Das Hassthema, das mit B beginnt

Das Brexit-Referendum brachte nichts als Streit und Spaltung über die Insel. Oder? Falsch. Unterwegs in Hope, Mittelengland.

Der Peak District, Wälder, Wiesen, Gipfel – ein Paradies für Wanderer. Vom Streit über den Brexit hat man hier genug, längst genug. Foto: Robert Harding (Alamy)

Der Peak District, Wälder, Wiesen, Gipfel – ein Paradies für Wanderer. Vom Streit über den Brexit hat man hier genug, längst genug. Foto: Robert Harding (Alamy)

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Hope ist ein guter Ort, um herauszufinden, was die «wichtigste historische Entscheidung seit dem Zweiten Weltkrieg», wie britische Politiker betonen, mit Grossbritannien gemacht hat. Das Dorf liegt zwischen Manchester und Sheffield; Akademiker, pensionierte Beamte, Öko-Bauern und Industriearbeiter aus der örtlichen Zementfabrik leben Tür an Tür. Das Tal ist Durchschnitt.

50,5 Prozent der Wähler im Wahlkreis High Peak District, in dem Hope liegt, haben für den Austritt gestimmt – und 49,5 Prozent für den Verbleib in der EU. Den Unterschied machten 601 Stimmen; die Sache war noch knapper als anderswo. Wer aus Erfahrung weiss, wie das in ländlichen Gegenden ist, wo man sich gut kennt, oft sogar zu gut, und wo man sich nicht aus dem Weg gehen kann, der kann sich vorstellen, was das bedeutet: 27'717 Leave- gegen 27'116 Remain-Stimmen. Tiefer gespalten kann ein Landstrich gar nicht sein. Und doch haben sie sich hier nicht die Köpfe eingeschlagen. Im Gegenteil. Warum nicht?

Das Hassthema, das mit B beginnt

In einem reizenden vegetarischen Restaurant in Castleton, zwei Meilen von Hope entfernt, sitzen zwei entspannte, sanfte Frauen, die im Mai 2019 überraschend für die Grüne Partei in den Gemeinderat von Hope Valley eingezogen sind. Joanna Collins (65) und Charlotte Farrell (62) sind, genau genommen, die einzigen beiden Gemeinderätinnen von Hope Valley. Wenn man bedenkt, dass im Parlament in Westminster gerade mal eine grüne Abgeordnete sitzt, so ist das, statistisch gesehen, eine wahnsinnig gute Quote.

Charlotte ist Juristin und mit einem Schuhmacher verheiratet. Joanna ist Literaturwissenschaftlerin, ihr Mann ist gerade mit einer Kirchendelegation im Westjordanland. Zum Treffen kommen beide über die Hügel mit dem Rad, sie essen fleischlos. Macho-Geschrei, in Westminster an der Tagesordnung, ist ihnen fremd. Geht ja auch anders, sagen sie.

Bei den Kaffeekränzchen wird über zwei Dinge kein Wort geredet: Krankheiten und Brexit.

Die beiden wollen gerne glauben, dass es der Klimawandel ist, der ihnen nach mehreren vergeblichen Wahlkämpfen diesen Überraschungserfolg beschert hat. Aber dann lacht Charlotte Farrell doch ein wenig nachgiebig, sie sagt: «Die Wähler wollten unbedingt und dringend einen Wandel. Sie wollten für keine der etablierten Parteien mehr stimmen. Sie wollten etwas ganz anderes.» Zumindest bei den Lokalwahlen im Mai gab es keine Politikverdrossenheit, keine Abkehr von der Demokratie. Nur eine Abkehr vom Brexit.

Die zwei Neu-Politikerinnen reden höchst ungern über dieses Thema. Nicht nur, weil sie in Hope Valley natürlich mit banaleren Fragen zu tun haben, Bauplanung etwa oder Mülltrennung. Sondern auch, weil ihre Wähler nicht über den Brexit reden wollen. «Die Leute haben die Nase voll. Diese schlecht gelaunte, polarisierte, irrationale, hasserfüllte, ärgerliche, sinnlose Debatte wollen sie nicht mehr führen», sagt Collins, «sie wollen ihre Ruhe.»

Ihre Ruhe?

Das klingt nicht nach «Verleugnung, Verweigerung, Frust, Wut, Aggression und Übertragung negativer Gefühle». Das sind die Begriffe, die derzeit unter Experten und Psychologen mit Blick auf das grosse Hassthema, das mit B beginnt, kursieren. Eine ganze Branche setzt sich mit «Brexit-Unsicherheit» oder «Brexit-Trauer» auseinander. Fachjournale publizieren Texte zur «Massenpsychologie des Brexit», die «Mental Health Foundation» erstellt Studien zur «Brexit-Angst».

In Hope haben sie einen anderen Weg gefunden, mit der Kakofonie der Meinungen umzugehen. Harmonisch geht es auch hier nicht zu, das ist schwer zu überhören, denn St. Peter, die anglikanische Kirche, hat eine neue Glockenläut-Gruppe, und die ist nicht eingespielt. Eigentlich soll das Geläut eine kurze, schöne Melodie ergeben, aber die Gemeindemitglieder, die am Sonntagmorgen im Glockenturm an ihren Seilen hängen, üben noch.

