Was erfolgreiche Leute gemeinsam haben

Gibt es Persönlichkeitsfaktoren, die zu Erfolg führen? Ja, sagt die Psychologin Angela Duckworth. Ein hoher IQ gehört nicht zwingend dazu.

Leidenschaftlich, diszipliniert, erfolgreich: Wer seine Ziele erreicht, weist oft bestimmte Merkmale auf. Foto: Getty Images

Leidenschaftlich, diszipliniert, erfolgreich: Wer seine Ziele erreicht, weist oft bestimmte Merkmale auf. Foto: Getty Images

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Wenn du doch nur einen Funken Selbstkontrolle besitzen würdest.» Mit diesem Satz hat Angela Duckworth, als sie noch Siebtklässler in Mathe unterrichtete, oft ihre Schüler getadelt, wenn die mal wieder die Hausaufgaben nicht gemacht hatten. Heute ist Duckworth Psychologin an der Universität von Pennsylvania und findet grundfalsch, was sie damals so oft sagte. «Wenn ein Student morgens ohne seine Hausaufgaben auftauchte, war mein Reflex, zu ermahnen, statt sich in seine Lage zu versetzen», schreibt sie in Perspectives on Psychological Science. Machten die Schüler Fehler und gaben frustriert auf, habe sie nur darauf gedrängt, dass sie es weiter versuchten. «Das hat nie funktioniert.»

Heute ist sich Duckworth sicher, dass sie weiss, wie es besser geht. Sie hat einen Bestseller geschrieben, gibt Online-Kurse und hat sogar eine Organisation gegründet, die Schüler, Lehrer, Eltern und Forscher zum Austausch von Wissen vernetzen soll. Was sie da versucht, den Leuten beizubringen: Grit.

Duckworth hat das psychologische Konzept Grit selbst aufgestellt, das sich aus zwei Komponenten zusammensetzt: Beharrlichkeit und Leidenschaft. Beharrlich ist jemand, der zu Ende bringt, was er beginnt, und sich durch Rückschläge nicht aus der Bahn werfen lässt. Mit Leidenschaft ist gemeint, dass jemand einmal aufgestellte Ziele beibehält, nicht ständig ändert und sie teils über Jahre hinweg verfolgt. Wer das beides schaffe, also «gritty» sei, der habe Erfolg.

Die Macht der Leidenschaft und der Beharrlichkeit: Angela Duckworth erklärt das Konzept von Grit. Video: Youtube/TED

Im Jahr 2007 stellte Duckworth ihr Konzept von Grit vor und zeigte, dass Personen höhere Bildungsgrade erreichten und seltener den Job wechselten, wenn sie viel Grit besassen. Je mehr, desto besser war auch der Notendurchschnitt an der Uni und das Ergebnis von Schülern bei einem landesweiten Buchstabierwettbewerb. Zudem brachen grittige Kadetten der US-Militärakademie West Point seltener nach dem ersten Sommer ab. Seither hat Duckworth zahlreiche weitere Studien zu ihrem Konzept veröffentlicht und hält es für den besten Weg, künftigen Erfolg einzuschätzen. 2016 sagte sie in einem Ted-Talk: «In all diesen unterschiedlichen Kontexten trat eine Eigenschaft als bedeutender Hinweis auf Erfolg hervor. Und es war nicht soziale Intelligenz. Es war nicht gutes Aussehen, körperliche Gesundheit und es war nicht der IQ. Es war Grit.» Hört man Duckworth zu, könnte man denken, sie habe den einen grossen Faktor gefunden, der schulischen wie beruflichen Erfolg erklärt.

Neu oder eigentlich altbekannt?

Nur: so vehement wie Duckworth für ihr Konstrukt eintritt, so sehr wuchsen auch die Zweifel daran. Jüngst untersuchten Forscher der Universität von Kentucky das Konzept Grit. 1907 Leute füllten mehrere Online-Fragebögen aus, etwa den von Duckworth konzipierten Grit-Fragebogen, und gaben künftige wie vergangene Lebensziele an. Anschliessend untersuchten die Forscher, ob es tatsächlich Grit war, das am besten erklärte, ob die Teilnehmer ihre Lebensziele auch erreichten.

