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DorfgeflüsterWo der Ochse im Amt wiehert

In Herrliberg trägt das Gemeindehaus den Übernamen «Ochseschüür». Woher dieser wohl kommen mag? Ein Erklärungsversuch.

Darüber spricht das Dorf.
Darüber spricht das Dorf.
Illustration: Olivier Samter

Das Gemeindehaus in Herrliberg wird im Volksmund «Ochseschüür» genannt. Wer jetzt lacht, sollte wissen, dass im Herrliberger Dorfwappen drei Ochsenjoche dargestellt sind. Logisch. Doch dann erfährt der Autor, dass auch das Gebäude der Stadtverwaltung Wädenswil «Ochseschüür» geheissen wird – ohne Bezug zum Wappen. In Horgen wurde das Gemeindehaus früher, vor allem an der Fasnacht, ebenso betitelt. Jetzt darf gelacht werden.

Der Spitzname veranlasst, nach Deutungen zu suchen. Diese reichen in die Urzeit des Menschen, als er vom Nomaden zum sesshaften Bauern mutierte. Der Ochse ist nämlich das älteste Zugtier in der Feldwirtschaft. Hier wird also kraftvolll der Karren und der Pflug durch den Acker gezogen. So steht der Ochse als positives Symbol für die Gemeindeverwaltung und Kommunalpolitik.

Der Ochse ist aber auch ein kastriertes Rind, bekannt als gutmütig, behäbig, langsam und unfruchtbar. Mit solchen Attributen gerät die «Ochseschüür» schon weniger zur schmeichelhaften Bezeichnung. Sie treffen heute auch nicht mehr zu. In den Gemeindehäusern arbeiten ebenso Frauen, und friedfertig geht es dort nicht immer zu. Auch dass die Arbeit dort unfruchtbar sei, wäre eine bösartige Unterstellung.

Der Stäfner Gemeindeschreiber Daniel Scheidegger hält darum eine selbstironische Erklärung bereit, weshalb eigentlich jedes Gemeindehaus eine «Ochseschüür» ist: «Ich glaube, dass der Begriff für all jene steht, die in solchen Häusern für das Gemeinwohl arbeiten, ausnahmslos faul, überbezahlt und fett sind. Denn nach landläufigem Verständnis stehen in einer Ochseschüür die Ochsen ja auch taten- und orientierungslos herum und warten auf das Futter, das ihnen natürlich andere reichen müssen.»

Bleibt nur die Frage offen: Sind es auch Ochsen, die als Amtsschimmel wiehern?