Migros weitet den Unverpackt-Verkauf aus

Weg mit der Verpackung: Bei ersten Migros-Filialen gibt es Reis oder Teigwaren zum Selbstabfüllen. Auch Nestlé beginnt mit Tests.

Verkauf von getrockneten Früchten und Nüssen in einer Migros in Genf – ohne Verpackung. Foto: Olivier Vogelsang

Verkauf von getrockneten Früchten und Nüssen in einer Migros in Genf – ohne Verpackung. Foto: Olivier Vogelsang

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Es ist eine ganz normale Migros, die inmitten hoher Wohnsilos in Genf liegt. Sie ist weder sonderlich gross noch neu. Und doch ist dieser Supermarkt richtungsweisend für die ganze Schweiz: Denn die Kunden hier testen den Unverpackt-Verkauf. Erstmals wagt sich eine grosse Detailhändlerin an das bislang nur aus Bioläden bekannte Konzept. Nicht nur Nüsse und Trockenfrüchte können selbst abgefüllt werden, sondern auch Grundnahrungsmittel wie Reis, Teigwaren und Linsen.

Das Regal der Migros mit 23 Abfüllbehältern steht zwischen den üblichen Auslagen mit Früchten und Gemüse und der Kühltheke, in der mit Plastik verpackte Entrecotes hängen. Einige Kunden schauen sich die Linsen in den Glaskübeln nur an, andere greifen zu den bereitliegenden Beuteln (aus Papier mit Plastiksichtfeld) und füllen sich etwas ab, wiegen es auf der Gemüsewaage und kleben das ausgedruckte Etikett auf. «Wir sind überzeugt, dass das die Zukunft ist», sagt Lionel Brasier, der bei der Migros-Genossenschaft Genf für das gesamte Warensortiment verantwortlich ist.

«Die Kunden sind machmal schneller als wir»

Seit zwei Jahren testet Brasier den Verkauf unverpackter Lebensmittel. Er hat etwa die Dosierbarkeit so verfeinert, dass der Reis langsamer herausfliesst, weil Kunden sich beschwerten, dass sie ungewollt zu viel abfüllten. Auch der Auffangbehälter für verschüttete Körner am Boden ist inzwischen optimiert. «Denn etwas geht immer daneben», so Brasier. Nun sei das System so weit, dass es ausgeweitet werden soll: auf andere Migros-Filialen und andere Produkte. Vom Umsatz her sei es jedoch noch klar eine Nische. Ob die Profitmarge für Migros dabei höher ist, dazu schweigt Brasier.

Die Schweiz gehört zu den weltgrössten Abfallsündern, pro Person sind es 700 Kilogramm pro Jahr.

«Andere Filialen im Rest der Schweiz interessieren sich sehr für unser Projekt», erklärt der Migros-Manager. Die Kundschaft dränge darauf, so wie dies auch in Genf der Fall war: «Die Kunden sind manchmal schneller als wir, sie haben das von uns gefordert.» Genf ist deshalb Vorreiterin bei Migros, weil die Stadt die meisten Single- und Einelternhaushalte der Schweiz hat. Und die brauchen kleine Mengen, die verpackt kaum angeboten werden. Andere Kunden greifen zu, weil sie den Plastikabfall reduzieren wollen. Die Schweiz gehört zu den weltgrössten Abfallsündern, pro Person sind es 700 Kilogramm pro Jahr, eine vierköpfige Familie stellt jede Woche einen 35-Liter-Sack vor die Tür. Das meiste davon ist Plastikverpackung.

Beifall von Greenpeace

«Die Migros sollte dieses Angebot so schnell wie möglich in allen Läden anbieten und auf weitere Produkte ausweiten», sagt Philipp Rohrer von Greenpeace. Die Schweiz müsse weg vom Wegwerfprinzip. Eine vor kurzem veröffentlichte repräsentative Umfrage zeige, dass ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung bereit sei, mit Mehrwegverpackungen einzukaufen.

Kunden können genau so viel kaufen, wie sie brauchen: Linsen, Nüsse und Co. im Verkauf in einem Migros in Genf. Foto: Olivier Vogelsang

Bei Migros ist der Preis für den Unverpackt-Einkauf allerdings höher: 100 Gramm Basmatireis kosten in der Genfer Filiale zum Selbstabfüllen 0.75 Franken. Ein paar Meter weiter steht er im Plastikpack für 3.30 Franken pro Kilo im Regal, also für 0.33 Franken je 100 Gramm. Lose ist er also mehr als doppelt so teuer (allerdings nicht in Bioqualität). Einziger Preisvorteil: Kunden können genau so viel kaufen, wie sie brauchen.

Markenprodukte brauchen Verpackung

Bislang verkauft Migros nur Eigenmarken lose. Für Markenprodukte ist die Verpackung noch entscheidend. Für sie geht beim Offenverkauf etwas verloren, wie Marketingexperte Nik Stucky sagt. «Markenhersteller müssen sich dem öffentlichen Druck stellen, im gegenwärtigen Umbruch ist es riskant, nicht zu handeln.»

Der Markenriese Nestlé ist inzwischen aufgewacht und testet seit Dezember in drei eigenen Schweizer Shops ein Regal mit Nescafé sowie mit Katzenfutter zum Selbstabfüllen. Der Markenname prangt gross auf den Behältern. Die ersten Rückmeldungen seien sehr positiv, so eine Konzernsprecherin. Bald solle die Ausweitung auf andere Produkte getestet werden und die Entscheidung über einen möglichen Ausbau fallen. Greenpeace hatte bislang kritisiert, dass Nestlé zwar bei der Verpackung auf Alternativen zu Plastik setze, aber am Wegwerfprinzip festhalte. Dies könnte sich nun ändern.

Für Migros entscheidend ist die Logistik: «Denn wenn in Säcken geliefert werden soll, braucht es andere Transporte», sagt Brasier. In Genf ist die Umstellung geglückt. Dort sollen nun jährlich weitere der insgesamt 36 Filialen mit Selbstabfüll-Stationen ausgerüstet werden.

Erstellt: 04.01.2020, 12:43 Uhr

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