnen. Wir sind extrem divers, rund 100 Nationen sind vertreten. Dieser Mix aus Ideen und Kulturen setzt eine riesige Energie frei.

Haben Sie konkret Instrumente geschaffen, um Ihr Ziel zu erreichen?
Wir haben die Stände reorganisiert. Seither haben alle ein Mitspracherecht – auch das administrative und technische Personal. Sie sind nun gleichberechtigt zu den Professoren, Studentinnen oder Doktoranden. Vom Mitspracherecht hängt unser ganzer Erfolg ab: Wir haben etwa 700 Dozierende, die alle mindestens so gescheit sind wie ich.

Ihre Karriere verläuft steil: Vom Rektor der grössten Universität zum Rats-Präsidenten der bekanntesten Hochschule. Weshalb sind Sie so begehrt?
Das müssen Sie andere fragen. Auf meinem Grabstein wird wohl stehen: Er hatte mehr Glück als Verstand. Ich hatte Glück, mehrmals in ein Umfeld zu kommen, das mich gefördert hat. Dafür bin ich dankbar.

Grafik vergrössern Neu in der Verantwortung von Michael Hengartner: Der gesamte ETH-Bereich

Sie haben sechs Kinder grossgezogen und zugleich Karriere gemacht. Wie packen Sie alles unter einen Hut?
Mit wenig Schlaf, sehr wenig. Es gibt Tage, da trinke ich bis Mittag sieben Kaffees. Am Nachmittag schalte ich auf Grüntee um … Ernsthaft: Der grösste Kredit geht an meine Frau. Wenn jemand Bewunderung verdient, dann sie.

Nun wechseln Sie in den ETH-Bereich. Was wird Ihre grösste Herausforderung sein?
Was braucht es, um erfolgreich zu bleiben? Erstens: Offenheit, mit anderen Hochschulen und Forschenden zusammenzuarbeiten. Das heisst, die besten Köpfe der Welt zu rekrutieren sowie ein steter Austausch mit der Gesellschaft und der Wirtschaft – kein Elfenbeinturm! Zweitens: Autonomie. Je mehr wir uns schützen vor der Bürokratie, desto besser. Die Politik soll den Rahmen setzen, aber nicht in die Forschung eingreifen Verordnungen,Papier­kriege sind Gift – da verlieren wir Zeit für die Forschung. Eine Professur funktioniert wie ein KMU, sie wählt eigene Mitarbeiter, hat ein eigenes Budget und eine Produktionslinie – die Forschung. Drittens: eine stabile öffentliche Finanzierung.

Die ETH stand zuletzt häufig in der Kritik: Machtmissbrauch, eine entlassene Professorin, ein geschlossenes Institut. Was haben Sie als Aussenstehender gedacht?
Die Analogie mit dem KMU: eine kleine Gruppe mit einem Chef, der die Verantwortung trägt. Eine gewisse Abhängigkeit ist fast unausweichlich. Das ist nicht per se schlecht: Ich hatte einen Mentor, der mich sehr gefördert hat.

Nicht alle Doktoranden haben dieses Glück.
Ein Grund, weshalb es zu solchen Vorfällen kommt: Die Gesellschaft hat sich verändert. Heute haben Doktoranden ein Leben neben dem Job, sie lassen sich nicht alles gefallen. Das ist gut so. Wer eine akademische Karriere einschlägt, muss aber diese Extrameile gehen. Spitzenforschung ist wie Spitzensport – Roger Federer hätte nie Karriere gemacht, wenn er nur zweimal die Woche trainiert hätte. Talent alleine reicht nicht, es braucht die Bereitschaft, auch mal eine 80-Stunden-Woche zu leisten.

Viele wollen einfach einen Abschluss.
Da kann es zu Missverständnissen kommen. Professoren setzen teilweise automatisch voraus, dass ihre Doktoranden das Gleiche wollen wie sie selbst damals. Ein Ziel wird nicht vereinbart, es kommt zum Mismatch.

Es gab pädagogische Missgriffe, bis hin zu Mobbing.
Die Professoren werden geholt, weil sie hervorragende Forscher sind, nicht aufgrund ihrer emotionalen Intelligenz. Deshalb braucht es Führungskurse, wie sie nun angeboten werden. Professorinnen müssen heute auch Manager sein. Trial and Error funktioniert nicht mehr.

«Die Hochschulen müssen mehr Drittmittel einwerben – allerdings unter Einschränkung. Angelsächsische Verhältnisse, bei denen ein Grossteil fremdfinanziert wird, wollen wir nicht.»

Eine Mehrfachbetreuung könnte die Abhängigkeit vom Doktorvater verringern.
An der EPFL ist das schon Standard. An der UZH bieten einzelne Fakultäten systemathisch eine Mehrfachbetreuung, in anderen ist es on the way. Auch an der ETH soll es nun flächendeckend eingeführt werden.

Auch an der Universität kam es zu Machtmissbrauch. Die Hochschule konnte jedoch verhindern, dass es zum grossen Aufschrei kam. Weshalb?
Reines Glück. Ich würde gern sagen, wir haben das Problem früher erkannt und angepackt. Aber das ist nur Teil der Wahrheit. Schwierige Persönlichkeiten gibt es überall.

