Migros stempelt unschuldige Kundin als Ladendiebin ab

Eine Studentin erhält ein zehnjähriges Hausverbot, weil sie die Einkäufe für die Wohngemeinschaft und sich selber separat bezahlen wollte. Inzwischen hat sich die Migros entschuldigt.

Aufgrund von Videoaufnahmen hat die Migros einer Kundin fälschlicherweise Ladendiebstahl vorgeworfen. 
Foto: Urs Jaudas

Aufgrund von Videoaufnahmen hat die Migros einer Kundin fälschlicherweise Ladendiebstahl vorgeworfen. Foto: Urs Jaudas

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Am vergangenen Freitagabend gegen sechs Uhr will die Studentin K.* in der Migros-Filiale Neumarkt in St. Gallen ihre Einkäufe bezahlen. Sie hat Bananen, Gemüsebouillon, Zucchetti und anderes mehr für sich und ihre Wohngemeinschaft im Einkaufswagen. Die Produkte für die Wohngemeinschaft hat sie bereits mit einem Scanning-Gerät erfasst. Was für sie persönlich bestimmt ist, will sie an der Self-Scanning-Station beim Ausgang separat erfassen und mit einer anderen Karte bezahlen. Doch so weit kommt es nicht: Als sie den ersten Einkauf abschliesst, fordert das Gerät sie auf, sich für eine Stichprobenkontrolle beim Personal zu melden. 

Dort stossen wenige Minuten später ein Ladendetektiv und der Filialleiter hinzu. Schliesslich wird K. aufgefordert, zwei Dokumente zu unterschreiben. «In einem musste ich bestätigen, dass ich geklaut hatte – was nicht stimmt –, und im Weiteren ging es um ein zehnjähriges Hausverbot sowie eine Busse von 200 Franken», erzählt K. Sie fühlte sich unter Druck gesetzt. Denn ihr wurde mitgeteilt, dass bei einem Diebstahl von über 50 Franken eigentlich die Polizei eingeschaltet werden müsste. Bei einer Unterschrift könne sie aber sofort nach Hause gehen. Darauf liess sich die Studentin am Ende ein.

Unwissentlich als Diebin erfasst

Da K. selber schon in einem kleinen Pensum mehrere Jahre lang in der Migros an der Kasse gearbeitet hat, kennt sie den internen Umgang mit Ladendieben. Ihr fällt auf, dass der gesamte Einkauf kontrolliert worden ist. Eine solche «Vollvalidierung» finde bei Kunden statt, bei denen schon früher ein Diebstahl festgestellt worden sei, sagt sie.

Nach mehrmaliger Nachfrage bestätigen die Migros-Mitarbeiter, dass die Zentrale in Gossau im Besitz eines Videos vom 4. Dezember 2019 sei, das zeige, wie K. unbezahlte Produkte einpacke. Das erinnert an den kürzlich bekannt gewordenen Fall, bei dem eine 16-Jährige in verschiedenen Berner Migros-Filialen dabei gefilmt worden ist, wie sie insgesamt 22 Artikel nicht bezahlt hat. Bei einer Registrierung mit der Cumulus-Karte können Personen per Video leicht identifiziert werden. 

«Ich empfinde es als eine Frechheit, so behandelt und kriminalisiert zu werden.»Migros-Kundin K.

«Dieser Vorwurf konnte nicht stimmen, da ich noch nie etwas gestohlen habe», beteuert K. Sie konsultiert ihr Smartphone, auf dem in der Migros-App alle Einkäufe verzeichnet sind. Dort ist belegt, dass sie am 4. Dezember vergangenen Jahres innerhalb von zehn Minuten zwei verschiedene Einkäufe bezahlt hat. Möglicherweise hat das Video aber nur einen Bezahlvorgang erfasst und gleichzeitig festgehalten, wie K. weitere Produkte einpackt. Als sie darauf hinwies, hiess es, dass das Hausverbot bis zur Klärung des Sachverhalts nur provisorisch gelte. 

«Grosses Bedauern» der Migros

«Ich empfinde es als eine Frechheit, so behandelt und kriminalisiert zu werden», sagt K. Schliesslich sei sie unschuldig und habe sich durchwegs kooperativ verhalten. Dabei wäre mit einer Kontrolle der Cumulus-Daten und einer Kameraeinstellung leicht nachzuweisen gewesen, dass sie beide Einkäufe bezahlt habe, ergänzt sie. Trifft zu, was K. sagt, erfassen also moderne Überwachungssysteme im Detailhandel vereinzelt auch unschuldige Kunden als Diebe, ohne dass diese davon erfahren.

Die Migros will zu den einzelnen Punkten keine Stellung beziehen. Sie teilt ihr «grosses Bedauern» über den Vorfall mit und entschuldigt sich bei der betroffenen Kundin. Selbstverständlich werde es kein Hausverbot geben. Und wie alle anderen Kunden dürfe sie weiterhin ihre Einkäufe in zwei separaten Zahlungen begleichen. Zudem würden sich die Verantwortlichen in den kommenden Tagen nochmals persönlich mit K. treffen. 

*Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 20.01.2020, 17:59 Uhr

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