Zum Hauptinhalt springen

Der drohende Handelskrieg erreicht die Börsen

Die immer radikaleren Drohungen von Trump gegenüber China haben sich kaum auf die Aktienkurse ausgewirkt – bis jetzt. Die Gründe.

Der Blick auf die Kurse war schon beruhigender: Investoren betrachten am 20. Juni 2018 Börseninformationen in Shanghai. Foto: Reuters / Aly Song
Der Blick auf die Kurse war schon beruhigender: Investoren betrachten am 20. Juni 2018 Börseninformationen in Shanghai. Foto: Reuters / Aly Song

Erstmals hat am Dienstag der Handelsstreit zwischen den USA und China auch die Weltbörsen aufgeschreckt. Weltweit sind die Kurse gefallen. In der Schweiz beendete der Leitindex SMI diesen Tag mit einem Minus von 0,7 Prozent. In den USA selbst schloss der Dow-Jones-Index im Vergleich zum Vortag um 1,15 Prozent tiefer, der Verlust des Nikkei-Index in Japan belief sich auf 1,8 Prozent. Der Shanghai-Composite-Index in China selbst fiel um 3,8 Prozent auf den geringsten Wert seit Mitte 2016. Im Lauf des Handels am Dienstag lagen die Indizes noch tiefer. Gegen Ende haben sie sich etwas erholt. Diese Erholung setzt sich auch am heutigen Handelstag fort.

Die grössten Verlierer im Dienstagshandel waren weltweit jene Unternehmen, die am stärksten auf Exporte angewiesen sind – besonders auf Exporte nach China. In der Schweiz hat das die Aktien der beiden Luxus- und Uhrenhersteller Swatch Group (–4,2 Prozent) und Richemont (–3,7 Prozent) sowie den Logistiker Kühne + Nagel (–3,1 Prozent) getroffen.

Dass man sich an den Aktienmärkten bisher relativ wenig um die immer schärfere Rhetorik mit der Androhung von immer höheren Zöllen geschert hat, liegt laut Beobachtern an der breit geteilten Überzeugung, dass es am Ende nicht so schlimm kommen werde, wie das jetzt aussehe. Denn letztlich würden alle Seiten zu viel verlieren. Letztlich werde man deshalb eine Einigung finden. Die Einschätzung erinnert an die gelassenen Reaktionen auf die einstigen Drohungen Nordkoreas, demnächst eine Atombombe zu zünden.

Kaum Aussicht auf weitere Verhandlungen

Diese Gelassenheit ist am Dienstag erstmals einer gewissen Nervosität gewichen, weil deutlich wurde, dass nichts auf eine Verhandlungslösung hindeutet und vielmehr auf eine weitere Eskalation: Noch letzte Woche hat US-Präsident Trump Zollaufschläge von 25 Prozent für chinesische Produkte im Wert von 50 Milliarden Dollar auf den 6. Juli angekündigt. Die Chinesen haben daraufhin angekündigt, ihrerseits im selben Umfang Zölle auf US-Produkte zu erheben.

Am Dienstag haben die Amerikaner die Schraube dann deutlich weiter angezogen und drohen nun sogar mit Zollaufschlägen von 10 Prozent für Importe aus China im Wert von weiteren 400 Milliarden Dollar: Damit würden die erhöhten Zölle insgesamt fast alle chinesischen Produkte betreffen, die in den USA verkauft werden.

Angriff auf die US-«Kronjuwelen»

Die Exporte Chinas in die USA beliefen sich auf rund 500 Milliarden Dollar im letzten Jahr. China hat umgekehrt aus den USA nur Güter im Umfang von 130 Milliarden Dollar eingekauft. Das Handelsdefizit gegenüber China ist für die Administration Trump denn auch ein besonderer Stein des Anstosses.

Die Amerikaner wollen überdies verhindern, dass die Chinesen in neuen Technologien die Weltmarktführerschaft erringen. Das können sie aus Sicht der Trump-Administration nur auf Kosten der Amerikaner erreichen. In einem neuen Bericht wirft Peter Navarro, Trumps Aussenhandelsberater, der chinesischen Regierung eine «ökonomische Aggression» vor. Das rapide Wachstum Chinas sei «zu einem erheblichen Teil durch aggressive Praktiken erreicht worden, die ausserhalb der globalen Normen und Regeln liegen».

Die Chinesen hätten durch Diebstahl und andere unfaire Praktiken versucht, sich die «Kronjuwelen der amerikanischen Technologie und des intellektuellen Eigentums» anzueignen. Als Folge dieser Sichtweise wollen die Amerikaner auch Investitionen der Chinesen in «industriell signifikante US-Technologien» beschränken oder blockieren. Pläne dazu will das Finanzministerium der USA bis Ende Monat präsentieren.

Der wachsende Einfluss der Hardliner

Der Einfluss von Peter Navarro und des US-Handelsbeauftragten Robert Lighthizer ist ein wichtiger Grund für die schwindende Gelassenheit an den Kapitalmärkten und in der Politik. Beide gelten als Hardliner in der Politik gegenüber China. Und sie scheinen sich gemäss einem Bericht der «New York Times» gegenüber Finanzminister Steven Mnuchin durchgesetzt zu haben, der bisher mit den Chinesen mit dem Zweck Verhandlungen geführt hat, den Handelsstreit zu entschärfen.

Die Chinesen haben in diesen Verhandlungen zugestanden, mehr US-Produkte zu kaufen, um den eigenen Aussenhandelsüberschuss gegenüber den USA zu verringern. Doch den Amerikanern ist das zu wenig. Die Trump-Administration hat genug vom Verhandlungsweg und hat schon gar keine neuen entsprechenden Termine mehr anberaumt. Donald Trump hat sich nun ganz der Konfrontationslinie von Navarro und Lighthizer verschrieben.

Nobelpreisträger: «Erstaunt über die Unbekümmertheit»

Deren Botschaft ist deutlich: «Es ist klar, dass China viel mehr zu verlieren hat», erklärte Navarro laut «New York Times». Die Administration ist deshalb überzeugt, dass China am Ende seine Politik nach den Wünschen der USA ändern wird. Dass bis dahin aber auch Unternehmen und Konsumenten in den USA unter dem Handelskrieg leiden werden, nehmen diese Hardliner in Kauf.

Diese Entwicklung macht einen dramatischen Handelskrieg mit weltweiten Wirkungen immer wahrscheinlicher. Und diese Beobachtung war es, die die Börsen kurzfristig tauchen liess. Doch der Taucher war nicht dramatisch, und er hielt nicht lange an.

In einem Tweet hat der Wirtschaftsnobelpreisträger und Aussenhandelsfachmann Paul Krugman sich darüber gewundert und geschrieben: «Ich bin erstaunt über die Unbekümmertheit der Märkte, während Trump in Richtung Handelskrieg marschiert. Wir wissen nicht, ob er den ganzen Weg dahin geht und die Weltwirtschaft einbrechen lässt. Aber die Chance, dass er es tut, ist substanziell. Vielleicht 30 bis 50 Prozent. Diese Gefahr sollten die Kurse an den Märkten ausdrücken.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch