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Koch: «Wir müssen die Welle unbedingt zum Abflachen bringen»

Viele Fragen blieben gestern beim Bundesrat offen. Nun folgt mehr Klarheit, was die Umsetzung des Not-Regimes anbelangt. Wir berichten laufend.

Koch erklärt: Das Verhalten der Bevölkerung zähle. Quelle: Der Schweizerische Bundesrat

Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat die Bevölkerung erneut aufgerufen, sich an die vom Bundesrat verordneten Massnahmen zu halten. «Wir müssen die Welle unbedingt zum Abflachen bringen.» Ansonsten werde die Todesrate des Coronavirus steigen.

«Die Bevölkerung muss alles daran setzen, die Infektionen untereinander zurückzubinden», sagte Koch, Leiter Übertragbare Krankheiten im BAG, am Dienstag vor den Bundeshausmedien. Es gehe in erster Linie um die Risikopatienten. Diese müssten besser geschützt werden.

«Wenn uns das nicht gelingt, werden wir unsere Spitäler überlasten», sagte Koch. Momentan sei die Lage auf den Intensivstationen noch unter Kontrolle. Sinke die Hospitalisierungsrate aber nicht, dann werde es bald mehr Todesfälle zu beklagen geben.

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Koch sagte mit Blick auf die weiterhin stark steigenden Fallzahlen, dass sich diese auch in den kommenden Tagen weiter erhöhen würden. «Heute kommunizieren wir die Fälle, die sich vor knapp einer Woche angesteckt haben.» Aktuell seien viel mehr Personen betroffen. Wie griffig die am Freitag und Montag beschlossenen Massnahmen des Bundes seien, könne erst in einer Woche beurteilt werden.

Das BAG schätzt die Zahl der Infizierten derzeit auf rund 2650 Personen. Bis am Morgen war die Infektion gemäss diesen Angaben bei 2269 Personen definitiv bestätigt worden. Bei 162 weiteren stand die Bestätigung noch aus und 270 Meldungen waren noch nicht erfasst.

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Gemäss einer Zählung von Keystone-SDA sind am Coronavirus seit dem 5. März bereits 25 Menschen gestorben. Es handelt sich insbesondere um ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen. Das BAG hingegen meldete 19 Todesfälle durch die Lungenkrankheit Covid-19. Die Zahl könne von den Angaben der Kantone abweichen, schreibt es dazu.

«Maximal 1200 Intensivpflegebetten»

«Je weniger ältere Personen und Risikopersonen erkranken, desto weniger belegt werden Intensivspitäler sein», sagte Koch weiter. Maximal könnten in der Schweiz 1200 Intensivpflegebetten bereitgestellt werden.

Wie viele der aktuell 800 vorbereiteten Betten derzeit belegt seien, sei nicht bekannt, sagte Koch, Leiter Übertragbare Krankheiten im BAG, am Dienstag vor den Bundeshausmedien. Es sei an den Kantonen, die Belegung zu koordinieren.

Koch äusserte sich weiter zur Massnahme der öffentlichen Verkehrsunternehmen, die Kapazitäten in den kommenden Tagen herunterzufahren. «Ich war heute mit dem ÖV unterwegs, das Abstandhalten war gar kein Problem.» Es dürfe aber nicht passieren, dass es aufgrund der kleineren Zahl von Zügen zu einem Gedränge komme.

Generell gilt laut Koch der Grundsatz: Das Verhalten der Bevölkerung zähle, nicht die Massnahmen. Eine Ausgangssperre sei nicht notwendig, wenn sich alle Personen an die aktuell geltenden Empfehlungen und Weisungen hielten.

Der Wunsch der Bevölkerung nach Informationen sei ungebrochen hoch, sagte Koch. Am Montag hätten sich 15'000 Personen gleichzeitig auf der Homepage des BAG aufgehalten. Die Hauptfragen drehten sich um den Umgang mit Verdachtsfällen sowie die Diagnostik.

Der Bund rät ferner davon ab, Gesichtsmasken zu tragen. «Laien haben keine Ahnung, wie damit umzugehen ist», sagte Koch. Nur bei Erkrankten sowie beim Gesundheitspersonal machten solche Masken Sinn.

Heute fünf Flüge aus Marokko in die Schweiz für Gestrandete

In Marokko stecken Hunderte Reisende aus der Schweiz fest. Sie können ab Dienstag ausreisen. Fünf Flüge von Marrakesch in die Schweiz können durchgeführt werden. In den nächsten Tagen sollen weitere Flüge folgen.