Der ETH-Bereich wird umgebaut. Erste Massnahme: Die Forschungsanstalten WSL und Eawag fusionieren zum Super-Institut für ­Klimaforschung. Sind weitere Schritte geplant?
Der ETH-Rat hat den Klimawandel zur Mission ernannt. In diesem Bereich könnten auch die Institute Empa und PSI sowie die Hochschulen ihren Beitrag leisten. Ohnehin: In Vernetzungen liegt meiner Meinung nach das grösste Potenzial. Ich habe mehrere Ideen, um die Zusammenarbeit zwischen dem ETH-Bereich und der UZH zu verstärken.

Die wären?
Fragen Sie mich in 100 Tagen nochmals.

Das werden wir. Was kann die ETH betreffend Klimawandel liefern? Ein konkretes Beispiel, bitte.
Die EPFL etwa entwickelte eine Methode, um CO2 in CO durch Elektronentransfer zu kataly­sieren. Aus dem CO kann man danach neue Energieträger produzieren. Die Empa arbeitet mit einem Spin-off, um Solarzellen auf Oberflächen zu drucken, was ganz neue Anwendungen erlaubt. Letztes Beispiel: das ETH-Spin-off Clime­works, das CO2 aus der Luft filtert, zu Pflanzen leitet, die es mittels Fotosynthese in Zucker verwandeln.

367 Millionen: Keine Hochschule treibt so viele Drittmittel ein wie die ETH. Wie viel Sponsoring verträgt eine Hochschule?
Die Hochschulen müssen mehr Drittmittel einwerben – allerdings unter Einschränkung. Angelsächsische Verhältnisse, bei denen ein Grossteil fremdfinanziert wird, wollen wir nicht. Die öffentliche Finanzierung soll weiterhin den Grossteil ausmachen. Das gibt uns Stabilität und senkt die Abhängigkeiten von der Wirtschaft. Kommt dazu: Drittmittel lassen sich nicht überall so gut akquirieren wie etwa für Medizin. Für Ethik, deutscher Literatur oder Geschichte ist es schwieriger. Wollen wir deshalb auf diese Bereiche verzichten? Nein.

Nennen Sie ein Sponsoring-Beispiel, das Sie ablehnen würden.
Wir haben in der Vergangenheit schon Schenkungen abgelehnt. Ein hypothetisches Beispiel: Auf eine Tabakfirmen-Professur würden wir wohl verzichten.

«Ich bin geduldig geworden. Je grösser der Laden, desto lang­samer die Prozesse.»

Die Uni Zürich legt sämtliche Schenkungen offen. Wo steht die ETH?
Sie ist noch nicht so weit. Doch der Druck wächst. Ich wäre nicht überrascht, wenn die ETH in diesem Bereich vorwärtsmacht. Alleine kann ich nicht entscheiden. Aber als Ratspräsident werde ich die Transparenzdiskussion vorantreiben.

Die ETH bildet teure Spezialisten aus, etwa im IT-Bereich. Wie kann die Hochschule sicherstellen, dass ausländische Talente nach ihrer Ausbildung in der Schweiz bleiben?
70 Prozent der ausländischen Studierenden bleiben in der Schweiz. Nur mit Einheimischen herrscht Fachkräftemangel. Die meisten wollen hierbleiben. Sie gehen über die Strasse zu G­oogle oder zu IBM.

… wenn dies durch das Drittstaaten-Kontingent nicht verhindert wird.
Eine politische Frage. Wäre es nicht sinnvoll, wenn Menschen, die in der Schweiz ein ­Studium abschlossen haben, vom Kontingent ausgenommen würden? Diese Leute sind hier, also wäre es sinnvoll, ihnen einen Job zu geben, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen.

Was war Ihre grösste Fehlleistung als Rektor?
Eine Mitarbeiterumfrage ergab kürzlich, dass viele nicht wissen, wo die Universität Zürich genau hingeht. Dies legt nahe, dass ich noch mehr in die interne Kommunikation hätte investieren sollen.

Was haben Sie für sich persönlich gelernt?
Ich bin geduldig geworden. Je grösser der Laden, desto lang­samer die Prozesse. Diese Erfahrung hilft mir auch an der ETH.

Erstellt: 17.01.2020, 09:21 Uhr

Michael Hengartner: Vom Wurmforscher zum Präsidenten

Der gebürtige St. Galler wuchs im kanadischen Québec-City auf. Als Molekularbiologe richtete er sein Forschungsgebiet auf einen winzigen Wurm namens Caenorhabditis. Robert Horvitz, sein Mentor am Massachusetts Institute of Technology, gewann damit den Nobelpreis, Hengartner machte akademisch Karriere. Die Universität holte den schweizerisch-kanadischen Doppelbürger, der gerne Anglizismen benutzt, nach Zürich. Ab 2009 fungierte er als Dekan der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät. Als Dozent ist Hengartner beliebt: 2010 erhält er für seine Genetikvorlesung den «Award for Best Teaching». Die Karriere verläuft weiter steil: 2014 übernahm Hengartner das Rektorenamt und 2016 die Präsidentschaft von Swissuniversities. Nun ruft die nächste Station: Ab dem 1. Februar amtet der mittlerweile 53-Jährige als Präsident des ETH-Rats. (mrs)

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