Flughafen

Zürcher Obergericht verurteilt Fluglotsen

Der Skyguide-Fluglotse, der einen Beinahe-Zusammenstoss zweier Flugzeuge verursacht hatte, wird für seinen Fehler bestraft. Das Zürcher Obergericht hat ihn zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Skyguide kritisiert das Urteil.

Das Zürcher Obergericht hat einen 36-jährigen Skyguide-Mitarbeiter zur einer bedingten Geldstrafe verurteilt.

Das Zürcher Obergericht hat einen 36-jährigen Skyguide-Mitarbeiter zur einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der 36-Jährige wurde wegen fahrlässiger Störung des öffentlichen Verkehrs zu einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 210 Franken verurteilt. Die Probezeit beträgt zwei Jahre.

Der Skyguide-Mitarbeiter hatte im März 2011 zwei Swiss-Maschinen mit insgesamt über 260 Menschen an Bord kurz nacheinander die Start-Erlaubnis erteilt – allerdings auf den sich kreuzenden Pisten.

Einer der Piloten bemerkte die Gefahr und brach den Start im letzten Moment ab. Wenige Sekunden später erteilte auch der Lotse den Befehl - allerdings erst, nachdem bei ihm ein Alarm losgegangen war. Ein Gutachten geht davon aus, dass der Start zu diesem Zeitpunkt aber gar nicht mehr hätte abgebrochen werden können, weil die Maschine schon zu schnell unterwegs war. Ein Startabbruch bei solch hohem Tempo hätte ebenfalls zu einem schweren Unfall geführt.

Die Crew im zweiten, voll besetzten Flugzeug bekam von der brenzligen Situation nichts mit. Dass es nicht zur Katastrophe kam, ist gemäss Gericht einzig dem einen Piloten zu verdanken, der aus dem Cockpitfenster zufällig das seitlich heranfahrende Flugzeug sah.

Zu viel Arbeit, fehleranfällige Technik

Der Lotse gab beim Prozess an, dass er das Gesamtbild kurz aus den Augen verloren habe, weil er sich um anstehende Messflüge gekümmert habe. «Es gibt aber eine Pflicht zur ständigen Überwachung», sagte der Richter. Ein Lotse müsse das Gesamtbild jederzeit im Kopf haben. «Er hat schlicht die Prioritäten falsch gesetzt.»

Mit seinem Urteil bleibt das Obergericht unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die 180 Tagessätze und somit die doppelt so hohe Bestrafung gefordert hatte. Die Oberrichter erkannten aber gleich mehrere strafmildernde Gründe.

Zum einen das hohe Arbeitspensum, das dem Lotsen damals aufgebürdet wurde. Er war seit Stunden im Dienst. Zudem sei sein Arbeitsplatz «ergonomisch suboptimal» gewesen und das Alarmsystem fehleranfällig.

Der Richter äusserte denn auch Verständnis. «Wir sind uns sehr bewusst, dass diese Tätigkeit äusserst anspruchsvoll ist.» Weil hier aber schon kleine Fehler zu Katastrophen führen könnten, würden auch fahrlässige Gefährdungshandlungen geahndet. Ähnliche Regeln gelten beispielsweise für Baufirmen.

Die Vorinstanz, das Bezirksgericht Bülach, war im Dezember 2016 anderer Meinung und sprach den 36-Jährigen frei. Es vertrat die Haltung, dass der Lotse nicht für etwas verurteilt werden könne, das gar nicht passiert sei.

Er bleibt angestellt

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es kann noch ans Bundesgericht weitergezogen werden. Skyguide dürfte diesen Schritt voraussichtlich auch gehen, denn der Flugsicherung geht es ums Prinzip. Ein solches Urteil mache die Flugsicherung keineswegs sicherer, sondern gefährde vielmehr die Sicherheitskultur, teilte das Unternehmen noch während der Urteilseröffnung mit.

Die Luftfahrt sei darauf angewiesen, dass Lotsen, Techniker und Piloten ohne Angst Vorfälle von sich aus melden könnten. Nur so könne die Sicherheit kontinuierlich verbessert werden.

Der Lotse wird trotz Verurteilung nicht entlassen. Er arbeitet seit dem Vorfall im Hintergrund und kümmert sich um die Weiterentwicklung der Sicherheit. Aktuell absolviert er zudem eine Ausbildung, um wieder in seine alte Funktion zurückkehren zu können. (mst/sda)

Erstellt: 12.12.2018, 16:01 Uhr

Artikel zum Thema

Fluglotsen fürchten wegen Prozess um ihre Fehlerkultur

Zürich Darf ein Fluglotse für einen Fehler bei der Arbeit bestraft werden – obwohl niemand zu Schaden kam? Über diese Frage muss das Zürcher Obergericht im Fall eines 36-jährigen Lotsen entscheiden. Mehr...

Lotse nach Beinahe-Crash angeklagt

Bülach Am Mittwoch musste sich ein 48-jähriger Flugverkehrsleiter wegen einer Beinahe-Kollision vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. Bei der Befragung bezeichnete er den Vorfall als alltäglich. Ein betroffener Pilot, der bereits über 18 000 Flugstunden geleistet hat, sieht das anders. Mehr...

Erneut steht ein Fluglotse in Bülach vor Gericht

Bezriksgericht/Flughafen Eine falsch eingeschätzte Situation, hätte beinahe zu einem Crash zweier kleineren Flugzeuge geführt. Obwohl sich der Vorfall bereits vor sechs Jahren ereignete, muss sich der Fluglotse erst kommenden September vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!