Wie eine UBS-Panne Tausende Kunden verriet

Eine unvorsichtige Bankmitarbeiterin hatte Daten nicht gelöscht. Darum sind Steuerfahnder auf einen Schatz gestossen.

Der deutsche Hauptsitz der Schweizer UBS-Bank in Frankfurt. Foto: Michael Probst/AP Photo

Der deutsche Hauptsitz der Schweizer UBS-Bank in Frankfurt. Foto: Michael Probst/AP Photo

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Wegen ihrer Unachtsamkeit wird seit Jahren heftig vor Gerichten gestritten und im Geheimen ermittelt. Wegen ihrer Unachtsamkeit erwartet der französische Staat nun Milliarden Euro von Steuerhinterziehern. Und wegen ihrer Unachtsamkeit geriet sie aber auch selber ins Visier der Justiz.

Eine UBS-Mitarbeiterin hat viel ausgelöst, als sie bankintern von Zürich nach Frankfurt wechselte. Ungewollt und unbewusst.

Beim Umzug von der Limmat an den Main im Mai 2013 durfte sie gewisse Daten von ihrem Computer mitnehmen, so ihre E-Mails. Dafür holte sie die Erlaubnis ihres Vorgesetzten ein. Anderes musste sie löschen – so alles Vertrauliche und sämtliche Informationen zur Kundschaft.

Dies tat die langjährige UBS-Mitarbeiterin auch. Zumindest versuchte sie es, wie bankinterne Ermittlungen erst viel später zeigen sollten.

Die vergessene Tabelle

Denn die Löschaktion glückte nur teilweise. Eine Excel-Liste aus dem Jahr 2009 verblieb auf einem persönlichen Laufwerk der UBS-Angestellten. Daraus gingen Namen, Kontonummer und -stand vieler UBS-Kunden hervor.

Der Zufall wollte es, dass rund zwei Monate nach dem Umzug der Mitarbeiterin deutsche Steuerfahnder den Sitz der Schweizer Grossbank in Frankfurt durchsuchten. Sie stellten dabei auch die Excel-Tabelle sicher, ein wahrer Schatz für sie.

Die Tabelle gab Hinweise auf nicht deklarierte Konten von Inhabern aus vielen Staaten. Die Staatsanwaltschaft Bochum, welche im Juli 2013 zehn deutsche UBS-Filialen durchsuchen liess, tat sich bei der Überführung deutscher Steuerhinterzieher besonders hervor.

«Die Daten waren stets in der Bank und gut gesichert.»Sergio Ermotti, CEO UBS

Die Deutschen teilten die Informationen aus der Excel-Tabelle aber auch mit anderen Ländern wie Frankreich. Erst drei Jahre nach der Panne, im Sommer 2016, informierte die UBS betroffene Kunden per Brief: «Wir entschuldigen uns aufrichtig für diese Angelegenheit.» CEO Sergio Ermotti betonte damals in einem «SonntagsZeitung»-Interview: «Die Daten waren stets in der Bank und gut gesichert. Durch eine Hausdurchsuchung sind sie in die Hände der Steuerbehörden gelangt.»

Die genaueren Umstände blieben bis dato unbekannt. Aus einem nun publizierten Entscheid des Bundesstrafgerichts gehen diese nun hervor. Publik wird dadurch zudem, dass die Panne auch in der Schweiz ein strafrechtliches Nachspiel hatte.

Bahamas-Kunde wehrt sich

Die Bundesanwaltschaft nahm im Januar 2017 Ermittlungen gegen unbekannt auf. Der Verdacht: Bankgeheimnisverletzung und wirtschaftlicher Nachrichtendienst. Nach rund sieben Wochen wollten die Schweizer Ermittler ihr Strafverfahren bereits wieder einstellen.

Dagegen setzte sich ein von der UBS-Panne betroffener Kunde zur Wehr. Die deutschen Steuerfahnder hatten dessen Firma auf den Bahamas, einem Steuerparadies in der Karibik, den französischen und den spanischen Kollegen mitgeteilt.

Fehlbare Bankerin entschädigt

Die Bundesanwaltschaft nahm daraufhin die UBS-Mitarbeiterin persönlich ins Visier. Die Frau, noch immer wohnhaft in Deutschland, weigerte sich, für eine Befragung in die Schweiz zu reisen, beantwortete aber Fragen schriftlich. Sie gab an, sie wisse nicht mehr, wie sie die Excel-Liste erhalten habe. Sie habe alle ihre Daten bei ihrem Umzug nach Frankfurt sorgfältig geprüft und nach Vorschriften gelöscht, aber wohl die Tabelle übersehen.

Die Bundesanwaltschaft schenkte ihr Glauben und stellt das Strafverfahren gegen sie jetzt ein. Sie spricht der Betroffenen eine Entschädigung für ihren juristischen Aufwand von 6100 Franken zu.

Franzosen nutzen Daten

Gegen die Einstellung hat bis zuletzt der UBS-Kunde mit dem Bahamas-Bezug opponiert. Er ist nun aber vor dem Bundesstrafgericht abgeblitzt.

Er dürfte einer der Vermögenden sein, welche wegen der Excel-Tabelle ein Problem mit den französischen Steuerbehörden haben – oder welchen dies droht. Frankreich verlangt seit Jahren von der UBS zusätzliche Angaben zu über 4000 Bankkunden. Die französischen Fiskalbehörden stützen sich dabei auf in Frankfurt beschlagnahmte Unterlagen. Sie dürften die lang durch das Bankgeheimnis geschützten Informationen bekommen: Das Bundesgericht hat in einem umstrittenen Entscheid im Juli 2019 der Eidgenössischen Steuerverwaltung erlaubt, die Daten zu übermitteln.

Paris erwartet nun gemäss eigenen Angaben Zusatzeinnahmen aus Nachsteuern, Bussen etc. von mehreren Milliarden Euro.

Erstellt: 19.12.2019, 12:11 Uhr

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