«Es gibt keine Lobby, die uns lenkt»

Prominenteste Teilnehmerin an der ersten europäischen Klimakonferenz von «Fridays for Future» in Lausanne war die schwedische Aktivistin Greta Thunberg.

Studentin Loukina Tille, Greta Thunberg, Nobelpreisträger Jacques Dubochet und Ernst Ulrich von Weizsäcker (von links) am Montag in Lausanne. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Studentin Loukina Tille, Greta Thunberg, Nobelpreisträger Jacques Dubochet und Ernst Ulrich von Weizsäcker (von links) am Montag in Lausanne. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer eine provokative Botschaft erwartete, wurde von Greta Thunberg gestern enttäuscht. Die 16-jährige schwedische Klimaaktivistin dankte der Bewegung «Fridays for Future» für das Engagement in Lausanne, stockte kurz und sagte dann: «In letzter Zeit habe ich schon so viel geredet, mehr habe ich nicht zu sagen.» Sie wolle einfach eine normale Teilnehmerin an dieser europäischen Klimakonferenz sein; der ersten, seit Greta Thunberg im letzten Sommer die Klimastreiks ins Leben gerufen hat.

Dennoch gab es gestern eine Medienkonferenz an der Universität Lausanne: mit Greta Thunberg im Zentrum. Das schüchterne Mädchen sitzt neben Grössen aus der Wissenschaft auf dem Podium. Neben Jacques Dubochet, Schweizer Nobelpreisträger in Chemie, und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Ehrenpräsident des Club of Rome. Stolz scheinen jedoch die beiden Herren zu sein, neben der jungen Dame zu sitzen, die in ihrem pinkfarbenen T-Shirt und der um die Hüfte gebundenen blauen Jacke kindlich, aber erstaunlich abgeklärt wirkt.

Die beiden bestätigen, dass Greta nur fordert, worauf die Wissenschaft seit mehr als 30 Jahren aufmerksam macht: den Ausstieg aus den fossilen Treib- und Brennstoffen. Erst letzte Woche machten Berner Forscher deutlich, dass sich die Erde in den letzten 2000 Jahren noch nie so rasant erwärmt habe wie derzeit.

«Was ist daran gefährlich, wenn ich nur sage, was die Wissenschaft weiss?»Greta Thunberg, Schwedische Aktivistin

Die Dankesworte von Dubochet und von Weizsäcker nimmt Greta ohne Regung hin. Ein Lächeln bringt sie selten über die Lippen. Und doch mag man dieses zerbrechlich wirkende Mädchen. Ein wenig Schalk kommt auf, als sie gefragt wird, was sie davon halte, dass rechtsbürgerliche Politiker sie als gefährlich einstufen. «Ich bin gefährlich», spottet sie. Und hängt die rhetorische Frage an: «Was ist daran gefährlich, wenn ich nur sage, was die Wissenschaft weiss?»

Die Daten der Wissenschaft bilden auch in den nächsten Tagen am European Summit der Bewegung die Basis für die Diskussionen. Experten, teilweise vom Weltklimarat IPCC, stehen den rund 450 Teilnehmern aus 37 Staaten – inklusive Russland, der Ukraine und der estnischen Staaten – beratend zur Seite. Bis zum Freitag wollen die jungen Klimaaktivisten ein Papier verabschieden, das Inhalt und Strategie der Zukunft auf europäischer Ebene festschreiben soll.

Die Bewegung stärken

Seit den ersten Klimastreiks haben sich weltweit zahlreiche nationale und lokale Gruppen gebildet, die unter dem Namen «Fridays for Future» gegen die Untätigkeit in der Klimapolitik protestieren. Doch jede Gruppierung hat sich eine eigene Strategie zurechtgelegt. Nun sollten die Grundsätze europäisch vereinheitlicht werden, um die Bewegung stärker zu machen, sagen die Organisatoren.

Basisdemokratie ist dabei oberstes Gebot. Fragen nach der Organisation, die hinter der Veranstaltung steht, kann barsche Reaktionen auslösen. Sie, die Teilnehmer, seien die Bewegung, Vorschläge würden vorgebracht, diskutiert und schliesslich im Konsens verabschiedet. «Es gibt keine Lobby, die uns lenkt», sagt der 20-jährige Maximilian aus Deutschland. Er ist einer von 30 deutschen Teilnehmern, die per Los ausgewählt wurden. Grundsätzlich konnte sich jedermann für die Teilnahme an der Klimakonferenz melden. In der Schweiz war die Nachfrage dafür nicht ganz so gross.

«Die Jungen sind gut organisiert und gehen respektvoll miteinander um», sagt Beat Brunner. Der Energieexperte und Gutachter beim IPCC-Sonderbericht zur kritischen Erderwärmung um 1,5 Grad arbeitet seit geraumer Zeit mit der «Fridays for Future»-Gruppe des Kantons Waadt zusammen, die für die Klimakonferenz in Lausanne verantwortlich ist. Wer die Struktur dieser Bewegung verstehen wolle, müsse sich von gängigen Vorstel­lungen lösen. «Vergleichen kann man es mit dem Open-Source-Prinzip bei Softwareentwicklungen, jeder kann in den Prozess eingreifen», sagt Brunner. «Fridays for Future»-Teilnehmer schliessen sich wöchentlich per Internet kurz, um Ideen zu sammeln und Aufgaben zu verteilen. Auf diese Weise entstehen spontan neue Aktionen.

Industriestaaten müssen eben ehrgeizigere Pläne vorlegen als arme Länder.

Die Universität Lausanne stellt für die Konferenz die Räume und die Mahlzeiten gratis zur Verfügung. Der Kanton Waadt hat einen Beitrag gesprochen. Zudem unterstützen Stiftungen die Veranstaltung, und die Veranstalter können auf Geld durch Crowdfunding zugreifen.

