Woher unser Gold wirklich kommt

Halten Zertifikate, was sie versprechen? Korruptionsjäger Mark Pieth besuchte Minen und Händler vor Ort.

Fair abgebautes Gold? Ein Minenarbeiter auf der Suche nach dem Edelmetall im Süden Perus. Foto: Reuters

Fair abgebautes Gold? Ein Minenarbeiter auf der Suche nach dem Edelmetall im Süden Perus. Foto: Reuters

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Die Goldwaren im Schaufenster des Schmuckhändlers in der Basler Innenstadt tragen das Zertifikat «Fairmined». Das Gütesiegel verspricht Gold aus «verantwortungsvollen Kleinbergbauorganisationen». Die Berichte über die Arbeitsbedingungen in kleinen Minen erzählen aber ganz andere Geschichten: Solche von Zwangs- und Kinderarbeit, Einsatz giftiger Stoffe wie Quecksilber und Zyanid, hoher Unfallgefahr, Landraub und sexueller Ausbeutung. Halten die Zertifikate wirklich, was sie versprechen?

Mark Pieth wollte es wissen. Der streitbare Basler Strafrechtsprofessor reiste dorthin, wo das Gold in unseren Schaufenstern herkommt. Seine Reisen waren Teil einer umfangreichen Recherche für sein neues Buch, das am nächsten Montag in die Läden kommt. Pieth war lange Zeit Präsident der OECD-Arbeitsgruppe zur Bekämpfung von Korruption im internationalen Geschäftsverkehr und reformierte als Vorsitzender der unabhängigen Governance-Kommission die Fifa. Im Buch «Goldwäsche – die schmutzigen Geheimnisse des Goldhandels» beleuchtet er nun die wohl unübersichtlichste Lieferkette der Welt – und untersucht darin die kontroverse Rolle der Schweiz.

Schweiz im Zentrum

Jedes Jahr werden in Schweizer Raffinerien rund 2500 Tonnen Gold aus allen Ecken der Welt veredelt. Das entspricht gut der Hälfte der weltweiten Goldproduktion. Im Fall des Basler Schmuckhändlers kam das Gold aus der peruanischen Cecomip-Mine in die Schweiz. Laut Aussenhandelsstatistik der Eidgenössischen Zollverwaltung zählt Peru zu den fünf wichtigsten Goldlieferanten der Schweiz. Die Cecomip-Mine wurde von der «Better Gold Initiative» des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zertifiziert. Ziel dieser Initiative ist es, Menschen zu helfen, die in kleinen, nicht-industriellen Minen arbeiten.

Um zu überprüfen, ob dieses Versprechen auch eingelöst wird, reiste Pieth entlang der peruanischen Lieferkette. Als er jedoch vor den Toren der Cecomip-Mine stand, wurde er von einem bewaffneten Wachmann empfangen. «Obwohl ich meinen Besuch angemeldet hatte, wurde mir der Zutritt zur Mine verwehrt», schreibt Pieth. Keine Fotos, keine Interviews. Aber der Basler Schmuckhändler verkauft doch sauberes Gold? «Ob die von Fairmined vorausgesetzten Schutzvorkehrungen bei der Quecksilberamalgamation effektiv getroffen wurden, liess sich leider nicht überprüfen», schreibt Pieth. «Aber ich habe da so meine Zweifel.»

«Obwohl ich meinen Besuch angemeldet hatte, wurde mir der Zutritt zur Mine verwehrt.» Mark Pieth

Neben der Cecomip-Mine besuchte Pieth weitere Schauplätze des Goldhandels. Ihm bot sich dabei ein Bild des Schreckens. Unweit des Titicacasees liegt La Rinconada, einer der «dreckigsten Orte der Welt», schreibt Pieth. «Die löchrige Anfahrtsstrasse wird von Müllbergen gesäumt, eine Abwasser- oder Abfallentsorgung sucht man in der 60000-Seelen-Stadt vergebens.» Bewohnt wird der Ort von Goldgräbern. 28 Tage lang arbeiten sie in improvisierten, einsturzgefährdeten Stollen für die Mine. Danach dürfen sie während zweier Tage so viel Material aus der Mine schleppen, wie sie tragen können. «Cachorreo» nennt sich das archaische System. Alkoholismus sei unter den Mineuren weitverbreitet, die Mordrate hoch, und immerwieder übten die Bewohner Lynchjustiz. Das Gold aus La Rinconada wird vom nationalen Exporteur Minerales del Sur zusammengekauft. Dieser galt in Peru während Jahren als wichtiger Handelspartner der Schweizer Raffinerie Metalor.

Pieth hat Minerales del Sur kontaktiert und um ein Interview gebeten, erhielt aber keine Antwort. «Bei der Hauptniederlassung in Juliaca stellte ich mich in eine Reihe von Bergarbeitern aus La Rinconada, die ihre paar Gramm Gold verkaufen wollten», so Pieth. Ihm sei erklärt worden, dass der Geschäftsführer keine Zeit zu einem Gespräch habe. Gegenüber der «Rundschau» von SRF sagte Metalor, sie würden Gold ausschliesslich von Firmen kaufen, die Menschenrechts- und Umweltauflagen einhalten würden.

«Reine Papieranalyse»

Gestützt auf seine Besuch vor Ort, stellt Pieth in seinem Buch infrage, ob die Minen den Anforderungen von Zertifikaten wie «Fairmined» im Alltag genügen, also ausserhalb der offiziellen Besuche der Kontrolleure. Wie können Schweizer Raffinerien sicherstellen, dass sie kein Konfliktgold verarbeiten? Der Verband der Schweizer Goldbranche ASFCMP verweigert auf Anfrage dieser Zeitung jede Stellungnahme zu den Vorwürfen Pieths. Auf seiner Homepage verweist er auf eine Reihe von Standards von privaten Wirtschaftsverbänden.

Hoffen in dünner Luft auf die fette Beute: Arbeiter in der Minenstadt La Riconada in Peru. Foto: Oscar Espinosa (LightRocket, Getty Images)

Pieth zweifelt allerdings an der Verlässlichkeit dieser Branchenstandards. Externe Kontrollen beschränkten sich auf eine «reine Papieranalyse» – Minen und die Lieferanten würden von den Kontrolleuren oft gar nicht besucht. Diese wollen gemäss Pieth von den Raffinerien nur wissen, ob die Lieferanten eine Selbsterklärung abgegeben haben, in der sie darlegen, sich an die Sorgfaltspflichten zu halten.

Pieths Fazit: «Die Schweiz wird ihrer Verantwortung als globale Drehscheibe im Goldhandel nicht gerecht.» So stelle der Bundesrat in einem Bericht selber fest, dass auch heute noch menschenrechtswidrig abgebautes Gold in der Schweiz geschmolzen wird. «Er ist jedoch nicht bereit, die Probleme richtig anzugehen.» Besonders prangert Pieth an, dass der Bundesrat im Gegensatz zur EU die Leitsätze der OECD für Minerale aus Konflikt- und Hochrisikogebieten bis auf weiteres nicht in zwingendes Recht überführt.

Bund will vorerst keine Massnahmen ergreifen

Lukas Siegenthaler ist im Seco Leiter des Ressorts Internationale Investitionen und multinationale Unternehmen. Auf die Frage, weshalb die Schweiz nicht mit der EU mitziehe, sagt er: «Bei der konkreten Umsetzung der Sorgfaltsprüfung in den EU-Mitgliedsstaaten gibt es noch einige Unklarheiten. Reicht etwa eine Selbstdeklaration der Unternehmen oder soll eine Prüfungsinstanz geschaffen werden, die Sanktionen aussprechen kann?»

Der Bund verfolge die Entwicklungen und sei grundsätzlich bereit, ähnliche auf den Schweizer Kontext zugeschnittene Vorschläge zu prüfen. Diese müssten jedoch international abgestimmt sein. Insofern wolle er abwarten, wie die EU die OECD-Leitsätze konkretisiere.

Pieth sieht in der abwartenden Haltung des Bundes vor allem den Versuch, auf Zeit zu spielen, um im starken Wettbewerb innerhalb der Rohstoffbranche nicht hinter Konkurrenzstandorte wie Indien, Südafrika oder die Vereinigten Arabischen Emirate zu fallen. «Geht es um Gold, orientiert sich der Bund an der Schmutzkonkurrenz und stellt Geschäfte über Integrität.»

Mark Pieth: Goldwäsche – die schmutzigen Geheimnisse des Goldhandels, Salis, Zürich 2019, 304 S., 32 Fr. Buchvernissage am 3. Juli um 20 Uhr im Kaufleuten Zürich. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.06.2019, 18:08 Uhr

Mark Pieth ist Rechtswissenschaftler an der Universität Basel und Antikorruptionsexperte. Von 2011 bis 2013 versuchte er als Vorsitzender einer unabhängigen Kommission, die Fifa zu reformieren. 2016 beriet er die Regierung Panamas nach der Veröffentlichung der «Panama Papers» dabei, die Finanz- und Rechtssysteme des Landes transparenter zu gestalten. Aus Protest über Beschränkungsversuche der Regierung zog er sich im August 2016 aus dem Projekt zurück. (Bild: Jerome Depierre)

Auch Goldbranche betroffen

Morgen entscheidet der Nationalrat über einen Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungsinitiative. Sollte die Initiative angenommen werden, müssten die Schweizer Goldimporteure weitere Sorgfaltsprüfungen vornehmen. Für die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards in Goldminen und bei Zulieferern wären sie aber nur zu belangen, wenn zwischen der Schweizer Raffinerie und Zulieferer ein Kontrollverhältnis besteht. Das wäre bei einem Alleinbezugsvertrag möglich. «Es liegt in der Verantwortung des Unternehmens festzustellen, zu welchem Prozentsatz sie von einem Zulieferer Gold bezieht», sagt Martin Hilti, Geschäftsführer von Transparency Schweiz, auf die Frage, wer das Kontrollverhältnis beurteilen soll. (pst)

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