Milliarden-Geheimnis um Mormonen gelüftet

Ein Vermögen von 100 Milliarden Dollar wirft die Frage auf: Ist der Status der mormonischen Kirche als steuerbefreite Institution berechtigt?

«Wenn eine wohltätige Organisation mit den Spenden ihre Kriegskasse füllt und nicht karitative Aufgaben unterstützt, so verliert sie den Anspruch auf die Steuerbefreiung», erklärte Steuerrechts-Professor Philip Hackney. Foto: Rick Bowmer/AP Photo

«Wenn eine wohltätige Organisation mit den Spenden ihre Kriegskasse füllt und nicht karitative Aufgaben unterstützt, so verliert sie den Anspruch auf die Steuerbefreiung», erklärte Steuerrechts-Professor Philip Hackney. Foto: Rick Bowmer/AP Photo

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Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage wahrte mehr als ein halbes Jahrhundert lang ein gut gehütetes Geheimnis der Investmentbranche. Niemand ausserhalb der Kirche wusste, wie viel Vermögen sie angehäuft hatte und wie wenig davon in religiöse und soziale Aufgaben investiert wurde. Doch nun wirft eine bei der US-Steuerbehörde eingereichte Klage eines Whistleblowers zum ersten Mal ein Licht auf den Investmentfonds der Kirche: Der Ensign-Peak-Fonds verwaltet rund 100 Milliarden Dollar, so viel wie der grösste Technologiefonds der Welt und doppelt so viel wie die katholische Kirche und die Stiftung des Ehepaars Gates.

Der Whistleblower David Nielsen, ein 42-jähriger Mormone, arbeitete bis letzten September als Portfolio-Manager für den Investmentfonds in Salt Lake City. In seiner Klageschrift an die Steuerbehörde IRS macht er geltend, die Gläubigen seien über das wahre Ausmass des Vermögens getäuscht worden. Auch habe die Kirche das Steuergesetz gebrochen, weil die Spenden nicht wie vorgeschrieben für karitative Aufgaben eingesetzt wurden, sondern für den Aufbau eines Riesenvermögens. Weiter hätten die Kirchenvorsteher den Fonds dazu gebraucht, strauchelnde Unternehmen über Wasser zu halten.

Verstösse gegen das Steuergesetz

In ihrem ersten Interview zur Kontroverse weisen die Verantwortlichen die Vorwürfe zurück, weigern sich aber auch, den Wert des Fonds zu bestätigen. «Wir wollen lieber anonym bleiben», sagte Fondsmanager Roger Clarke dem «Wall Street Journal». Ein weiterer Kirchenführer, Dean Davies, fügte an, dass der Wert des Fonds nicht diskutiert werden sollte, da es um ein «geheiligtes Vermögen» gehe.

Sollte die Gesamtsumme bekannt werden, so befürchte er, würde das die Spendenfreude der Gläubigen dämpfen. Von ihnen erwartet die Kirche nämlich, dass sie zehn Prozent ihre Vermögens für karitative Zwecke opfern. Darüber hinaus müssen Familien pro Monat 500 Dollar abgeben, um die obligatorische Missionarstätigkeit ihrer Söhne zu finanzieren. Dies allein bringt jährlich 336 Millionen Dollar ein. Dazu kommen rund sieben Milliarden Dollar Spenden von 16 Millionen Mormonen weltweit. 

Dieser Ertrag reicht gut aus, die jährlichen Ausgaben von fünf bis sechs Milliarden Dollar zu decken, heisst es in der Klage. Zusätzlich einen Fonds von 100 Milliarden zu häufen, widerspricht nicht nur der Zweckbindung der Spenden, sondern verstösst auch gegen das Steuergesetz, bestätigen Steuerexperten. «Wenn eine wohltätige Organisation mit den Spenden ihre Kriegskasse füllt und nicht karitative Aufgaben unterstützt, so verliert sie den Anspruch auf die Steuerbefreiung», erklärte Steuerrechts-Professor Philip Hackney der «Washington Post». «Eingezogene Spenden müssen dem Zweck entsprechend verwendet werden.» Dies scheint nur in geringem Ausmass erfolgt sein. Nach Angaben der Kirche selber wurden seit 1985 nur 2,2 Milliarden Dollar in gemeinnützige Anliegen investiert. 

Wiederauferstehung von Jesus Christus

Diese Diskrepanz zwischen Spenden und karitativen Ausgaben allein brachte die Klage nicht ins Rollen. Die Kirche soll ausserdem zwei Milliarden Dollar aus Spendengeldern für ein vom Bankrott bedrohtes Einkaufszentrum und eine insolvente Versicherung abgezweigt haben, beide im Besitz der Kirche. Die Transaktionen wurden gemäss der Klageschrift über ein schwer durchschaubares Firmennetz verschleiert.

Die Kirchenoberen wollen den Fonds als Reserve für schlechte Zeiten sowie die künftige Missionstätigkeit in armen Ländern in Afrika verstanden wissen. «Wenn wieder eine Finanzkrise kommen würde, müssten wir unsere missionarische Arbeit nicht abbrechen», sagen sie. In der letzten Krise 2008 griff die Kirche allerdings nicht auf den Fonds zurück, sondern kürzte ihre Ausgaben.

«Niemand weiss, wann der Retter kommt. Wir wissen nicht, ob finanzielle Vermögen dann noch etwas wert sind oder nicht.»Roger Clarke, Fondsmanager 

Der Whistleblower und ein früherer Angestellter der Kirche vermuten indessen ein zusätzliches Motiv. Der Ensign-Peak-Fonds sei auf die Wiederauferstehung von Jesus Christus ausgerichtet, heisst es in der Klage. Diese Aussage stützt sich auf Bischof Gérald Caussé: Er erklärte die Finanzstrategie der Kirche 2018 in einer Rede mit den «Prophezeiungen über die letzten Tage».

Mormonen glauben, dass Kriege und Leiden der Wiederauferstehung von Jesus vorangehen, worauf man gewappnet sein soll. Da sei ein Missverständnis im Spiel, entgegnet Fondsmanager Clarke. «Niemand weiss, wann der Retter kommt. Wir wissen nicht, ob finanzielle Vermögen dann noch etwas wert sind oder nicht. Die Frage ist nicht, was bei der Wiederauferstehung passiert, sondern was davor kommt.»

Ob die Steuerbehörde IRS auf die Klage eingeht, ist offen. Die IRS wurde in der Amtszeit Trump personell geschwächt und hat die Zahl der Revisionen deswegen deutlich reduziert. Zudem räumt die Behörde kirchlichen Organisationen traditionell einen grossen Spielraum ein, wenn sie kommerzielle statt religiöse Anliegen finanzieren. Sollte der Whistleblower aber wider Erwarten erfolgreich sein, winkt ihm eine Belohnung von bis zu 30 Prozent der geschuldeten Steuern.

Erstellt: 14.02.2020, 14:44 Uhr

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