Bisher hätten die Touristen wegen fehlender Fluggenehmigungen nicht aus Marokko ausfliegen können, sagte Peter Lenz, Chef des Krisenmanagement-Zentrums im Aussendepartement EDA, am Dienstagnachmittag vor den Medien in Bern. Die Blockade habe diplomatische Schritte erfordert, die nun Wirkung gezeigt hätten.

Buchung und Kosten gingen zu Lasten der Reisenden. Grundsätzlich bestehe kein Recht auf eine organisierte Ausreise aus Krisensituationen. Der Bund könne Hilfe und subsidiäre Unterstützung leisten.

Situationen wie in Marokko würden regelmässig geprüft. Sollte sich herausstellen, dass es für Touristen irgendwo auf der Welt nicht mehr möglich sei, auf dem Landweg oder auf eigene Faust auszureisen, werde das EDA solche Lagen eingehend prüfen und allenfalls Massnahmen ergreifen.

Industrie und Bau funktionieren weiter

Die Industrie und das Baugewerbe funktionieren trotz Corona-Notstand weitgehend weiter, sagte Seco-Direktorin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch am Dienstag vor den Medien. Noch nicht gelöst sei das Problem der Lieferung von medizinischen Ausrüstungen aus dem Ausland.

Man stehe in sehr engem Kontakt mit den betroffenen Unternehmen, die auf eine Lieferung warteten, die durch Deutschland führe. Seit die EU am letzten Donnerstag eine Bewilligungspflicht erlassen habe für solche Transporte, bestehe «eine gewisse Unsicherheit». Die Umsetzung sei noch nicht restlos geklärt. Aber das Seco scheue keine Mühe, «unsere Interessen durchzusetzen».

Ausgenommen vom bundesrätlichen Notrecht ist der Betrieb auf den Baustellen. Hier könnten die Kantone auch Regeln und gewisse Einschränkungen erlassen, sagte Jan Schüpbach vom Seco. Bisher seien ihm jedoch keine solchen bekannt.

Ineichen-Fleisch erklärte weiter, ab Donnerstag werde das Seco eine Hotline einrichten für Unternehmen. Zudem sei man daran, die Website zu verbessern. Für schriftliche Anfragen werde zudem eine Taskforce eingesetzt.

Die Bürgschaftsgenossenschaften würden zudem mehr Leute anstellen, damit die Gesuche der KMU rasch angeschaut werden könnten. Der Bund übernehme die Gesuchskosten und die Risikoprämien, sodass der Aufwand für Bürgschaften für Bankkredite auch für kleine Unternehmen verkraftbar sein sollte.

Noch gebe es keine Instrumente für die Bewältigung von Anfragen um finanzielle Unterstützung. Diese Lösungen seien nicht so schnell «erfindbar». Mit Dringlichkeitsmöglichkeiten im Notrecht könne dieser Prozess jedoch beschleunigt werden. Die Rechtsstaatlichkeit müsse aber in jedem Fall garantiert bleiben.

Um die Liquidität kurzfristig zu garantieren, sei das erste Rezept ein Antrag auf Kurzarbeit. Die entsprechenden Anfragen respektive Gesuche gehen laut Ineichen-Fleisch «exponentiell» in die Höhe. Exakte Zahlen habe sie aber nicht.

«Wir testen jeden Tag mehr»

Der Bund wehrt sich gegen den Vorwurf, dass er zu wenige und zu wenig gezielte Corona-Tests durchführe. «Wir testen jeden Tag mehr, und wir testen spezifisch», sagte Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die Möglichkeiten seien aber beschränkt.

Seit Montag seien in der gesamten Schweiz rund 2250 Tests durchgeführt worden, sagte Koch, Leiter Übertragbare Krankheiten im BAG, am Dienstag vor den Bundeshausmedien. Sehr viele davon seien negativ ausgefallen, obwohl vor allem Personen mit schweren Symptomen, Risikogruppen und Pflegepersonal getestet würden.

Die ganze Medienkonferenz zum Nachschauen. Quelle: Youtube

«Wir sind praktisch immer am Maximum.» Es kämen laufend neue Labors dazu, die Tests auswerten könnten. Deshalb könnten die Kapazitäten in einer Woche schon viel höher sein als heute. Die Tests seien «nicht gegen oben beschränkbar».

Es sei das Ziel, auch weniger symptomatische Personen zu testen, damit sich diese nach einem positiven Befund nicht mehr in der Öffentlichkeit aufhielten. Es sei aber nicht sinnvoll und derzeit auch nicht möglich, «alle zu testen, die den kleinsten Schnupfen haben». Personen, die sich krank fühlten, sollten sich isolieren und zuwarten, sagte Koch.

