Was uns Träume sagen wollen

Warum sich nicht alle an ihre Träume erinnern, was eine positive Gutenachtgeschichte bewirkt und andere Fakten rund um das nächtliche Kopfkino.

Können Sie sich an die Träume letzte Nacht erinnern? Vielleicht sind Sie beim Schwimmen im Pool einem Nilpferd begegnet. Illustration: Catrin Welz-Stein

Können Sie sich an die Träume letzte Nacht erinnern? Vielleicht sind Sie beim Schwimmen im Pool einem Nilpferd begegnet. Illustration: Catrin Welz-Stein

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Traumrhythmus

Am meisten Bilder produziert das Hirn in der REM-Phase (rapid eye movement). Etwa alle 90 Minuten verfallen Schlafende in diesen Zustand: Das Herz schlägt schneller, die Atemfrequenz und der Blutdruck steigen, die Augen wandern bei geschlossenen Lidern hin und her. Das limbische System im Gehirn ist aktiver als sonst. Es reguliert Gefühle wie Angst, Aggression, Lust und Ekel. Gegen den Morgen hin werden die REM-Phasen immer länger, die Träume gewinnen an Intensität. «Deshalb werden die Träume im Laufe der Nacht immer bizarrer», sagt die Psychologin Josie Malinowski von der University of East London.

Unbegrenzte Möglichkeiten

In Träumen ist alles möglich. Denn Vernunft und Logik sind während des Schlafens weitgehend ausgeschaltet. «Darum ist das grösste Geschenk, das einem der Schlaf macht, der Traum selbst», schreibt der deutsche Wissenschaftsautor Stefan Klein in seinem Buch «Träume – Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit». Schönheit, Witz, Einfallsreichtum, Rätselhaftigkeit und Spannung der Träume bereichern das Leben.

Ohne Ausnahme

Erinnern Sie sich an letzte Nacht? Vielleicht sind Sie durch Ihr Wohnzimmer geschwebt oder haben beim Schwimmen im Pool ein Nilpferd gesehen. Wir alle träumen jede Nacht, auch wenn wir uns nicht daran erinnern können.

Im Schlaf auf der Jagd

Unabhängig von Alter, Nationalität, Geschlecht und Kultur: Am meisten träumen Menschen weltweit von Verfolgungsjagden (81,5 Prozent), dann folgt die Angst, Prüfungen nicht zu bestehen (72,4 Prozent).

Auch Träume vom freien Fall, von Sex, vom Nacktsein in der Öffentlichkeit oder von der Erfahrung, etwas immer wieder vergeblich zu versuchen, gehören zu den Traumklassikern. Warum das so ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Um die Häufigkeit von Träumen zu ermitteln, greifen Schlafforscher noch heute auf den von kanadischen Psychologen erweiterten Fragebogen aus den 1990er-Jahren zurück – den «Typical Dreams Questionnaire». In ihm werden 56 Traumthemen behandelt. So entstehen riesige Datenbanken von Träumen, die weltweit miteinander verglichen werden können.

Inspiration

Dass Träume gute Drehbücher für Filme hergeben, zeigte der US-amerikanische Filmregisseur Alfred Hitchcock (1899–1980). Regelmässig schrieb er seine Träume auf und liess ihr Geschehen in seine Thriller einfliessen. Deshalb sind viele seiner Meisterwerke surreal, unheimlich und gespenstisch, als taumelten seine Figuren durch einen Albtraum. Ein immer wiederkehrendes Thema ist das Fallen, das viele Schlafende aus ihren eigenen Träumen kennen. Das Sujet findet sich in «Vertigo» und «Der unsichtbare Dritte».

Rückgang

Träumen Menschen heute weniger als frühere Generationen? «Ja», sagt die österreichische Psychologin Brigitte Holzinger, die in Wien das Institut für Bewusstseins- und Traumforschung führt. «Denn wir schlafen im Durchschnitt eine Stunde weniger als vor hundert Jahren.» Ihre Forschungen deuten darauf hin, dass die letzte Morgenstunde die meisten Träume mit sich bringt, weil sie aus einer traumintensiven REM-Phase besteht. «Diese Stunde fehlt uns heute. Das heisst: Wir träumen weniger, dadurch droht uns der gefühlsmässige Bezug zur Welt und zu uns selbst abhandenzukommen», sagt Brigitte Holzinger. Denn in unseren Träumen befassen wir uns mit verborgenen Ängsten, Wünschen und Gefühlen. Sobald der Mensch seinen Träumen jedoch Aufmerksamkeit schenke, indem er zum Beispiel ein Traumtagebuch führe, melde sich das Unbewusste zurück. «Es reagiert sofort auf diese Einladung», sagt Holzinger.

Traumskizzen von Blinden

Auch Blinde, die noch nie etwas gesehen haben, träumen in Bildern. Im Jahr 2003 lieferten die portugiesischen Schlafmediziner Helder Bértolo und Teresa Paiva dafür den Beweis. Sie weckten zehn blind geborene Männer und Frauen in ihrem Schlaflabor wiederholt auf und fragten, was die Probanden erlebt hätten. Als die Blinden nicht nur ihre Träume schilderten, sondern sie auch noch zeichneten, waren ihre Traumskizzen von denen sehender Versuchspersonen kaum zu unterscheiden.

Erinnerungslücke

Manchen Menschen erscheint ihr Schlaf traumlos. Woran liegt das? Schlafende, die sich an ihre Träume erinnern, wachen während der Nacht doppelt so häufig kurz auf wie «Nicht-Erinnerer», wie Perrine Ruby und ihr Team vom Neurowissenschaftlichen Forschungszentrum in Lyon herausgefunden haben. In diesen kaum bewusst wahrgenommenen Unterbrechungen der Traumphase könnten sich die abgebrochenen Träume leichter ins Gedächtnis einprägen, erklären die Forscher.

Geistesblitze

Viele Künstler lassen sich von Träumen inspirieren. Der US-amerikanische Kunstmaler Julian Schnabel, 67, ist einer von ihnen. Manchmal bannt er seine eigenen Träume oder die seiner Tochter Lola auf die Leinwand. Auch von Wissenschaftlern und Erfindern sind Geistesblitze im Schlaf überliefert. Nach jahrelangem Überlegen entdeckte der russische Chemiker Dmitri Mendelejew das Periodensystem der Elemente in einer Nacht des Jahres 1869. «Ich sah in einem Traum eine Tabelle, in der alle Elemente ihren Platz einnahmen», sagte der Chemiker kurz nach seiner Entdeckung. «Als ich erwachte, schrieb ich es sofort auf. Nur an einer einzigen Stelle musste ich später korrigieren.»

Alternative zum Albtraum

Lassen sich Albträume vermeiden? Joseph De Koninck, ein kanadischer Psychologe, konnte nachweisen, dass eine positive Gutenachtgeschichte, die man erzählt bekommt oder selber liest, ausreichen kann, um im Schlaf angenehmere Gefühle zu erleben. «Rund fünf Prozent der Bevölkerung leiden an Albträumen», sagt Michael Schredl, 56, wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors im deutschen Mannheim. «Die meisten versuchen ihre Albträume sofort wieder zu vergessen. Aber bewältigen kann man sie so nicht.» Dafür müsse man sich mit dem Traum auseinandersetzen. Bei der sogenannten «Imagery Rehearsal Therapy» überlegen sich die Betroffenen im Wachzustand eine alternative Lösung zum Albtraum und stellen sich wiederholt diese Variante vor. Ziel ist es, den Albtraum in eine harmlose Geschichte zu verwandeln. Sodass man zum Beispiel nicht mehr von der Brücke stürzt, sondern über die Brücke spaziert oder mit Hilfe eines Fallschirms sanft auf der Erde landet.

Phänomen geteilte Träume

Es klingt nach einem Spuk, kommt aber nach Berichten von Liebespaaren hin und wieder vor: Schlafende, die nebeneinanderliegen, können zur selben Zeit denselben Traum haben. Zum sogenannten Shared-Dreaming-Phänomen gibt es noch keine wissenschaftlichen Studien. Doch wer morgens einen Traum zu erzählen beginnt, während der Partner sagt: «Stopp, ich sage dir, wie er ausgeht», sollte wissen, dass geteilte Träume eine Seltenheit sind. Auch von einander nahestehenden Personen wie Müttern und deren Kindern oder von eineiigen Zwillingen sind solche Träume mündlich überliefert.

Noch wenig erforscht: Schlafende, die nebeneinander liegen, können zur selben Zeit denselben Traum haben. Illustration: Catrin Welz-Stein

Selbst-Gespräch

Für Psychoanalytiker besteht kein Zweifel: Träume sind nicht bloss Hirngespinste – ausgelöst durch chemische Reaktionen. Vielmehr enthalten sie eine Botschaft. Sie sind eine Form der Selbstwahrnehmung, eine Ergänzung zu Selbstgesprächen. Im Traum spricht der Mensch sozusagen zu sich selbst. Das Thema dabei sind seine Gefühle: seine Ängste, Wünsche, aber auch Fähigkeiten, die jenseits seiner eigenen Vorstellungskraft liegen. Auf eindrückliche Weise hat schon Sigmund Freud (1856–1939), der Begründer der Psychoanalyse, in seinem Buch «Die Traumdeutung» geschildert, wie Träume dem Menschen etwas mitteilen, das er sonst nicht entdecken könne. Anhand von Traumdeutungen kam Freud vor mehr als hundert Jahren zum Schluss: Der Mensch ist sich selbst im Wachzustand ein Geheimnis. Das heisst: Wer auf die Frage «Wer bin ich?» eine Antwort sucht, wird in seinen Träumen mehr über sich erfahren können.

Raum lassen für die Erinnerung

Wie kann man sich besser an seine Träume erinnern? Traumforscher raten: Gönnen Sie sich den Luxus, keinen Wecker zu stellen, dann ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass Sie aus einem Traum erwachen. Stehen Sie morgens nicht gleich auf, sondern geben Sie dem Traum Zeit, damit er nachklingen kann. Und: Gehen Sie abends nicht gleich nach dem Fernsehschauen schlafen, lesen Sie lieber noch einige Seiten in einem Buch, sonst überlagern die TV-Bilder das innere Nachtgeschehen.

Bildschirme vermeiden: Die Wahrscheinlichkeit, sich an Träume zu erinnern, steigt, wenn man vor dem Schlafen in einem Buch liest. Illustration: Catrin Welz-Stein

Traumdeutung

Seit der Antike werden Lexika der Traumsymbole geschrieben. Viele von ihnen ordnen jedem Motiv von A wie Aal bis Z wie Zähne eine Bedeutung zu. Ihre Wissenschaftlichkeit ist umstritten. Psychologen sind der Auffassung: Träume lassen sich nur deuten, wenn die betreffende Person auch von ihren Gefühlen berichtet, die sie dabei empfand. So kann Wasser viele Bedeutungen haben. Bekommt der Träumer im Wasser kaum Luft, könnte das Symbol dafür stehen, dass andere Menschen Druck auf ihn ausüben. Der Träumer geht in den Wellen beinahe unter, weil er sich nicht abgrenzen kann. Wasser kann aber auch für das Leben stehen, für Veränderung. Dafür, dass die Zeit günstig wäre, durchs Wasser zum anderen Ufer zu schwimmen. Um Neuland zu betreten und Unbekanntes anzugehen. Profis in Sachen Traumdeutung sind die Tiefenpsychologen, weil die Traumdeutung innerhalb dieser Form der Psychotherapie Tradition hat.

Impulse für das Leben

Träume können einen Anstoss dazu geben, die Beziehung zu einem länger nicht gesehenen Mensch wieder aufzunehmen, den Job zu wechseln oder Schluss mit ungeliebten Gewohnheiten zu machen. William Dement, 90, ein US-amerikanischer Pionier der Schlafforschung und früher ein starker Raucher, berichtete in den 1960er-Jahren, wie ihn ein Traumbild sofort dazu bewog, den Nikotinkonsum einzustellen. In einem Albtraum sah er ein überaus plastisches Bild seiner von Krebs befallenen Lunge. Er wachte voller Panik auf und hat bis heute keine Zigarette mehr geraucht.

Die Anderen

Manchmal tauchen Fabelwesen oder Schattenfiguren in Träumen auf. Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (1875–1961) nannte sie Archetypen – Symbole, deren Bedeutung sich in vielen Kulturen stark ähnelt. Der Schatten oder auch dunkle Doppelgänger, der einen verfolgt, steht laut C. G. Jung für die unterdrückten und verdrängten Persönlichkeitsanteile des Träumers. Der Verfolger zeigt dem Träumenden, dass er sich die unterdrückten Teile seiner Persönlichkeit bewusst machen sollte, um sie integrieren zu können. Auch Träume von Menschen, denen man noch nie begegnet ist – dem lauten Draufgänger in der Kneipe oder der trinkfesten Blondine am Tresen –, widerspiegeln Teile der eigenen Persönlichkeit.

Lernpotentiale

Kann man seine Träume im Schlaf manipulieren? Ja, manche Menschen beherrschen diese Kunst, sie nennt sich luzides Träumen. Das heisst: Dem Betreffenden ist während des Geschehens klar, dass er träumt, und er kann dementsprechend aktiv in die Szenerie eingreifen oder auf sich zukommen lassen, was mit ihm geschieht. Luzides Träumen lässt sich lernen. An der Universität Bern am Institut für Sportwissenschaft trainieren Sportler die Disziplin gar unter wissenschaftlicher Anleitung, um bestimmte Bewegungsabläufe im Schlaf zu optimieren. «Aus Studien wissen wir, dass sich zum Beispiel das Dartspielen am nächsten Tag verbessert, wenn man im Traum trainiert», sagt der Wissenschaftler Daniel Erlacher, der sich mit Klarträumen und deren Anwendung beschäftigt.

Königlicher Wunschtraum

Noch vor drei Jahrhunderten waren Träume in Europa Tagesgespräch, und selbstverständlich handelte man nach ihnen. Vom britischen König Georg II. (1683–1760) ist verbürgt, dass er einst mitten in der Nacht die Pferde anspannen liess, nachdem ihm im Schlaf seine verstorbene Frau erschienen war. Der Kutscher musste den Herrscher zu ihrem Sarg in der Königsgruft von Westminster Abbey fahren, weil Georg II. sehen wollte, ob seine Frau wieder am Leben sei.

Verbot

Bei den philippinischen Tagalen ist es verboten, einen schlafenden Menschen zu wecken. Mitglieder dieser Volksgruppe, die auf der Insel Luzon leben, sind überzeugt, dass die Psyche den schlafenden Körper verlassen muss, um ins Reich der Träume zu gelangen. Ebenso muss sie ungestört in den Körper zurückfinden.

Erstellt: 19.03.2019, 20:53 Uhr

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