Novartis greift für neuen Cholesterinsenker tief in die Tasche

9,7 Milliarden Dollar ist dem Konzern The Medicines Company wert. Das US-Biotech-Unternehmen hat ein Mittel entwickelt, das helfen kann, Herzinfarkte zu vermeiden.

Der Konzernchef spricht schon von «einem der umsatzstärksten Produkte im Portfolio»: Inclisiran soll Novartis ab 2021 erste Umsätze bescheren. <nobr>Foto: Urs Jaudas</nobr>

Der Konzernchef spricht schon von «einem der umsatzstärksten Produkte im Portfolio»: Inclisiran soll Novartis ab 2021 erste Umsätze bescheren. Foto: Urs Jaudas

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Er ist die Todesursache Nummer eins in der Schweiz und in der Welt: der Herzinfarkt. Rund 30’000 Menschen in der Schweiz erleiden jedes Jahr einen akuten Infarkt. Ursache dafür sind die Verengung der Adern, oft ausgelöst durch Ablagerungen in Folge zu hohen Cholesterins.

Der Pharmariese Novartis hofft nun, mit dem Zukauf des US-Biotech-Unternehmens The Medicines Company ein hochwirksames neues Mittel gegen diese Volkskrankheit zu bekommen: Es ist der Cholesterinsenker Inclisiran. In einer Studie hat das Mittel gezeigt, dass es das sogenannte schlechte Cholesterin um über 50 Prozent senken kann. Dabei muss Inclisirannur zweimal im Jahr unter die Haut gespritzt werden, im Unterschied zu bisherigen Cholesterinsenkern, die laut Novartis bis zu 26-mal pro Jahr injiziert werden müssen. «Der Wirkstoff hat das Potenzial, eines der umsatzstärksten Produkte im Portfolio zu werden», erklärte Novartis-Chef Vas Narasimhan in einer Telefonkonferenz.

Analysten halten Preis für gerechtfertigt 

Für den Hoffnungsträger greifen die Basler tief in die Tasche: 9,7 Milliarden Dollar bieten sie für The Medicines Company. Das entspricht einem Aufpreis von 41 Prozent gegenüber dem gewichteten Durchschnittswert der letzten 30 Tage. Analysten erachten die Transaktion dennoch für sinnvoll. «Für einen Mega-Blockbuster wurde nicht überbezahlt», urteilt zum Beispiel Michael Nawrath, Pharma-Experte der Zürcher Kantonalbank. Vor allem der Umstand, dass Inclisiran nur zweimal im Jahr gespritzt werden muss, sei ein entscheidender Vorteil. Novartis hofft, den Deal im ersten Quartal des nächsten Jahres abzuschliessen.

Novartis hatte in der Vergangenheit eine starke Kardiovaskulär-Sparte, verlor aber an Boden, als 2012 Diovanden Patentschutz verlor und das Unternehmen kein innovatives Folgeprodukt auf den Markt brachte, um die 6-Milliarden-Dollar-Lücke an Verkäufen pro Jahr zu bedienen.

Der zugekaufte Cholesterinsenker wird daher als sinnvolle Ergänzung zu Novartis’ Herzmittel Entresto gesehen. Für das Mittel gegen Herzinsuffizienz hatte Novartis einen eigenen Vertrieb aufbauen müssen, um mit den Fachärzten ins Gespräch zu kommen. Nun hofft der Konzern, auf diesem Netz aufbauen zu können, um auch Inclisiran erfolgreich im Markt zu etablieren. Die Kosten für den Vertrieb übersteigen bei Novartis die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung.

Erste Umsätze ab dem Jahr 2021

Schnelles Geld wird Novartis mit dem neuen Mittel aber nicht machen können. Für den neuen Cholesterinsenker will The Medicines Company in diesem Jahr in den USA die Zulassung beantragen, in der EU soll der Antrag im ersten Quartal nächsten Jahres eingereicht werden. Daher rechnet Novartis mit ersten Umsätzen mit dem neuen Mittel erst ab dem Jahr 2021. 

Die Übernahme von The Medicines Company ist bereits der fünfte Zukauf von Novartis-Chef Vas Narasimhan, die alle das Ziel haben, die Entwicklungspipeline mit aussichtsreichen neuen Therapien zu stärken. Unter anderem kaufte er den Krebsspezialisten Advanced Accelerator Applications für 3,9 Milliarden Dollar. Für das US-Unternehmen Avexis, das neuartige Gentherapien entwickelt, zahlte er 8,7 Milliarden.

Umstrittene Übernahme in den USA

Verfolgte Novartis unter Ex-Chef Daniel Vasella eine Strategie der Diversifizierung, richtet Narasimhan das Unternehmen konsequent auf innovative Pharmaprodukte aus. Den Anteil am Gemeinschaftsunternehmen mit GSK zur Produktion von freiverkäuflichen Medikamenten wie zum Beispiel Voltarenverkaufte er für 13 Milliarden Dollar an Partner GSK. Die Augenheiltochter Alcon wurde abgespalten und als eigene Gesellschaft an die Börse gebracht. 

Besonders der Zukauf von Avexis sorgte für Schlagzeilen. Denn die vom US-Biotech-Unternehmen entwickelte Gentherapie Zolgensma gegen die genetisch bedingte Muskelschwäche SMA kostet in den USA 2,1 Millionen Dollar und ist damit das teuerste Medikament der Welt.

Zudem bekam Avexis Ärger mit der US-Zulassungsbehörde FDA, weil das Unternehmen Manipulationen an Versuchsdaten erst der Behörde gemeldet hatte, nachdem das Mittel zugelassen worden war. Die Manipulationen waren indes nicht relevant für die Wirksamkeit, Sicherheit oder Verträglichkeit des Mittels – entsprechend hat die FDA die Zulassung nicht zurückgezogen, aber eine Untersuchung eingeleitet. Der Fall führte dazu, dass die Zulassung in anderen Märkten wohl länger dauern wird.

Preis an Behandlungserfolg knüpfen

Wie teuer der neue Cholesterinsenker Inclisiran wird, dazu machte Novartis keine Angaben. Bisherige Mittel in dieser Indikation kosten in der Schweiz ungefähr 7000 Franken für eine Jahresbehandlung. Konzernchef Narasimhan versprach eine «verantwortungsvolle Preispolitik». So führe The Medicines Company in den USA Gespräche mit den Leistungsträgern über neue Vergütungsmodelle. Dabei sollen die Vergütungen für das Mittel vom Behandlungserfolg innerhalb einer Patientenpopulation abhängen. 

Erstellt: 25.11.2019, 12:47 Uhr

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