Kantone vollziehen Verordnung

Koch entgegnete auch Kritikern, wonach der Bund der Öffentlichkeit Zahlen verheimliche: «Im Moment ist der Anstieg einfach so schnell, dass wir die Daten nicht alle erfassen können.» Der Bund versuche «mit Volldampf», den Rückstand aufzuholen. Der Fakt, dass es einen Rückstand gebe, sage viel über den Ernst der Situation aus.

Dass die Kantone verschiedene Modelle zum Ausweiten der Tests erarbeiten, ist laut Koch nicht zu verhindern. «Die Kantone sind die Vollzugsorgane, sie haben die Freiheit dazu.»

Wenig betroffene Kinder

Schliesslich machte Koch noch einmal klar, dass Kinder nicht der Treiber der Epidemie seien. «Es sind nur wenige Kinder, welche die Krankheit übertragen.» Zudem seien in den Spitälern praktisch keine erkrankten Kinder zu sehen.

Kinder sollten deshalb ein «einigermassen normales Leben weiterführen können», sagte Koch. Eine Isolation wie bei Erwachsenen sei weder zielführend noch notwendig. «Kinder sind nicht die, die mir Sorgen machen.» Viel wichtiger sei, dass die Generationen getrennt würden.

Deshalb habe der Bundesrat auch davon abgesehen, Kindertagesstätten zu schliessen. «Grosseltern sollten aktuell keine Enkelkinder betreuen.»

Bisher gegen 2300 Rückweisungen an Landesgrenzen

Am Dienstag um Mitternacht hat die Schweiz Einreisebeschränkungen an den Grenzen mit allen Nachbarstaaten ausser Liechtenstein in Kraft gesetzt. Bis 10 Uhr am Vormittag wurden gegen 2300 Einreisewillige abgewiesen.

Diese Menschen hätten die Einreisebedingungen nicht erfüllt, sagte Christian Bock, Direktor der Eidgenössischen Zollverwaltung, am Dienstag in Bern vor den Medien. Generell habe der Verkehr an den Grenzen deutlich abgenommen.

Am stärksten war der Rückgang im Tessin. Im Vergleich zum Februar nahm der Verkehr um über 70 Prozent ab, wie Bock sagte. Auf das ganze Land gerechnet, betrug der Rückgang 37 Prozent.

Nicht eingeschränkt wird der Warenverkehr. Dem Zoll wurden weniger Importe und Exporte angemeldet, wie Bock ausführte. Die Situation sei aber nicht alarmierend. Kontrolliert wird an allen Grenzen ausser denjenigen der Schweiz mit Liechtenstein.

Schweizer Grenzwächter kontrollieren allerdings die Grenze von Liechtenstein mit Österreich. «Es kann deshalb zu Staus kommen», sagte Bock. Man sei aber bemüht, die Auswirkungen der Kontrollen möglichst gering zu halten.

Seit Dienstag um Mitternacht wird der Grenzverkehr in die Schweiz an den grösseren Übergängen kanalisiert, wie die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) am Montag mitgeteilt hatte. Rund 130 kleine Grenzübergänge sind ganz oder teilweise geschlossen worden.

BAG klärt Fragen für den privaten und den beruflichen Alltag

Die neue «ausserordentliche Lage» in der Schweiz wirft viele Fragen auf. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat in einem Merkblatt einige Antworten auf Fragen aus dem alltäglichen Leben und dem Berufsalltag festgehalten. So ist etwa ein privates Essen mit Freunden nicht verboten, und Kinder dürfen sich in kleinen Gruppen bis fünf Personen zum Spielen treffen.

Bei allen Treffen sollen die Empfehlungen betreffend Hygiene und der nötige Abstand möglichst eingehalten werden, schreibt das BAG im Merkblatt, das es auf seiner Website publiziert hat. Zudem seien die sozialen Kontakte grundsätzlich auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.

Gemischte Läden, Metzgereien, Tearooms

Unklar war die Situation etwa für Betreiber von Läden, die neben Produkten für den alltäglichen Bedarf – diese dürfen offen bleiben – auch andere Ware anbieten. Bei grösseren Geschäften mit verschiedenen Abteilungen müssen die Abteilungen für den nicht täglichen Bedarf abgesperrt werden.

In kleinen Läden, wo die unterschiedlichen Waren oft nebeneinander im gleichen Regal liegen, müssen die Produkte wegen des unverhältnismässigen Aufwands nicht getrennt werden.