Wie die Forscher im Journal of Research in Personality zeigten, hing Grit tatsächlich mit dem Bildungserfolg und dem Erreichen der gesetzten Ziele zusammen. Das eigentliche Ziel war aber ein anderes: «Wir wollten testen, ob Grit ein neues Konzept ist oder nur ein altes Ding mit neuem Namen», sagt der Psychologe Alexander Vazsonyi, Hauptautor der Studie. Tatsächlich unterschieden sich die Zusammenhänge nicht, wenn die Forscher ein anderes Konstrukt in Betracht zogen: Selbstkontrolle. Die erklärte die gefundenen Zusammenhänge genauso gut. «Die Ergebnisse legen nahe, dass Grit und Selbstkontrolle kaum zu unterscheiden sind», sagt Vazsonyi.

«Es gibt Bedenken, dass das Konzept Grit die Verantwortung zu sehr auf das Kind schiebt.»Marcus Crede, Psychologe

Die Studie ist nur eine von vielen Untersuchungen, die Zweifel am Grit-Konzept aufwerfen. Bereits 2016 werteten Forscher um den Psychologen Marcus Crede von der Iowa State University 73 Studien mit mehr als 66'000 Teilnehmern aus, in denen Grit untersucht wurde. Am Ende standen drei Erkenntnisse: Erstens sei es nicht ratsam, Beharrlichkeit und Leidenschaft in ein gemeinsames Konstrukt zu stecken, weil man bessere Vorhersagen zum akademischen Erfolg treffe, wenn man beide Konzepte einzeln betrachte. Zweitens seien die Zusammenhänge nur schwach bis mittel. Je nach Kontext gebe es aussagekräftigere Variablen. Drittens überlappe Grit so sehr mit Gewissenhaftigkeit, zu der auch Selbstkontrolle zählt, dass es kaum einen praktischen Nutzen bringe, das Konzept mit einem neuen Namen zu versehen. Die Grit-Forschung, so die Forscher, könne einer sogenannten «Jangle Fallacy» zum Opfer gefallen sein – zwei verschiedene Namen für ein und dieselbe Sache.

Doch könnte Duckworths Trubel um Grit trotzdem nützlich sein? Schliesslich lernen Schüler und Studierende dadurch, wie sie ihre Interessen entdecken, sich Ziele setzen und diese längerfristig verfolgen. «Es ist nicht Schlechtes dabei, sich Ziele zu formulieren oder Interessen zu entdecken», sagt Marcus Crede. «Sich anspruchsvolle, aber erreichbare Ziele zu setzen und regelmässiges Feedback über den eigenen Fortschritt zu bekommen ist eine der besten Interventionen für Schulen und Arbeitsplätze.» Dennoch habe er Bedenken am Grit-Unterricht. «Wenn Grit nur Gewissenhaftigkeit ist, dann werden diese Kurse kaum Erfolg haben, denn es ist sehr schwer, die Persönlichkeit einer Person durch gezieltes Training zu ändern.» Dazu sei es, gerade für Kinder, wünschenswert, wenn sie verschiedene Dinge ausprobieren und sich ihre Interessen mal ändern.

Ihnen beizubringen, niemals aufzugeben, sei nicht immer der beste Weg: «Wir alle müssen manchmal um Hilfe fragen oder uns überlegen, ob wir ein Problem nicht anders angehen sollten», sagt Crede. Ausserdem seien andere Aspekte oft wichtiger für Erfolg als Grit und zudem auch einfacher zu trainieren. «Bei Studierenden ist es viel wichtiger, dass sie in Vorlesungen und Seminare kommen, das Studieren lernen und Hilfe dabei bekommen, zum ersten Mal alleine zu leben.»

Doch der vielleicht wichtigste Punkt: «Es gibt auch Bedenken, dass das Konzept Grit die Verantwortung zu sehr auf das Kind schiebt», sagt Crede. «Das scheint unfair, beachtet man die enorme Ungleichheit der Bildungschancen zwischen Kindern aus wohlhabenden und ärmeren Gegenden.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.03.2019, 18:43 Uhr

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