Die jungen Aktivisten arbeiten an diesem Montag hart. In einem «Open Forum» debattieren sie, was künftig im Mittelpunkt der Bewegung stehen soll. Und sie diskutieren, wie man die wissenschaftlichen Botschaften für die Bevölkerung noch ein­facher übersetzen könnte und welche Klimapflichten einzelne Staaten übernehmen müssten.

So weit wie möglich kommen

Die Forderung für die Schweiz, die CO2-Emissionen bis 2030 auf netto null zu senken, hält Beat Brunner, der an der Klimakonferenz als Berater fungiert, grundsätzlich nicht für falsch – auch wenn das Pariser Klimaabkommen dieses Ziel auf die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts ausgerichtet hat. «Es geht der Bewegung um soziale Gerechtigkeit», sagt er. Das heisst: Die reichen Industrieländer müssten eben ehrgeizigere Pläne vorlegen als die armen Staaten. Die Ziele basierten auf dem IPCC-Sonderbericht, der von einem CO2-Budget ausgeht, das die Welt noch zur Verfügung hat, um eine Erwärmung über die 1,5-Grad-Grenze zu verhindern.

Die «Fridays for Future»-Bewegung Waadtland legte gestern 100 politische Massnahmen vor, um dieses Ziel zu erreichen. Auch wenn die Forderungen der jungen Klimaaktivisten unrealistisch erscheinen: Der 16-jährige Schaffhauser Gianluca gibt sich kämpferisch. «Wir sollten die Ziele nicht jetzt schon hinter­fragen. Entscheidend ist, mit voller Kraft so weit wie möglich zu kommen.»

Für Greta Thunberg ist vor allem wichtig, dass die ganze Welt endlich begreift, dass die Zukunft in den Händen der jetzigen Generation liegt. «Wir Jugendlichen sollten nicht so viel Verantwortung übernehmen müssen», sagt sie am Ende der Medienkonferenz. Sie würde lieber weniger im Mittelpunkt stehen. «Aber die Sache ist so wichtig», sagt sie. Für das zierliche Mädchen wird sich wohl in naher Zukunft nicht viel ändern. Am Freitag nimmt sie voraussichtlich am Klimastreik in Lausanne teil. Und dann beginnen die Vorbereitungen für die lange Reise mit einem Segelboot über den Atlantik, zum UNO-Klimagipfel in New York im September.

Erstellt: 06.08.2019, 08:32 Uhr

«Ihr seid nicht erwachsen genug»

Es begann im August des letzten Jahres. Greta Thunberg, 15 Jahre alt, beschliesst, die Schule zu schwänzen und stattdessen während dreier Wochen vor dem schwedischen Parlament zu sitzen. Tag für Tag protestiert sie gegen den mangelnden Willen der Politiker, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Ihre Proteste dokumentiert sie auf Instagram und Twitter und erreicht in kürzester Zeit weltweite Aufmerksamkeit. Im September beginnt sie, jeden Freitag in den Klimastreik zu treten.

Ende November 2018 tritt sie an der UNO-Klimakonferenz im polnischen Katowice auf. Das hochintelligente Mädchen mit Asperger-Syndrom fällt in seiner Rede mit provokativen Aufrufen auf: «Ihr seid nicht erwachsen genug, um die Wahrheit zu sagen.» Ihre Wahrheit basiert auf den Erkenntnissen der Klimaforscher, namentlich auf den Berichten des Weltklimarats IPCC. Im Januar 2019 spricht sie am Weltwirtschaftsforum in Davos.

Hunderttausende streiken

Die Aktion Thunbergs weitet sich inzwischen in rasantem Tempo aus. Unter dem Motto «Fridays for Future» streiken heute weltweit Hunderttausende Schülerinnen und Schüler jeweils am Freitag gegen den Klimawandel. Es gibt nationale und lokale Gruppierungen von Jugendlichen, die national und global Protestmärsche organisieren.

Auch in der Schweiz ist eine Bewegung entstanden: Zehntausende Jugendliche gehen auf die Strasse. Die Bewegung beeinflusst inzwischen die Schweizer Politik. In der FDP wird der Klimawandel zum politischen Thema vor den nationalen Wahlen im Herbst. Manche Schweizer Städte haben im Sog der in der Öffentlichkeit breit akzeptierten Proteste den Klimanotstand ausgerufen. Die Stadt Zürich zum Beispiel muss aufgrund der Motion einer rot-grünen Allianz abklären, wie man bis 2030 die CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Brenn- und Treibstoffe auf null senken kann. Bisher waren die Massnahmen auf 2050 ausgerichtet, was dem Ziel des Pariser Klimavertrags entspricht.

Die Klimabewegung stösst aber auch auf Kritik. Die Methode des Schulstreiks kommt vor allem in rechtsbürgerlichen Kreisen nicht gut an. Auf manchen nationalen Webauftritten kämpfen die Jugendlichen gegen das Argument an, politisch gesteuert zu sein. An der europäischen Klimakonferenz in Lausanne sollen nun Delegationen aus 37 europäischen Staaten Richtlinien verabschieden, um der Bewegung eine einheitliche Haltung zu geben. Die Teilnehmerliste der Veranstaltung zeigt, dass «Fridays for Future» längst nicht mehr nur ein Anliegen ­Jugendlicher ist. Knapp 60 Prozent sind über 18 Jahre alt, der älteste Teilnehmer ist 58, der jüngste 11. (lae)

Artikel zum Thema

Klimaschützer blockieren Kraftwerk in Süddeutschland

Aktivisten sind auf das Gelände des Mannheimer Steinkohlekraftwerks gelangt. Sie blockieren das Zufahrtstor und wollen so den Nachschub an Kohle unterbrechen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare