600'000 Menschen werden in der Schweiz täglich belästigt

Jeden Monat gibt es in der Schweiz 18 Millionen unerwünschte Werbeanrufe. Die grosse Mehrheit kommt aus dem Ausland. Nun greift die Politik ein.

Immer für ein Ärgernis gut: Werbeanrufe. Foto: Getty Images, iStockphoto

Immer für ein Ärgernis gut: Werbeanrufe. Foto: Getty Images, iStockphoto

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Erstmals liegen Zahlen vor, wie gross das Problem der unerwünschten Werbeanrufe in der Schweiz ist. «Allein im Swisscom-Netz sind es circa 12 Millionen pro Monat», sagt Annina Merk, Sprecherin des grössten Telefonanbieters Swisscom. Über alle Anbieter hinweg seien es 18 Millionen solcher Telefonate, hat die Stiftung für Konsumentenschutz den Mitgliedern der ständerätlichen Fernmeldekommission in einem Schreiben kürzlich mitgeteilt. «Dies ist gemäss unserer Schätzung etwa korrekt», sagt Swisscom-Sprecherin Merk dazu.

Täglich bombardieren also Callcenter-Angestellte rund 600'000 Personen in der Schweiz mit unerwünschten Werbeanrufen. Die grosse Mehrheit kommt aus dem Ausland. Betrieben wird das nur, weil sich damit Geld verdienen lässt.

Anrufe trotz Sterneintrag

Betroffen sind Zehntausende, die ihre Nummer im Telefonverzeichnis mit einem Stern gekennzeichnet haben. Damit erklären sie, dass sie keine Werbeanrufe entgegennehmen wollen. Sie trotzdem anzurufen, ist verboten. Aber das lässt im Ausland tätige Callcenter-Betreiber kalt.

Diesem «Telefonterror» will die Politik nicht mehr zusehen. Die Präsidentin der nationalrätlichen Fernmeldekommission, die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher, sagt: «Lösungen zu finden gegen die Werbebelästigungen am Telefon, war von Beginn an ein zentrales Thema der aktuell laufenden Revision des Fernmeldegesetzes.» Der Bundesrat schrieb dazu in der Botschaft zur Vorlage, unerwünschte Werbeanrufe seien «seit Jahren eines der grössten Ärgernisse» der Kunden von Telecomfirmen.

Das Treiben der Callcenter-Leute ist mehr als dreist. Oft verwenden sie gefälschte oder geklaute Schweizer Telefonnummern, um ihre Identität zu verschleiern. Gewisse verhökern Weine oder Socken, andere versprechen einen Gewinn, wenn man ein Medium auf einer teuren Bezahlnummer anruft, oder preisen dubiose Wertpapiere an. Es gibt auch Anrufer, die ihre Opfer überreden, Programme auf ihrem Computer zu installieren, die den Zugriff auf sensible Daten ermöglichen. Und ja: Immer wieder versuchen Telefondrücker, Versicherte zu einem Termin mit einem Vermittler zu überreden, der für Krankenkassen auf Kundenfang geht. Unerwünschte Anrufe sollen nun verboten werden.

Swisscom bietet Callfilter an

Um Kunden vor solchen Machenschaften zu schützen, bietet die Swisscom für Festnetz- und Mobile-Kunden einen Callfilter an. Er blockiert gemäss Sprecherin Annina Merk täglich 180000 Anrufe: «Im Januar waren es sogar 3,8 Millionen.» Der kostenlose Filter arbeitet gemäss Swisscom mit einer ständig aktualisierten Liste von Telefonnummern. Abgefangen werden Anrufe von Callcentern, die mit unseriösen Verkaufsmaschen arbeiten. Auch Telefonate, die vor acht Uhr morgens oder nach acht Uhr abends erfolgen, werden abgeblockt.

Das Parlament verlangt nun im Rahmen der laufenden Revision des Fernmeldegesetzes, dass alle in der Schweiz tätigen Telecomanbieter einen solchen Filter anbieten. Sichergestellt müsse dabei sein, dass Anrufe von Markt- und Sozialforschungsinstituten nicht behindert werden, fordert die Fernmeldekommission des Nationalrats. Zudem darf nicht belästigt werden, wer seine Nummer nicht in ein Telefonverzeichnis einträgt. Kein Eintrag gilt dann ebenfalls als Sterneintrag.

Obendrein hat der Präsident der ständerätlichen Gesundheitskommission, der Zuger FDP-Ständerat Joachim Eder, bei der Beratung des Fernmelde­gesetzes durchgebracht, dass hiesige Profiteure solcher Werbeanrufe belangt werden können. Er tat dies, weil die dafür ­zuständige Kommission des Ständerats verlangt hatte, einen gleichlautenden Vorstoss des Walliser FDP-Nationalrats Philippe Nantermod statt ins Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb direkt ins Fernmeldegesetz einzubauen.

Die Fernmeldekommission des Nationalrats wird diese Differenz voraussichtlich kommende Woche behandeln. Es geht um die Frage, wie eine gewichtige Gesetzeslücke geschlossen werden soll. Nicht strafbar ist nämlich, wer Daten verwendet, die mit illegalen Werbeanrufen erworben worden sind. Für Nantermod ist dies «im Grunde eine Form von Komplizenschaft».

Erstellt: 06.02.2019, 10:21 Uhr

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