Digitalisierung bremst Züge aus

Ein neues System lässt Lokführer im Ungewissen, wann sie vor einem Halt abbremsen müssen. Die Folge sind Verspätungen.

Die Züge müssen langsamer etwa in Sackbahnhöfe wie hier in Zürich einfahren. Bild: Keystone

Die Züge müssen langsamer etwa in Sackbahnhöfe wie hier in Zürich einfahren. Bild: Keystone

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ETCS Level 1 Baseline 3: Wer da jetzt nur Bahnhof versteht, liegt nicht so weit daneben – hinter der Abkürzung ETCS verbirgt sich ein Zugbeeinflussungssystem. Über dieses System wird, vereinfacht gesagt, der Zugverkehr streckenseitig gesichert. Und man kann zum Beispiel im Notfall eingreifen und etwa einen Notstopp auslösen. Das System soll unter anderem die Sicherheit und die Kapazität auf den Schienen erhöhen sowie dabei helfen, dass Züge pünktlich ankommen. Gerade bei den SBB ein wunder Punkt: Im vergangenen Monat waren schweizweit bloss rund 84 Prozent der Passagiere pünktlich am Ziel, wie die Bundesbahnen auf ihrer Website ausweisen.

Doch das System sorgt nun dafür, dass modern ausgerüstete Züge nicht wie gewohnt in gewisse Bahnhöfe einfahren können. Die leidtragenden sind die Pendler. In einer Mitteilung machte der Verband Schweizer Lokführer und Anwärter diese Woche auf den Umstand aufmerksam. Das Problem: Die Züge müssen langsamer etwa in Sackbahnhöfe wie Luzern oder Zürich einfahren. Ebenso betroffen sind Bahnhöfe, bei denen Signale relativ nahe an der Haltestelle sind, etwa, weil sich dahinter eine Gleisquerung befindet. Zudem müssen diese Züge auf rot stehende Signale langsamer anfahren.

Die Lokführer bremsen früh ab. Denn fährt der Zug zu schnell, wird ein Notstopp ausgelöst.

Das System schreibt vor, dass man nur noch mit 15 Kilometern pro Stunde solche Signale anfahren kann. Zum Vergleich: An einem Bahnhof wie Olten fahren die Züge mit 40 bis 60 Kilometern pro Stunde ein. Dem Lokführer werde zudem nicht gemeldet, ab wann die Höchstgeschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde gelte, schreibt der Lokführerverband. Der Zeitpunkt müsse «erahnt» werden. Die Folge: Die Lokführer bremsen früh ab. Denn fährt der Zug zu schnell, wird ein Notstopp ausgelöst. Und das ist ein Problem: «Eine Zwangsbremsung bei der Einfahrt in einen Bahnhof gefährdet die Reisenden», schreibt der Verband.

«Gravierende Auswirkungen»

In einem internen Betriebsreport der SBB, der dieser Zeitung vorliegt, wird davor gewarnt, dass wegen der neuen Höchstgeschwindigkeit Anschlüsse nicht mehr garantiert werden können. Dies weil «die Wartezeiten so programmiert sind, dass diese Züge mit Normalgeschwindigkeit einfahren». In der Mitteilung des Verbands ist gar die Rede von «gravierenden Auswirkungen auf die Verfügbarkeit der Gleisanlagen und damit auf die Pünktlichkeit».

Betroffen sind moderne Züge wie der Giruno, der neue Einstöcker auf der Nord-Süd-Achse, die ICE4 der deutschen Bahn, aber auch neue Regionalzüge vom Typ Flirt etwa in der Romandie. Ebenso der Traverso, der neue auffällig bronzen gehaltene Zug der Südostbahn SOB.

Das Problem wird dann akut, wenn innert kurzer Zeit viele Züge fast gleichzeitig fahren. Wie etwa bei der Einfahrt in den Bahnhof Zürich oder eben in Luzern. Kommt es da zu Verspätungen, weil ein vorausfahrender Zug langsamer einfahren muss als eigentlich geplant, kann es im dichten Fahrplan zu Verspätungen kommen.

SBB unterschätzten die Folgen

Die SBB geben Fehler bei der Einführung des Systems zu. «Die Einführung verlief nicht optimal», sagt ein SBB-Sprecher. Es könne deswegen zu Verzögerungen von ungefähr zwanzig Sekunden kommen. «Andere Auswirkungen auf Reisende wurden bisher nicht festgestellt, die Anschlüsse waren trotz der verzögerten Einfahrt gewährleistet», so der Sprecher weiter. Die Situation, vor der in der internen Meldung gewarnt wird – dass Anschlüsse nicht mehr garantiert werden können –, ist also laut den Bundesbahnen nicht eingetreten.

«Die SBB arbeiten an Verbesserungen am Zusammenspiel von Fahrzeug, Betrieb und Infrastruktur.»Ein Sprecher der SBB

Die SBB hätten die Auswirkungen auf die Abbremsung der Fahrzeuge im Realbetrieb unterschätzt. Man nehme die Fragen und Unsicherheiten der Lokführer ernst, sagt der Sprecher. Es habe sich gezeigt, dass die Züge stärker als im Testbetrieb des Systems verlangsamt werden müssten, um eine Zwangsbremsung zu verhindern. Die SBB führten deshalb Probefahrten mit Lokführern durch, um zu überprüfen, wie die Anweisungen an diese angepasst werden müssen. «Die SBB haben diese Problematik erkannt und arbeiten aktuell an Verbesserungen am Zusammenspiel von Fahrzeug, Betrieb und Infrastruktur», heisst es bei den Bundesbahnen.

Bei der Südostbahn habe das System bisher noch nicht zu grösseren Problemen geführt, sagt ein Sprecher. Doch das Risiko, dass es vermehrt zu kleineren Verzögerungen kommen könne, sei «grösser mit dem neuen ETCS-System. Es muss noch weiter optimiert werden», erläutert der Sprecher der Südostbahn.

Erstellt: 11.01.2020, 12:05 Uhr

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