Villa in der Schweiz, Firmenimperium in Luxemburg

Weniger als 6 Prozent Steuern? So nutzen in der Schweiz wohnhafte Unternehmer umstrittene Holding-Konstrukte.

Wohnt in der Schweiz: Molkerei-König Theo Müller in seinem Milchwerk im sächsischen Leppersdorf. Foto: Jörg Gläscher (Laif)

Wohnt in der Schweiz: Molkerei-König Theo Müller in seinem Milchwerk im sächsischen Leppersdorf. Foto: Jörg Gläscher (Laif)

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Nicht nur die Schweiz steht im Steuerwettbewerb international unter starker Beobachtung. Luxemburg geriet vor rund 5 Jahren in den Fokus. Recherchen des Internationalen Netzwerks investigativer Journalisten (ICIJ) hatten in den Lux-Leaks offengelegt, wie grosse Firmen wie Amazon oder Ikea in Luxemburg sehr vorteilhafte Steuerdeals abgeschlossen hatten.

Viel geändert hat sich seither offenbar nicht. Laut einer neuen, noch nicht veröffentlichten Studie des Tax Justice Network zählt Luxemburg nach wie vor zu den Top Ten unter den Standorten für Unternehmen, die Steuern vermeiden wollen. «Luxemburg gehört zu den aggressivsten Konzern-Steueroasen der Welt», sagt Markus Meinzer vom Tax Justice Network.

Beliebter Standort

Recherchen der «Süddeutschen Zeitung» mit den Sendern NDR und WDR zeigen, dass Luxemburg weiterhin auch von in der Schweiz prominenten Persönlichkeiten und Firmen als Standort zur Steueroptimierung genutzt wird.

Zum Beispiel Molkerei-König Theo Müller, der in der Schweiz wohnt. 2011 gründet Müller in Luxemburg die Unternehmensgruppe Theo Müller S.e.c.s. als Holding seines Firmenimperiums, zu dem heute mehr als 100 Gesellschaften gehören. Seine Firmengruppe ist 2017 mit einem effektiven Satz von nur 5,78 Prozent besteuert worden, im Jahr zuvor waren es 5,64 Prozent. Die Jahresabschlüsse konnten Reporter von SZ, NDR und WDR im Luxemburger Firmenregister einsehen.

Die Unternehmensgruppe Theo Müller – Jahresumsatz 5,9 Milliarden Euro – antwortete nicht konkret auf Fragen, sondern teilte mit, ihre steuerlichen Verpflichtungen immer und in vollem Umfang zu erfüllen.

«Diese Aktien-Optionen können zu abzugsfähigen Ausgaben nach luxemburgischem Steuerrecht führen.»Denis-Emmanuel Philippe, Steuerexperte

Die Steuervorteile, die reiche Prominente im Grossherzogtum nutzen, sind zwar prinzipiell legal. Allerdings stehen solche Steueroptimierungen in der Kritik in den Heimatländern wie Deutschland, wenn dort die Steuerlast durch Gewinnverschiebung gedrückt wird. Aber ohnehin bestätigen die wenigsten, wegen der leidigen Steuern nach Luxemburg zu gehen.

So beteuert auch die JAB Holding Company, nicht aus steuerlichen Gründen in Luxemburg zu agieren. Gegründet wurde die Firma 2011 von der deutschen Familie Reimann, die zwar nie in der Öffentlichkeit in Erscheinung tritt, aber Milliardenumsätze mit bekannten Marken macht wie Sagrotan, Calgon, Clearasil, Jacobs-Kaffee oder Senseo. Direkt oder indirekt hat die luxemburgische Dachgesellschaft Anteile an über 250 Firmen weltweit.

