Wieso diese 225 Milliarden kein Grund zur Sorge sind

Die US-Notenbank pumpte grosse Geldmengen ins Bankensystem. Letztmals geschah dies vor der Finanzkrise 2008, was für Verunsicherung sorgt.

Die Brisanz dieser Interventionen rührt daher, dass die Finanzkrise vor über zehn Jahren so ihren Anfang nahm: Die US-Notenbank senkt den Zins. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Die Brisanz dieser Interventionen rührt daher, dass die Finanzkrise vor über zehn Jahren so ihren Anfang nahm: Die US-Notenbank senkt den Zins. Foto: Brendan McDermid (Reuters)

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Die Nachricht lässt aufhorchen – weit über betroffene Marktakteure hinaus: An drei Tagen, von Dienstag bis Donnerstag, hat die Federal Reserve dem Finanzsystem jeweils 75 Milliarden Dollar bereit gestellt, um eine akute Liquiditätsverknappung im Geldmarkt zu mildern. Solche Operationen in diesem Ausmass hat die US-Notenbank letztmals im Krisenjahr 2008 durchgeführt. 

Die Brisanz dieser Interventionen rührt daher, dass die Finanzkrise vor über zehn Jahren so ihren Anfang nahm. Im August 2007 hatte die Europäische Zentralbank notfallmässig knapp 95 Milliarden Euro in den Markt eingeschossen. Auslöser dafür war, dass der Interbankenmarkt – auf dem die Banken untereinander kurzfristig Geld ausleihen – urplötzlich zufror. Die Banken misstrauten einander, stellten die Kreditwürdigkeit ihrer Gegenparteien in Frage und verweigerten Geldausleihungen selbst für einen Tag.

Steuertermin als Mitauslöser

Wiederholt sich das jetzt in den USA? Beobachter verneinen. Der Liquiditätsmangel im US-Geldmarkt gründe nicht auf fehlendem Vertrauen zwischen den Banken, sagen sie. Verantwortlich dafür sei vielmehr ein Marktungleichgewicht: Die Nachfrage nach kurzfristig verfügbarem Geld habe in dieser Woche das Angebot bei weitem übertroffen.

Den akuten Nachfrageüberhang erklären Experten mit zwei Ereignissen am Montag. Zum einen mussten US-Unternehmen bis dann ihre vierteljährlichen Rechnungen für die Bundessteuer begleichen – das hat dem Geldmarkt Liquidität entzogen. Zum andern fand gleichentags die Abwicklung einer vorgängigen Auktion von US-Staatsanleihen statt. Das heisst, die Käufer der Papiere mussten den Kaufpreis – laut Medien rund 54 Milliarden Dollar – an das US-Finanzministerium überweisen. Dadurch floss weitere Liquidität aus dem Markt ab.

Beide Erklärungen mögen plausibel sein. Auf jeden Fall begann der Zinssatz im US-Repo-Markt, einem wichtigen Segment des Geldmarktes, am Montagnachmittag kräftig zu steigen. Bis Dienstag erreichte er gegen 10 Prozent, etwa das Vierfache des Stands vom Montagmorgen. Erst als die Federal Reserve kurze Zeit später ihre erste Liquiditätsofferte ankündigte, beruhigte sich die Lage – allerdings nur vorübergehend. 

Auf dem Repo-Markt findet ein Tausch von Geld gegen Wertpapiere statt; nach einer vorgängig bestimmten Frist, meist nur ein Tag, findet die Rückabwicklung statt. Geldnachfrager sind Investoren wie zum Beispiel Hedgefonds oder Wertpapierhändler, die als Sicherheit Staatsanleihen oder andere hochwertige Papiere hinterlegen. Als Geldanbieter kommen Geldmarktfonds oder andere Vermögensverwalter in Frage. Sie erhalten dafür einen Zins in Form des Repo-Satzes.

Leitzins ausser Kontrolle

Auch wenn der Repo-Markt für die Öffentlichkeit ausserhalb des Blickfelds liegt, sein reibungsloses Funktionieren ist gesamtwirtschaftlich eminent wichtig. Experten bezeichnen ihn als Schmierfett für das Räderwerk des Finanzsystems. Seine Akteure können hier jederzeit Liquidität beziehen und anbieten.

