Hier wird es für die reichste Frau Afrikas am gefährlichsten

Isabel dos Santos liess als Sonangol-Chefin Millionen nach Dubai überweisen. Nun zeigt sich: Hinter der Empfängerfirma stehen enge Vertraute.

Im Verteidigungsmodus: Isabel dos Santos dementiert die Vorwürfe, sie habe Millionen des angolanischen Volksvermögens für sich abgezweigt. Foto: Keystone

Im Verteidigungsmodus: Isabel dos Santos dementiert die Vorwürfe, sie habe Millionen des angolanischen Volksvermögens für sich abgezweigt. Foto: Keystone

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Unter dem Label «Luanda Leaks» berichten Medien weltweit darüber, wie die Tochter des langjährigen angolanischen Präsidenten José Eduardo dos Santos von Hunderten Millionen Volksvermögen profitierte. Das Datenleck zeigt etwa, wie staatliche Gelder in die Beteiligungen von Isabel dos Santos und ihrem Ehemann gelenkt wurden – auch mit Schweizer Hilfe (lesen Sie die ganze Enthüllungsstory hier).

Isabel dos Santos ist im Verteidigungsmodus. In den letzten 24 Stunden hat sie über 70 Tweets abgesetzt. Sie bezichtigt die Medien der Lüge und inszeniert sich als Opfer einer politischen Kampagne. Dos Santos weiss: Es geht für sie um alles. In ihrer Heimat Angola führt die Staatsanwaltschaft schon seit 2018 eine Untersuchung gegen die Ex-Präsidenten-Tochter. Der Fall dreht sich um Millionenzahlungen der staatlichen Ölfirma Sonangol, der Isabel dos Santos von Juni 2016 bis November 2017 vorstand. Die Zahlungen erfolgten für angebliche Beratungsdienstleistungen. Interne Sonangol-Dokumente und Unterlagen aus Dubai, an die das Journalistenkollektiv ICIJ gelangt ist, verstärken nun die Zweifel, ob diese Zahlungen legal waren.

57,8 Millionen Dollar nach ihrer Entlassung

Da ist erstens die Empfängerfirma in Dubai, an die Sonangol den Unterlagen zufolge 2017über 100 Millionen Dollar überwiesen hat. Isabel dos Santos hat früher öffentlich bestritten, mit dieser Firma direkt in Verbindung zu stehen. Nun zeigen Dokumente aus Dubai, dass die Firma von engsten Vertrauten von Isabel dos Santos kontrolliert wird.

Und da sind zweitens die Umstände, wie die Zahlungen überhaupt zustande gekommen sind. Isabel dos Santos’ Version lautet so: Sonangol ging durch einen grossen Reformprozess. Dafür zog der Staatsbetrieb diverse externe Beratungsunternehmen wie beispielsweise PricewaterhouseCoopers oder die Boston Consulting Group bei. Sonangol mandatierte die Berater allerdings nicht direkt, sondern setzte die Dubai-Firma als «Koordinatorin» für alle Dienstleistungsaufträge ein.

Dass es das Restrukturierungsprojekt gab und dass die Dubai-Firma dafür Drittfirmen mandatiert hat, ist nicht umstritten. Allerdings ist die Höhe der Zahlungen der staatlichen Sonangol an die Dubai-Firma fragwürdig.

Dos Santos bezichtigt die Medien der Lüge und inszeniert sich als Opfer einer politischen Kampagne. Sie weiss: Es geht für sie um alles.

Am heikelsten sind drei Überweisungen von Sonangol nach Dubai vom 16. November 2017 im Umfang von rund 57,8 Millionen Dollar. Einen Tag zuvor, am 15. November, war Isabel dos Santos als Chefin von Sonangol abgesetzt worden. Grundlage für die Zahlungen war ein Vertrag zwischen der britischen Sonangol-Niederlassung und der Dubai-Firma, der erst am 10. November abgeschlossen worden war.

Die Sonangol-Mitarbeiterin, die den Vertrag unterzeichnet hat, war nur wenige Tage zuvor zur Chefin von Sonangol Limited in England ernannt worden, und zwar mit einem offenbar auf den 30. August 2017 rückdatierten Entscheid von Isabel dos Santos. Ihr Name wurde nie in das britische Handelsregister eingetragen, und es ist deshalb unklar, ob sie überhaupt zeichnungsberechtigt war. Ein ICIJ-Journalist hat mit der Frau gesprochen. Sie sagte, sie habe nur ein einziges Papier unterzeichnet und dessen Inhalt nicht gekannt. Ein hausinterner Anwalt habe ihr dann gesagt, ihre Unterschrift sei gar nicht gültig, weil sie den Posten bei Sonangol England nicht offiziell angetreten habe.

Die Überweisung der 57,8 Millionen Dollar basierte auf gut 60 Rechnungen, welche die Dubai-Firma der Staatsfirma Sonangol gestellt hat, allesamt im November 2017. Sie umschreiben die angeblich erbrachten Dienstleistungen nur äusserst vage. Namen von ausführenden Unternehmen oder Personen sind nie aufgeführt. Die einzige Beschreibung für eine Rechnung von 880'000 Dollar vom 12. November 2017 lautet beispielsweise «Plus project». Auf einer anderen Rechnung über rund 300'000 Euro prangt ein handschriftlicher Vermerk in Englisch: «Das sieht nach zu viel Geld für sehr wenig Arbeit aus – oder es ist nur eine Rechtfertigung, um Geld aus Sonangol herauszunehmen?»

«Viel Geld für wenig Arbeit»: Wer den handschriftlichen Vermerk auf der Rechnung verfasst hat, ist nicht bekannt. Foto: zvg

Der Verdacht der angolanischen Staatsanwaltschaft ist happig: Hat Isabel dos Santos als Sonangol-Chefin Dutzende Millionen Dollar in die eigene Tasche abgezweigt? In einer schriftlichen Stellungnahme an das ICIJ bestreitet sie dies vehement. Sie hält fest, dass die fraglichen Millionenzahlungen für reale Dienstleistungen erfolgt seien und dass der Reformprozess bei Sonangol unter ihrer Führung sehr erfolgreich gewesen sei. Und: Die Kosten für externe Berater bei Sonangol habe sie gegenüber früher deutlich reduzieren können.

Erstellt: 20.01.2020, 17:53 Uhr

Die «Luanda Leaks» in fünf Punkten erklärt

  • «Luanda Leaks», ein neues Datenleck, zeigt: Schweizer Akteure halfen der Elite von Angola, Hunderte Millionen an Staatsgelder in deren Richtung zu lenken. Das südwestafrikanische Land ist reich an Bodenschätzen wie Erdöl oder Diamanten, trotzdem lebt über ein Drittel der Menschen unter der Armutsgrenze.


  • Eine Luxus-Schmuckfirma in Genf erhielt mindestens 140 Millionen Dollar aus der angolanischen Staatskasse und bezahlte damit unter anderem exklusive Anlässe in Cannes oder St. Moritz. Gleichzeitig machte die Firma über 20 Millionen Verlust – pro Jahr.


  • Ein ehemaliger CVP-Lokalpolitiker und Anwalt in Zug betreut eine wertvolle Holding. Ein angolanisches Staatsunternehmen hat deren wichtigste Beteiligung finanziert – und auf mehrere hundert Millionen möglichen Gewinn für das Land verzichtet.


  • Im Zentrum der «Luanda Leaks» stehen Isabel dos Santos und ihr Ehemann. Die Tochter des langjährigen Staatspräsidenten gilt mit einem geschätzten Vermögen von zwei Milliarden Dollar als reichste Frau Afrikas. Ihr Imperium umfasst mehrere hundert Firmen.


  • Die neue angolanische Regierung lässt gegen Isabel dos Santos ermitteln und hat Ende Dezember 2019 ihre Konten eingefroren. Nun muss die Ex-Präsidententochter auch ihren geplanten Auftritt am Weltwirtschaftsforum in Davos abblasen. (bro)

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