Offen bleiben dürfen auch Bäckereien und Metzgereien, da sie als Lebensmittelläden gelten. Allerdings gibt es eine Einschränkung: So dürfen Bäckereien nur noch über die Theke verkaufen. Bäckereien mit Tearooms müssen den Café-Teil schliessen.

Tattoo-Studio, Gärtnerei, Baustellen

Unklar war auch die Frage, wer unter das Verbot für personenbezogene Dienstleistungen mit Körperkontakt fällt. Neben Coiffeur-, Kosmetik- und Massagesalons müssen auch Tattoo-Studios schliessen. Wer sich nur beraten lassen will, kann das.

«… dann könnte die Schweiz die Swiss günstig zurückkaufen»

Soll die Swiss Staatshilfe erhalten? Politiker ärgern sich über solches Gebaren – und machen eigene Vorschläge für die von der Corona-Krise gebeutelte Airline.

Gewerbebetriebe sind von den Verboten nicht erfasst, sie können weiterhin ihre Arbeit ausüben. Wenn aber etwa eine Landschaftsgärtnerei einen öffentlich zugänglichen Laden hat, muss sie diesen schliessen. Weitergearbeitet werden darf auch auf Baustellen.

Klarheit schafft das BAG auch bei der Ausnahmeregelung für Hotels. Dieses Ausnahme gilt auch für Motels, Jugendherbergen und SAC-Hütten. Airbnb-Angebote unterliegen keiner Einschränkung.

Physiotherapeut, Zahnärztin, Akupunkteur

Praxen und Einrichtungen von Gesundheitsfachpersonennach Bundesrecht und kantonalem Recht können offen bleiben. Als Gesundheitsfachpersonen gelten gemäss Gesetz neben dem Pflegefachpersonal die Physio- und Ergotherapeuten, Hebammen und Entbindungspfleger, Ernährungsberaterin und Ernährungsberater, die Optometristen und Osteopathen.

Nach kantonalem Recht gelten zusätzlich als Gesundheitsfachpersonen die Akupunkteure, Augenoptiker, Dentalhygieniker, Psychotherapeuten, Heilpraktiker, Homöopathen, Podologen und Therapeuten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM).

Die Gesundheitseinrichtungen sind allerdings dazu verpflichtet, unnötige oder nicht dringliche Eingriffe und Behandlungen, die verschoben werden können, auszulassen. Als nötig und nicht aufschiebbar gelten alle ärztlich verordneten Behandlungen und Therapien, wie eine ärztlich verordnete Physiotherapie.

Brigadier: Bisher acht Kantone baten Armee um Unterstützung

Bis zu 8000 Armeeangehörige sollen die zivilen Einrichtungen im Kampf gegen das Coronavirus unterstützen. Bisher acht Kantone machten bis Dienstag Gebrauch vom Angebot, die Armee um Hilfe zu bitten.

Angelaufen ist der Armeeeinsatz im Tessin, sieben weitere Kantone haben Unterstützungsgesuche eingereicht. Es seien Basel-Landschaft, Graubünden, Neuenburg, Thurgau, Wallis, Waadt und Bern, bilanzierte Brigadier Raynald Droz am Dienstag vor den Medien in Bern. Diese Gesuche würden nun geprüft.

Mit der Mobilisierung via Alertswiss-App und dem Rücklauf der Antworten habe man gute Erfahrungen gemacht, sagte Droz. Bei der Mobilisierung ist auch eine allfällige Ansteckung mit Sars-CoV-2 ein Thema. Alle Eingerückten würden zu Symptomen befragt, sagte Droz.

Bei Hinweisen auf eine Ansteckung würden die Armeeangehörigen in Isolation oder Quarantäne gesetzt. Zurzeit gelte Isolation für 50 Armeeangehörige, davon fünf positiv Getestete, sagte Droz, auf Fälle im Tessin angesprochen. 90 weitere seien in Quarantäne.

In den Augen von Droz hat die Armee in Sachen Coronavirus auch einen Erziehungsauftrag. Die jungen Leute sollten «mit etwas mehr Realität zurückkehren», wie er sagte. Gleichzeitig stehe die Armee in der Verantwortung, dass die jungen Menschen, die dort dienten, nicht an Covid-19 erkrankten.

Mobilisiert werden zunächst Armeeangehörige der vier Spitalbataillone sowie der fünf Sanitätskompanien. Die Armee kann rund 3000 Personen für sanitätsdienstliche Unterstützung stellen, wie es am Montag hiess.

SDA/cpm/sho

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