Was man gegen Heuschnupfen tun kann

Säuglinge leiden nicht unter der Allergie, manche Pollenallergiker vertragen plötzlich keine Äpfel mehr – und weitere Fakten.

Heuschnupfen ist in der Schweiz die häufigste allergische Erkrankung: Pollen vom Knäuelgras. Foto: Getty Images

Heuschnupfen ist in der Schweiz die häufigste allergische Erkrankung: Pollen vom Knäuelgras. Foto: Getty Images

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Jede fünfte Person in der Schweiz reagiert allergisch auf Blütenstaub in der Luft. Hochsaison ist zwischen April und August. Doch es gibt Mittel, die Abhilfe schaffen.

Wie entsteht eine Pollenallergie?
Eiweisse aus Blütenpollen setzen sich beim Menschen auf der Schleimhaut von Nase, Augen und Atemwegen fest. Der Körper hält die Substanzen irrtümlicherweise für Krankheitserreger und stellt Antikörper gegen die Eindringlinge her. Dieser Vorgang wird Sensibilisierung genannt. Geraten die Pollen ein zweites Mal auf die Schleimhäute, bringen die Antikörper die sogenannten Mastzellen unseres Körpers dazu, entzündungsfördernde Botenstoffe wie Histamin freizusetzen. Sie sorgen dafür, dass das Gewebe anschwillt und die Blutgefässe weit gestellt werden, sodass mehr Immunzellen ins entzündete Gebiet gelangen und die Eindringlinge bekämpfen können. Dadurch kommt es zu allergischen Symptomen wie Juckreiz, Niesen oder brennenden Augen.

Was sind die Ursachen der Pollenallergie?
Eine Rolle spielen sicherlich die Gene. Rund ein Drittel der Menschen hat eine erbliche Veranlagung zur Pollenallergie, im Volksmund Heuschnupfen genannt. Doch nur etwa die Hälfte von ihnen entwickelt Beschwerden. Warum das so ist, wissen die Forscher noch nicht. Ebenfalls unklar bleibt, wieso das Immunsystem auf einmal überempfindlich reagiert. Experten vermuten, dass veränderte Umweltbedingungen damit zu tun haben.

Weshalb haben Pollenallergien zugenommen?
Rund jeder Fünfte in der Schweiz reagiert allergisch auf Pollen. Das sind laut dem AHA Allergiezentrum Schweiz doppelt so viele wie vor dreissig Jahren. Vor rund hundert Jahren betrug der Anteil sogar nur ein Prozent. Einer der Gründe für die Zunahme liegt vermutlich in der besseren Hygiene. «Die Menschen haben dadurch immer weniger Kontakt mit unterschiedlichen Bakterien, Viren und anderen Erregern», erklärt Bettina Ravazzolo vom AHA Allergiezentrum Schweiz. Somit wird unsere Abwehr nicht richtig trainiert und kann plötzlich auf harmlose Stoffe wie Pollen reagieren. Für diese These spricht, dass es in Ländern mit niedrigeren Hygienestandards weniger Allergien gibt. Dasselbe gilt für Menschen, die auf einem Bauernhof aufwachsen. Einen weiteren Grund sehen Experten darin, dass Pollen leichter Allergien hervorrufen als früher. Verantwortlich dafür sind unter anderem Schadstoffe wie Ozon und Stickoxide in der Luft, welche die Pollen verändern und sie aggressiver werden lassen.

Bei den meisten verschwindet die Pollenallergie im Laufe eines Lebens.

Können bereits Kinder an Heuschnupfen leiden?
Sogar Kleinkinder können schon an einer Pollenallergie leiden, wie Bettina Ravazzolo vom AHA Allergiezentrum Schweiz bestätigt. Da meist mehrere Saisons vergehen, bis der Körper auf die Pollen sensibilisiert ist, erkranken Säuglinge noch nicht daran.

Kann Heuschnupfen von alleine verschwinden?
Bei den meisten verschwindet die Pollenallergie im Laufe eines Lebens. Manche Menschen leiden aber auch erst im Alter an Heuschnupfen.

Wie erkenne ich, ob ich unter Heuschnupfen leide?
Vor allem wenn die Pollenallergie auf die Wintermonate fällt, ist es schwierig, sie von einer Erkältung zu unterscheiden. Die wichtigsten Merkmale: Beim Heuschnupfen ist das Nasensekret wässrig und klar, beim normalen Schnupfen eher trüb und dickflüssiger. Bei einer Pollenallergie jucken häufig Nase und Augen, bei einer Erkältung nicht. Beim Heuschnupfen treten die Symptome unmittelbar nach dem Kontakt mit Pollen auf und können über längere Zeit andauern. Eine Erkältung entwickelt sich langsamer und ist meist nach zwei Wochen wieder vorbei. Wie stark die Symptome ausfallen und welche stärker zu schaffen machen, ist unterschiedlich. «Manche Pollenallergiker haben nur ein leichtes Jucken in den Augen, andere haben starken Schnupfen, fühlen sich abgeschlagen und entwickeln sogar ein allergisches Asthma», sagt Allergieberaterin Bettina Ravazzolo.

Mit Hilfe spezieller Apps können die Beschwerden dokumentiert und mit dem Pollenkalender verglichen werden.

Welche Pollen bereiten am häufigsten Beschwerden?
Rund fünfzehn Pollenarten von windbestäubten Pflanzen sind für die allergischen Beschwerden verantwortlich. Auf Platz eins liegen die Gräserpollen, auf sie reagieren rund 14 Prozent der Bevölkerung allergisch. Bei den Birkenpollen, die den zweiten Platz belegen, sind es rund 8 Prozent. Weitere Pollen, die Heuschnupfen auslösen können, sind Hasel, Erle, Esche, Hagebuche, Eiche, Beifuss und Traubenkraut (Ambrosia). Die Pollen von Nadelhölzern, die sich im April und Mai als gelber Staub niederschlagen, sind für Allergiker übrigens kein Problem. «Der gelbe Blütenstaub löst höchstens eine Reizung der Bindehaut aus», sagt Regula Gehrig von Meteo Schweiz. Viele Allergiker reagieren nicht nur auf eine Pollenart, sondern auch auf verwandte Pflanzenarten. Experten sprechen dabei von sogenannten Kreuzreaktionen.

Wie finde ich heraus, gegen welche Pollen ich allergisch bin?
Hilfreich sind Pollenprognosen. Es gibt auch spezielle Apps wie zum Beispiel «Ally Science» fürs Smartphone, mit denen die Beschwerden dokumentiert und mit dem Pollenkalender verglichen werden können. Wer eine genaue Diagnose will, geht am besten zur Ärztin oder zum Arzt. Nebst einer ausführlichen Befragung führt dieser einen Blut- und einen Hauttest durch. Der Bluttest sucht nach vorhandenen Antikörpern gegen Pollenallergene. Beim Hauttest, auch Prick-Test genannt, träufelt der Arzt Lösungen mit Allergenen auf den Vorderarm. Danach wird die Haut leicht angeritzt. Nach rund zwanzig Minuten bilden sich bei einer Allergie juckende Quaddeln auf der Haut.

Auslöser bestimmen: Beim Prick-Test werden mögliche Allergene auf die Haut getropft. Foto: Keystone

Was haben Lebensmittel-Allergien mit Heuschnupfen zu tun?
Manchmal kommt es zu einer Kreuzallergie auf Lebensmittel: Polleneiweisse ähneln chemisch Substanzen in pflanzlicher Kost, sodass der Körper plötzlich auch auf verwandte Allergene allergisch reagiert. Besonders häufig betroffen sind Birkenpollen-Allergiker. Rund 70 Prozent entwickeln eine Nahrungsmittelallergie auf bestimmte Nüsse, rohe Früchte oder Gemüsesorten. «Die Symptome sind zum Glück meistens nur leicht», sagt Peter Schmid-Grendelmeier. «Betroffene haben etwa ein pelziges Gefühl im Mund, wenn sie einen rohen Apfel essen.»

Welche Medikamente lindern die Symptome am besten?
Die wichtigsten Wirkstoffe sind Antihistaminika und Cortison. Antihistaminika blockieren die Ausschüttung des Botenstoffs Histamin und reduzieren damit die allergischen Symptome. Generell sind Antihistaminika gut verträgliche Medikamente. «Diese Medikamente hatten in der ersten Generation jedoch den Nachteil, dass sie müde machten», sagt der Allergologe Peter Schmid-Grendelmeier. «Bei der zweiten und dritten Generation tritt diese Nebenwirkung weniger stark auf.» Die Antihistaminika der dritten Generation sind rezeptpflichtig, «sie wirken aber nicht besser als die rezeptfreien». Zwischen den einzelnen Wirkstoffen gibt es nur leichte Unterschiede. Welche gut helfen, probiert man am besten selbst aus.

Wer vor allem unter geröteten, juckenden Augen leidet, greift vorzugsweise zu Augentropfen. Diese enthalten entweder Antihistaminika oder Mastzellstabilisatoren. Letztere bewirken, dass die Mastzellen weniger Histamin ausschütten. Diese Medikamentengruppe wird anders als Antihistaminika eher vorbeugend eingenommen, mindestens eine Woche bevor die allergischen Symptome beginnen.

Cortisonsprays für die Nase wirken entzündungshemmend und kommen vor allem zum Einsatz, wenn Antihistaminika alleine nicht ausreichen. Da Cortison nur lokal wirkt, kommt es kaum zu Nebenwirkungen. Manche Benutzer des Medikaments klagen über eine trockene Nasenschleimhaut. Sind die unteren Atemwege beteiligt, wird ein Cortisonspray zum Inhalieren verschrieben.

Rund 80 Prozent haben dank einer Desensibilisierung weniger oder keine Symptome mehr.

Gibt es eine ursächliche Behandlung gegen Heuschnupfen?
Ja, die Immuntherapie, auch Desensibilisierung genannt. Sie funktioniert ähnlich wie eine Impfung. Ihr Ziel ist es, dass der Allergiker weniger empfindlich oder gar nicht mehr auf die Pollen reagiert. Dazu spritzt der Arzt kleinste Mengen des allergieauslösenden Stoffes unter die Haut des Patienten. Die Dosis wird nach und nach gesteigert. Bei der klassischen Immuntherapie braucht es anfangs wöchentlich eine Spritze, danach eine monatlich für mindestens drei Jahre. Es gibt aber auch Kurzzeit-Varianten, die weniger Arztbesuche erfordern. «Die Immuntherapie mit Spritzen muss zwingend bei einem Arzt durchgeführt werden», sagt Peter Schmid-Grendelmeier vom Unispital Zürich. «Denn in seltenen Fällen kann es zu allergischen Reaktionen kommen.» Die positive Wirkung der Behandlung ist gut belegt. Rund 80 Prozent haben dank ihr weniger oder keine Symptome mehr. Zudem ist die Desensibilisierung die einzige Möglichkeit, einem Übergreifen der Erkrankung von den oberen Atemwegen (Nasen-Rachen-Raum) auf die unteren (Bronchien, Lungen) vorzubeugen. Experten nennen dieses Phänomen auch Etagenwechsel.

Was gibt es für Möglichkeiten, wenn ich keine Spritzen-Therapie machen möchte?
Gräserpollen- oder Birkenpollen-Allergiker können Tabletten oder Tropfen einnehmen, das erfordert nur einen Arztbesuch, zu Beginn der Therapie. «Diese eignen sich für Menschen, die sich vor Spritzen fürchten oder keine Zeit haben, die Desensibilisierung beim Arzt zu machen», sagt Peter Schmid-Grendelmeier. Diese Therapie dauert rund drei Jahre und muss täglich durchgeführt werden. Als Nebenwirkung kann es vorübergehend zu Juckreiz und Schwellungen im Mund-Rachen-Raum kommen. «Schwere allergische Reaktionen sind selten und treten meist bei der ersten Einnahme auf.»

Wann wird eine Immuntherapie empfohlen?
Der Allergologe Peter Schmid-Grendelmeier rät zu einer Immuntherapie, wenn Beschwerden über mehrere Saisons andauern und trotz symptomatischer Behandlung nicht besser werden oder zunehmen. Die Immuntherapie eignet sich aber nicht für jeden: «Für immungeschwächte und chronisch kranke Menschen ist sie unter Umständen nicht geeignet.»

Mit einem Bluttest beim Arzt lässt sich herausfinden, auf welche Eiweisse man allergisch reagiert.

Was ist eine personalisierte Immuntherapie?
In Pollen stecken Hunderte von verschiedenen Eiweissen. Mit einem Bluttest beim Arzt lässt sich herausfinden, auf welche Eiweisse man allergisch reagiert. Dann ist es möglich, statt des Pollenextrakts nur das Allergen für die Immuntherapie zu verwenden. Die Entwicklung solcher gentechnisch hergestellter Einzellösungen ist jedoch teuer. Zudem zeigen die wenigen Studien, die dazu erstellt wurden, keine besseren Resultate als die herkömmliche Therapie. «Es braucht noch mehr Untersuchungen, um den Nutzen zu beurteilen», sagt Peter Schmid-Grendelmeier. Manche Experten sind aber überzeugt, dass diesen gentechnisch hergestellten «Impfstoffen» die Zukunft gehört.

Was passiert, wenn ich Heuschnupfen nicht behandle?
Ungefähr bei einem Drittel der Pollenallergiker weiten sich Beschwerden von den oberen auf die unteren Atemwege aus. Es kommt zu einem allergischen Asthma mit Hustenanfällen, einem Engegefühl in der Brust oder sogar zu Atemnot: ein sogenannter Etagenwechsel. Studien belegen, dass nur eine Immuntherapie einem Etagenwechsel vorbeugen kann.

Gibt es wirksame Methoden aus der Komplementärmedizin?
Pestwurz-Extrakt hat sich in Studien als ähnlich wirksam erwiesen wie Antihistaminika. Das Präparat macht nicht müde, kann aber Übelkeit, Durchfall und Bauchschmerzen auslösen. Zudem wird eine leberschädigende Wirkung nicht ausgeschlossen. Akupunktur hat bei Heuschnupfen in Studien ebenfalls einen gewissen Effekt gezeigt. Ein einfaches Mittel, um Symptome zu lindern, sind auch Spülungen mit Kochsalz für Augen und Nase.

Was kann ich sonst noch tun, um den Heuschnupfen zu lindern?
Achten Sie auf die Pollenprognosen. «Bei starker Belastung sollten Sie sich möglichst wenig im Freien aufhalten», sagt Bettina Ravazzolo vom AHA Allergiezentrum Schweiz. Sie empfiehlt, die Wohnung nur kurz stosszulüften. «Abends sollten getragene Kleider nicht im Schlafzimmer ausgezogen werden, da sich Pollen in den Kleidern festsetzen.» Auch abendliches Haarewaschen ist ratsam. Um die Pollen in der Wohnung zu beseitigen, sollte regelmässig geputzt werden; empfehlenswert sind Staubsauger mit Hepa-Feinstaubfilter.

Das AHA Allergiezentrum Schweiz hat eine Beratungs-Hotline, die Fragen zu Allergien beantwortet: 031 359 90 50 (Mo bis Fr: 8.30 bis 12 Uhr)

Erstellt: 21.03.2019, 17:32 Uhr

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