Vom Zahnarzt zum Bahnunternehmer

Vor zehn Jahren reparierte er noch Zähne. Heute ist Pierre Widmer Chef der viertgrössten Güterbahn der Schweiz.

Pierre Widmer hat einen fulminanten Berufswechsel hingelegt. Foto: Herbert Zimmermann (13 Photos)

Pierre Widmer hat einen fulminanten Berufswechsel hingelegt. Foto: Herbert Zimmermann (13 Photos)

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Im nidwaldischen Buochs, einem Ort ohne Bahnanschluss, befinden sich die Büros der viertgrössten Güterbahn der Schweiz. Doch das ist nicht das einzig Verwunderliche an dieser Geschichte: Ungewöhnlich ist auch, dass die Büros wirken wie eine Arztpraxis. Unter der Klingel heisst es: «Bitte läuten und eintreten.» Wer dann eintritt, erblickt das übliche weisse Interieur medizinischer Praxen, mit einem Empfangstresen und einem antiken Zahnarztstuhl bei der Garderobe. Was ist das für ein seltsames Unternehmen?

Der Mann, der nun im schlichten Sitzungszimmer sitzt, dem ehemaligen Wartezimmer für die Patienten, war einmal Zahnarzt. In einem dieser Büros flickte er Zähne, am Empfangstresen arbeiteten medizinische Praxisassistentinnen. Doch das ist lange her. Vor gut zehn Jahren entschied sich Dr. med. dent. Pierre Widmer, ins Bahngeschäft einzusteigen. Er habe schon immer eine «Faszination für die Eisenbahn» gehabt, sagt er. Aber wie geht das überhaupt, ein Bahnunternehmen gründen?

Möglich ist das erst seit 1999. Damals wurde ins Eisenbahngesetz geschrieben, dass jedes Unternehmen, das Schienen besitzt, diese anderen Unternehmen diskriminierungsfrei zur Verfügung stellen muss. Das eröffnete auch Firmen ohne Schienennetz die Möglichkeit, mit Zügen durch die Schweiz zu fahren. Solche Unternehmen gibt es heute einige, und ihre Zahl nimmt zu, wie das Bundesamt für Verkehr mitteilt.

Zahl privater Bahndienstleister nimmt zu

Da gibt es die Eisenbahndienstleister GmbH aus Thayngen im Kanton Schaffhausen. Das vor gut zehn Jahren gegründete Unternehmen bildet Lokführer aus, vermietet Personal, übernimmt Rangierdienste oder Gütertransporte. Die Swiss Rail Traffic AG aus dem zürcherischen Glattbrugg bietet Spezialtransporte von Gütern, aber auch Firmenausflüge per Bahn an. Das Basler Unternehmen MEV bietet Zug- und Gleisbaustellen-Personal für zeitgebundene Einsätze an.

Er arbeitete in seiner Freizeit als Lokführer – häufig an Samstagen oder wenn er keine Patienten hatte.

Das Unternehmen des ehemaligen Zahnarztes Pierre Widmer heisst Widmer Rail Services, kurz: WRS. Gegründet hat er es 2007. Der «Bubentraum» von der Eisenbahn holte ihn jedoch schon ein Jahr zuvor ein: Login, die Ausbildungsstätte der SBB, bot damals eine verkürzte, neunmonatige Lokführerausbildung für Quereinsteiger an. Widmer sah seine Chance und absolvierte den Lehrgang. Fortan arbeitete er in seiner Freizeit als Lokführer – häufig an Samstagen, manchmal auch an Nachmittagen unter der Woche, wenn er keine Patienten hatte.

Einer seiner neuen Arbeitgeber war Rail4Chem, eine deutsche Güterbahn, die Chemie transportierte und heute zur französischen Staatsbahn SNCF gehört. Als Lokführer bei dem privaten Bahnunternehmen lernte Widmer, wie der Betrieb auf dem freien Netz funktioniert. Bald darauf erfuhr er von einem Bahnunternehmen, das in die Westschweiz fahren wollte, dafür aber keine Lokführer fand. Widmer sah dies als Herausforderung. Er werde das Personal finden, kündigte er an. Und wenn er es finde, gründe er sein eigenes Unternehmen. Zugute kam ihm, dass er dreisprachig aufgewachsen ist: Er spricht Deutsch, Französisch und Italienisch und kann sich daher auch in den anderen Landesteilen durchschlagen.

Nach drei Jahren die erste Diesellok

Und so kommt es, dass Widmer das Personal findet – und seine Bahnfirma gründet. Er steckt 100'000 Franken aus der eigenen Tasche als Aktienkapital in das Unternehmen, lässt den Zahnarztstuhl entfernen und einen neuen Boden verlegen. Die Praxisassistentinnen muss er nicht entlassen; eine zieht weg, die andere sagt ihm, dass sie ebenfalls aufhöre, worauf er entgegnet: «Ich höre ebenfalls auf.» Zwei befreundete Zahnärzte übernehmen die Patienten.

Widmer beginnt nun Lokführer auszubilden und leiht diese an Bahnunternehmen aus, die einen Engpass haben. So glättet er bei verschiedenen Unternehmen die Spitzen der Personalnachfrage – und findet fast immer einen Einsatzort für seine Leute. Drei Jahre nach der Unternehmensgründung kauft er sich seine erste Diesellok. Er leiht nun nicht mehr nur Lokführer aus, sondern Lokführer plus Lok. Aufträge erhält er auch von den SBB, etwa zur Belieferung von Baustellen.

Unterdessen ist der Lokpark weiter angewachsen, ebenso der Personalbestand. 16 Lokomotiven sind mittlerweile mit dem Schriftzug WRS versehen. 70 Personen arbeiten für das Unternehmen, darunter vier von fünf Kindern von Pierre Widmer. Das Unternehmen, das letztes Jahr 10 Millionen Franken Umsatz schrieb, hat auch die Dienstleistungspalette ausgebaut. Es verleiht weiterhin Personal, etwa an SBB Cargo International, hat aber auch eine Konzession und darf damit unter eigenem Namen auf dem Schweizer Schienennetz fahren, seit letztem Jahr auch auf dem deutschen. So transportiert WRS Biodiesel von Rotterdam bis nach Italien, führt ganze Züge von München in die Schweiz oder übernimmt Getreidetransporte.

Er kann schneller reagieren als grosse Unternehmen

«Wir sind oftmals die Feuerwehr, die einspringt, wenn andere Engpässe haben», sagt Widmer. Einen Boom erlebte das Unternehmen während des Streckenunterbruchs von Rastatt im letzten Jahr, als während mehr als sieben Wochen eine der wichtigsten Nord-Süd-Strecken für den Güterverkehr blockiert war. Zusammen mit einem Kooperationspartner schaffte es Widmer, innert einer Woche wieder Züge über eine Ersatzstrecke fahren zu lassen. Dass sein Unternehmen klein und flexibel ist, sei sein Hauptvorteil, sagt Widmer. Dadurch könne er schneller reagieren als grössere Anbieter mit ihren längeren Prozessen.

Im Bahnverkehr, diesem lange staatlich und monopolistisch geprägten Wirtschaftssektor, ist also Wettbewerb entstanden – allerdings nur in einem Segment. Der Wettbewerb, so es ihn gibt, sei beinahe vollständig auf den Güterverkehr beschränkt, heisst es beim Bundesamt für Verkehr. Denn im Personenverkehr sind viele Strecken subventioniert, sodass auf ihnen kein Gewinn erwirtschaftet werden darf. Für private Anbieter ist das uninteressant. Und im rentablen Fernverkehr ist es schwierig, an eine Konzession zu kommen – wie der Streit zwischen SBB und BLS zeigt, der nun gerichtlich ausgetragen wird.

Pierre Widmer hat kein Interesse, in diesen Bereich vorzustossen. «Billette verkaufen und das ganze Zeugs, das interessiert mich gar nicht», sagt er. Er sieht genug Potenzial im Güterverkehr. «Seit wir auch in Deutschland fahren dürfen, läuft das Geschäft sehr, sehr gut», sagt er. Ein Hobby, das mehr Geld verschlingt, als es einbringt, war sein neuer Job ohnehin nie. Er habe fast von Anfang an Gewinn gemacht, sagt Widmer. Und noch einen weiteren Vorteil habe sein neuer Beruf: Er könne von überall arbeiten, ein Laptop genüge. Die Zähne der Patienten waren da weniger mobil. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.11.2018, 21:40 Uhr

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