Wie die steigenden Schulden die Weltwirtschaft gefährden

Öffentliche und private Verschuldung wachsen seit der Finanzkrise – mit schwächerem Wachstum wird das brandgefährlich.

Nicht ungefährlich: In den letzten Jahren haben auch die Schulden der Privaten zugenommen. Foto: Keystone

Nicht ungefährlich: In den letzten Jahren haben auch die Schulden der Privaten zugenommen. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Abwärtskorrekturen zu den Wachstumserwartungen für die Weltwirtschaft nehmen kein Ende. In seinem gestern veröffentlichten Weltwirtschaftsausblick stimmt auch der Internationale Währungsfonds (IWF) in diesen Reigen ein. In 70 Prozent aller Länder wird sich gemäss dem Bericht die Wirtschaft abschwächen, die Weltwirtschaft insgesamt nur noch um 3,3 Prozent zulegen, nach 3,8 Prozent im Vorjahr. Deutlich stärker soll die Abkühlung in der Schweiz oder etwa in Deutschland ausfallen. Hierzulande soll das Bruttoinlandprodukt nur noch um 1,1 Prozent zulegen, im Vergleich zu 2,5 Prozent im Jahr 2018. Auch in Deutschland soll sich das Wachstum von 1,5 im Vorjahr auf 0,8 Prozent etwa halbieren.

Wie schon andere Prognostiker verweist auch der Währungsfonds auf eine grosse Prognoseunsicherheit angesichts einer Reihe verbleibender Risiken, wie etwa zum Ausgang des Handelskriegs zwischen den USA und China, zum Brexit oder zu einer erneuten Eurokrise vor allem angesichts der politischen Entwicklung in Italien.

Der heute ebenfalls vom IWF publizierte «Fiscal Outlook» zur Lage der Staatsfinanzen und der «Global Financial Risk Report» zu den Risiken auf den weltweiten Finanz- und Kapitalmärkten machen beide deutlich, dass die Gefahren für das Wachstum weiterhin eng mit der vielerorts hohen öffentlichen und privaten Verschuldung verknüpft sind.

Höhere Staatsschulden

Die hohe Verschuldung vor allem von Privaten galt als eine der Ursachen für die Finanzkrise. Verbessert hat sich in dieser Hinsicht wenig. Die Staatsschulden sind gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP) heute über die ganze Welt betrachtet sogar höher als vor der Krise, was auch auf die Massnahmen zur Bewältigung der Krise durch die öffentliche Hand in vielen Ländern zurückgeht. Besonders stark angestiegen sind sie seit 2007 in den USA – von 67 Prozent gemessen am BIP auf 106 Prozent im laufenden Jahr gemäss Schätzung des IWF –, und sie werden angesichts der Steuersenkungen der Trump-Administration weiter zunehmen. Deutlich zugenommen hat seit der Finanzkrise auch die Staatsverschuldung in den Mitgliedsländern der Eurozone – eine Ausnahme ist Deutschland. Auch in der Schweiz, wo sie im Quervergleich schon immer tief war, wird sie gemäss IWF von über 45 Prozent 2007 auf unter 40 Prozent gemessen am BIP im laufenden Jahr zurückgehen.

Zugenommen haben aber in den letzten Jahren auch die Schulden der Privaten. Möglich gemacht hat das die Tiefzinspolitik der Notenbanken. In einer Reihe von Ländern hat die Aufnahme von relativ billigen Hypotheken den Immobilienmarkt befeuert – und angesichts fehlender Renditealternativen haben auch institutionelle Investoren wie Pensionskassen oder Versicherungen stark in den Häusermarkt investiert. Wie eine Delegation des Währungsfonds jüngst bei einem Besuch in der Schweiz festhielt, hat diese Entwicklung vor allem in der Schweiz eine grosse Bedeutung. Die private Verschuldung gehört hier zu den höchsten. Die Schuldendeckung durch Immobilien würde sich allerdings teilweise in Luft auflösen, wenn deren Preise durch einen scharfen Wirtschaftseinbruch oder steigende Zinsen einstürzen würden.

Banken kommen besser weg

Deutlich zugenommen haben auch die Schulden der Unternehmen. Ihre Verschuldung gegenüber dem Kapitalmarkt (durch die Aufnahme von Anleihen) ist heute ebenfalls grösser als vor der Finanzkrise. Die Anleihenschulden sind deutlich stärker gewachsen als jene über Kredite der Banken. So haben viele Unternehmen auch Firmenkäufe und Dividendenauszahlungen über die Kapitalmärkte finanziert. Die Banken kommen insgesamt im Bericht des IWF besser weg. Deren Verschuldungssituation hat sich im Vergleich zur Zeit vor der Finanzkrise deutlich verbessert. Deutlich weniger stabil als jene in den USA sind aber noch immer jene der Eurozone.

Die Entwicklung der Staatsverschuldung ist besonders brisant angesichts der Aussicht auf eine schwächere Wirtschaftsentwicklung. In einer Krise steigt die Verschuldung automatisch weiter an: weil Ausgaben für die Arbeitslosen und weitere Sozialkosten steigen und die Steuereinnahmen zurückgehen. Bei einem schrumpfenden oder weniger stark als die Verschuldung steigenden BIP nimmt zudem die Verschuldungsquote zu, und die Bedienung der Ausstände wird erschwert.

Und hohe Staatsschulden mindern die wirtschaftspolitischen Möglichkeiten, auf eine Krise angemessen zu reagieren, weiter. Die richtige Adresse dafür wären eigentlich die Notenbanken. Doch angesichts von sehr tiefen bis negativen Zinsen sind ihre Möglichkeiten bereits weitgehend ausgeschlossen. Damit blieben nur noch höhere Staatsausgaben. Doch eine hohe Verschuldung setzt dem in vielen Ländern – besonders jenen ohne unabhängige Währung – enge Grenzen.

Ein starker Rückgang der Wirtschaft hat aber auch gefährliche Folgen für verschuldete Unternehmen. Weil damit ihre Erträge gefährdet werden, sinkt auch für sie die Tragfähigkeit der Verschuldung. Laut dem IWF haben die Unternehmenserträge bereits ihren Höhepunkt erreicht, im laufenden Jahr rechnen die Fondsökonomen bereits mit deren Rückgang. Und die Verschuldung ist in erster Linie da angestiegen, wo die Risiken besonders hoch sind: «Die Schulden zeigen sich vor allem bei Unternehmen mit einer geringeren Bonität und einer höheren Verschuldungsquote – das ist oft ein Vorbote einer ökonomischen Verschlechterung oder von Finanzkrisen», schreibt der IWF in seinem Stabilitätsbericht.

Gefahren auch bei Wachstum

Seit der Finanzkrise hat sich die Summe an ausstehenden Anleihen mit einem BBB-Rating vervierfacht. Dieses Rating gehört zu den untersten der Kategorie «Investment Grade» für Anleihen, die noch nicht als hochspekulativ gilt. Im Falle einer Verschlechterung der generellen Wirtschaftsaussichten gelten solche Schulden daher schnell als ausfallgefährdet, was sich auf die ganze Finanzstabilität auswirken kann.

Während sich die Verschuldungssituation weiter verschlimmern kann, wenn die Wirtschaft deutlich einbricht, bestehen auch erhebliche Gefahren, wenn das Wachstum überraschend stark ansteigt und sich die Ängste um die Konjunktur als unnötig erweisen. Denn in diesem Fall ist mit einem Anstieg des Zinsniveaus zu rechnen, nicht zuletzt, weil dann die Notenbanken ihre Geldpolitik straffen müssten. Höhere Zinsen würden aber bedeuten, dass sich die Aufnahme von Schulden – beziehungsweise die Ablösung von bestehenden Schulden – massiv verteuert. Ausstehende Anleihen und andere Anlagen wie auch Immobilien würden an Wert verlieren. Auch das ist eine Gefahr für die Finanzstabilität.

Erstellt: 10.04.2019, 18:56 Uhr

Artikel zum Thema

Superstar-Firmen bringen freie Marktwirtschaft in Gefahr

Der Internationale Währungsfonds sieht zunehmende Nachteile durch die Marktmacht einzelner Unternehmen – auch für die Beschäftigten weltweit. Mehr...

Stirnrunzeln bei Schweizer Ökonomen über IWF-Ratschläge

Der Währungsfonds fordert von der Schweiz höhere Staatsausgaben und warnt vor dem Einbruch des Immo-Markts. Ökonomen widersprechen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Kommentare