Durch diese Firmenstruktur lassen sich mithilfe von Luxemburg gleich mehrere Steuerschlupflöcher nutzen. Ein Beispiel: Firmenmanagern und einem Beratergremium werden Aktien-Optionen in Aussicht gestellt, wofür die Holding 200 Millionen Euro im Jahr 2018 und sogar knapp 600 Millionen Euro im Jahr davor zurückgelegt hat. «Firmenmanagern Aktien-Optionen zu gewähren, kann in Luxemburg steuerlich interessant sein», erklärt Denis-Emmanuel Philippe. Der belgische Anwalt und Steuerexperte hat sich für SZ, NDR und WDR einige Firmenstrukturen angesehen: «Diese Aktien-Optionen können zu abzugsfähigen Ausgaben nach luxemburgischem Steuerrecht führen.» Im Klartext: Auch dann, wenn die Optionen erst Jahre später eingelöst werden sollten, schmälern sie sofort das Unternehmensergebnis und die Steuerlast.

Zudem können Dividenden von den Tochterunternehmen über die Luxemburg-Holding steuerfrei zu zwei österreichischen Gesellschaften der Reimanns geleitet werden. Durch die Weitergabe der Gewinne weist die Muttergesellschaft Verluste aus, welche die Steuerlast in Luxemburg weiter reduzieren. Weil dort solche Steuerbefreiungen möglich sind, musste die JAB 2017 laut Bilanz auf rund 338 Millionen Euro Gewinn lediglich 1,1 Millionen Steuern zahlen – kein halbes Prozent.

«Keine Steuervorteile»

Aber, wie gesagt: JAB sei nicht aus steuerlichen Gründen in Luxemburg. Zudem ergebe die Behandlung von Aktien-Optionen als Verbindlichkeiten keine Steuervorteile. Auch würden von den Firmen der Gruppe in den jeweiligen Ländern entsprechende Steuern gezahlt.

Auch der in der Schweiz ansässige Unternehmer Klaus-Michael Kühne ist im Grossherzogtum vertreten. Von der Handvoll Firmen in Luxemburg haben einige kaum Angestellte, gemessen daran aber scheinen sie überproportional wichtig zu sein. Vor allem die Gesellschaft namens Kuehne + Nagel Investments S.à.r.l.: Sie kassiert Gewinnausschüttungen anderer Konzerneinheiten, an denen sie direkt beteiligt ist, und zahlte zuletzt jährlich etwa 60 Millionen Euro an Dividenden aus. Laut Registerauszügen gibt die Firma als Zweck an, Kredite innerhalb der Unternehmensgruppe zu vergeben.

Noch bis vor eineinhalb Jahren hantierte diese Zweckgesellschaft mit Beträgen von mehr als 800 Millionen Euro, die sie an Konzerntöchter oft in Hochsteuerländern verteilte. Laut dem Abschlussbericht für das Jahr 2016 hat sie an die Deutschland-Töchter von Kühne + Nagel etwa 500 Millionen Euro verliehen. Grösstenteils wurden die Kredite innerhalb eines Jahres zurückgezahlt – für derart hohe Darlehenssummen eine ungewöhnlich kurze Frist. Das Geld, das die Luxemburger Holding verlieh, stammte überwiegend von einer anderen Konzerntochter aus der Nullsteueroase Bermuda. Durch diesen Trick liessen sich Steuern sparen, weil die deutschen Töchter Zinsen an die Holding in Luxemburg zahlten. Diese verringerten den zu versteuerndenGewinn in Deutschland. In Luxemburg müssen auf die Zinsen nur wenig Steuern bezahlt werden. Ende 2017 wurde das Modell eingestellt. Markus Meinzer, Vorstandsmitglied des Tax Justice Network, sieht hier ein Manöver zur «aggressiven Vermeidung von Steuern».

Der Konzern hingegen gibt operative Gründe an für den Standort Luxemburg – etwa die günstige geografische Lage. Die unternehmensinternen Kredite aus Luxemburg seien zur Reorganisation und zur Finanzierung von Übernahmen vergeben worden; bei Holdings in Luxemburg handle es sich überdies nicht um Steuervermeidungs-gesellschaften, weil die Tochtergesellschaften bereits Gewinnsteuern entrichtet hätten.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.05.2019, 10:31 Uhr

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