Das ist aber auch die einzige Irritation an diesem Morgen. Der Familiengottesdienst ist mässig besucht; die meisten Einwohner sind damit beschäftigt, die tausend und abertausend Wanderer zu versorgen, die tagein, tagaus im Peak District einfallen. Father Lyonel gibt spasseshalber John Bercow: «Ordeeerrr», ruft er, den mittlerweile legendären Ton des Parlamentssprechers in Westminster imitierend, bevor die Predigt beginnt. Diese, verspricht er, werde «Brexit-frei» sein.

Früher dafür, jetzt dagegen

Hinterher gibt es Kaffee und Kuchen und eine Überraschung: In der Runde sitzt kaum jemand, der seine Meinung zum Brexit nicht geändert hätte. Besagen landesweite Umfragen nicht, dass die Fronten im Brexit-Streit gleich geblieben seien? Seit vielen Monaten gibt es eine kleine, stabile Mehrheit für Remain; würde heute noch mal abgestimmt, würde das Referendum wohl knapp anders herum ausgehen. Aber würde das Thema damit verschwinden?

In Hope jedenfalls sind die Fronten aufgeweicht. Da sind zum Beispiel der Vikar, Martin Hayes-Allen, und sein Mann Robert Forman. Die beiden sind seit 30 Jahren ein Paar, seit 15 Jahren verpartnert, seit fünf Jahren verheiratet. Hayes-Allen hat für Leave gestimmt. Er mochte das Freihandelsabkommen TTIP nicht, das die EU mit den USA aushandeln wollte. Hat sich mit Donald Trump erledigt. Jetzt ist Hayes-Allen Remainer.

Oder die Brüder Steven und James Melroy, der eine ist gerade mal 18 Monate älter als der andere. Steven hat Philosophie und Arabistik studiert und macht gerade ein paar Praktika, um seinen Lebenslauf für Bewerbungen aufzuhübschen. Sein Bruder James ist Chemiker, arbeitet aber zurzeit im Spar-Laden von Hope. Steven ist überzeugter Leaver; das Land sei wegen des Brexit nicht in der Krise, die Wirtschaft boome, alle Warnungen seien übertrieben gewesen, sagt er. Trotzdem: Bei längerem Nachdenken findet er es gut, wenn Grossbritannien im Binnenmarkt bliebe. Das sei ein guter Kompromiss, sagt er. Sein Bruder James ist vom Remainer zum Leaver mutiert. Die EU ist ihm zu undemokratisch. Das habe er erst nach dem Referendum verstanden.

Am klügsten gehen zwei alte Damen an die Sache heran, die im Gemeindehaus auf dem Wohltätigkeitsbasar jetzt schon für Weihnachten shoppen. Auriel Good und Joan Green, beide 92 Jahre alt, sind seit 30 Jahren befreundet. Ihre Männer sind im Abstand von einem Monat gestorben, ihre Kinder leben weit entfernt in irgendwelchen Ecken des Landes. Immerhin haben sie einander. Und sie haben eine eiserne Verabredung. Bei ihren Kaffeekränzchen wird über zwei Dinge kein Wort geredet: Krankheiten und Brexit.

Vielleicht stellen sich die Dinge einfach anders dar jenseits der Londoner Blase, vielleicht verschiebt sich die Optik? Der renommierte Fotograf Andrew Testa, dessen Fotos in den grossen Magazinen der Welt abgedruckt werden, stellt gerade eine Auftragsarbeit für die «New York Times» fertig. Das Thema: Brexit. Er war auch in Mittelengland, wo der Peak District liegt, er war überall im Königreich. Er bestätigt: «Die Leute sind müde, genervt. Sie können die Dauerschleife, die ewig gleichen Argumente nicht mehr hören. Aber die grosse Wut, den Hass, das gibt es vor allem in und um Westminster.»

Die Zahl der Abgeordneten, die attackiert, mit Mord und Vergewaltigung bedroht werden, ist rapide in die Höhe geschnellt.

In Hope fürchten sie sich vor diesem Hass. Und davor, dass er nach Norden schwappt; sie können die Wut in Westminster ja auch sehen, spüren, hören. Die Abgeordnete des High-Peak-Wahlkreises, Ruth George, die für Labour im Unterhaus sitzt, hat selbst viele Jahre eine Kampagne für «Freedom of Fear» geleitet, die Übergriffe von wütenden Kunden auf Verkäufer oder Angestellte thematisiert. Tatsächlich ist die Zahl der Abgeordneten, die attackiert, mit Mord und Vergewaltigung bedroht werden, rapide in die Höhe geschnellt.

Brexit-Hardliner warnen deshalb davor, den Brexit weiter zu verschleppen oder gar abzusagen. Die Folge würden Volksaufstände sein, enttäuschte Leaver würden auf die Strassen gehen und ihre Wut an den Verrätern auslassen, die daran schuld sind. Diese Drohungen verfangen nicht bei jedem. Und was die Dezember-Wahl angeht, ist noch nicht ausgemacht, wer danach als Sieger und als Volksheld, wer als Verlierer oder Verräter dasteht.

Erstellt: 01.11.2019, 11:54 Uhr

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