Gerät der Repo-Markt aus den Fugen, droht Ungemach für den Geldmarkt insgesamt.

Zinssprünge wie eben in den USA bringen Sand in dieses Getriebe. Sie sorgen für Verunsicherung im Bankensystem. Die bange Frage lautet: Gibt es für die Verspannung tiefer liegende Gründe, etwa Neueinschätzungen von Risiken oder gar hohe Verluste im Wertpapierhandel, die zu einem abrupten Liquiditätsabfluss führen?

Hinzu kommt: Gerät der Repo-Markt aus den Fugen, droht Ungemach für den Geldmarkt insgesamt – was die Alarmglocken bei den Notenbanken läuten lässt. Denn für sie ist der Geldmarkt der wichtigste Transmissionsriemen, mit dem ihre geldpolitischen Impulse – Erhöhungen oder Senkungen des Leitzinses – in die Gesamtwirtschaft übertragen werden.

Als Leitzins verwendet die US-Notenbank den Satz für Federal Funds. Dabei handelt es sich um Kredite mit eintägiger Laufzeit, die Banken untereinander aus ihren Reservebeständen bei der Federal Reserve gewähren. Eben diesen Leitzins haben Amerikas Währungshüter am Mittwoch um 0,25 Prozentpunkte reduziert: Ihr neues Zielzinsband für Federal Funds beträgt 1,75 bis 2 Prozent.

Der effektive Federal-Funds-Zins bildet sich jedoch am Markt, je nach Liquiditätsbedarf der Banken. Am Dienstag kletterte dieser Zinssatz bis auf 2,3 Prozent – über die obere Limite des Zinsbandes der US-Notenbank hinaus, die am Dienstag noch bei 2,25 Prozent gelegen hatte.

Offenkundig hat der Liquiditätsengpass im Geldmarkt ein solches Ausmass erreicht, dass die Notenbanker Mühe bekunden, das Zielzinsband einzuhalten. Anders gesagt: Ihr Transmissionsriemen funktioniert nicht mehr richtig, was die Wirksamkeit ihrer Geldpolitik beeinträchtigt.

Tiefer liegende Ursache

Ob zur Reparatur drei Geldspritzen der Federal Reserve in kurzer Folge ausreichen, muss sich zeigen. Unter Beobachtern wird bereits diskutiert, ob die Notenbank zur Sicherstellung des Liquiditätsbedarfs im Geldmarkt mehr unternehmen müsste. Sie könnte zum Beispiel, so eine der herumgebotenen Ideen, ihr Programm zum Kauf von Staatsanleihen wieder aufnehmen. Auf diese Weise wäre ein steter Zustrom in den Geldmarkt sichergestellt, wie dies zwischen 2008 und 2015 der Fall war. 

 Seit 2014 sind die Geldreserven der Banken von 2,9 auf 1,3 Billionen Dollar zurückgegangen. 

In besagtem Zeitraum hatte die Federal Reserve mittels solcher Aufkäufe ihre Bilanzsumme auf 4,5 Billionen Dollar mehr als vervierfacht. Verkäufer dieser Anleihen waren Banken. Dementsprechend stiegen ihre Geldreserven bei der US-Notenbank, so dass reichlich Liquidität vorhanden war. In den letzten vier Jahren jedoch hat die Notenbank ihre Anleihenbestände reduziert, die Bilanzsumme schrumpfte auf 3,8 Billionen.

Gleiches passierte mit den Geldreserven der Banken: Seit 2014 sind sie von 2,9 auf 1,3 Billionen Dollar zurückgegangen. Dieses drastisch geschrumpfte Liquiditätspolster ist aus Sicht mancher Experten der Hauptgrund für die unterschwellig bereits seit längerem zu beobachtende Liquiditätsverknappung im US-Geldmarkt. Sie hat sich in dieser Woche nun rasant zugespitzt. Von einer Krise ist derzeit keine Rede, aber die Federal Reserve steht unter Beobachtung.

Erstellt: 20.09.2019, 19:00 Uhr

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