Trumps Handelsstreit trifft Soja-Bauern

Einst ein boomendes Geschäft, verfaulen nun die Sojabohnen auf US-Farmen. Die Behörden melden zunehmend Suizide von verzweifelten Bauern.

Geraten in Schwierigkeiten: Soja-Farmer können ihre Bohnen nicht mehr exportieren.

Geraten in Schwierigkeiten: Soja-Farmer können ihre Bohnen nicht mehr exportieren. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Wir sind uns einig geworden, etwas zu machen. Sie wollen dringend einen Deal machen», behauptete Präsident Trump nach dem letzten Telefongespräch mit dem chinesischen Premier Xi Jinping kurz vor den Wahlen. Die Finanzmärkte beruhigten sich etwas, aber klare Fortschritte in den Verhandlungen sehen nicht einmal die Wirtschaftsberater des Präsidenten.

Chefökonom Larry Kudlow, sonst nie um eine rosige Sicht verlegen, warnte vor verfrühten Hoffnungen. «Es gibt keine massive Bewegung hin zu einem Deal mit China.» Dafür trieb Justizminister Jeff Sessions den schwelenden Konflikt noch etwas weiter. Er leitete eine Serie von Untersuchungen gegen chinesische Firmen wegen Diebstahls von geistigem Eigentum ein und kündete eine breitere Initiative gegen die vermutete chinesische Industriespionage an.

Zwischen Washington und Peking herrschte seit dem Sommer Funkstille, nachdem Versuche von amerikanischer Seite, Handelskonzession zu erzwingen, gescheitert und mit grösseren Retorsionen beantwortet worden waren. Zwar wollen sich Trump und Xi Ende November am G-20-Gipfeltrennen in Argentinien aussprechen, aber die Erwartungen für einen Durchbruch sind gedämpft. Dazu sind die Probleme zu vielschichtig; sie gehen weit über die eskalierenden Zollabgaben hinaus. Die beiden Handelsmächte müssen auch den Schutz von geistigem Eigentum, den Zugang von US-Firmen zum chinesischen Markt und umgekehrt die Blockierungsversuche der USA gegen chinesische Techfirmen lösen. «Taten sprechen lauter als Worte», mahnt Ed Mills, Politikanalyst des Vermögensverwalters Raymond James. «Alle Taten der Regierung Trump weisen auf einen anhaltenden Kampf hin, der eine rasche Lösung erschwert.»

Ausgeglichene Handelsbilanz ist Makulatur

Trump selber sendet zweideutige Signale aus. Einerseits behauptet er, man habe sich angenähert, und doch beharrt er darauf, dass nur China einen Deal wolle und brauche, nicht aber die USA. «Sie wollen so dringend einen Deal. Aber ich sage, sie sind nicht bereit.» Trump verhandelt aus einer Position der relativen Stärke, da China stark auf US-Agrarexporte angewiesen ist und zudem eine wirtschaftliche Schwäche erlebt, während die Wirtschaft in den USA noch immer boomt. Auch hält sich der US-Aktienmarkt nahe an seinen Rekordwerten, und die chinesischen Aktien schwächeln. Allerdings ist das Handelsdefizit der USA mit China im September auf einen Rekordwert gestiegen, was Trumps Versprechen für eine ausgeglichene Handelsbilanz zur Makulatur gemacht hat.

Viele US-Bauern bleiben auf ihren Sojabohnen sitzen. Foto: Keystone

Doch nach den Kongresswahlen hat es Trump mit einem weiteren Problem zu tun. Zwar kann die neue demokratische Mehrheit im Abgeordnetenhaus keinen Handelsstreit stoppen, da der Präsident im Handelsbereich weitgehend freie Hand hat. Aber sie haben mit der noch offenen Ratifizierung des neuen Handelsabkommens mit Mexiko und Kanada ein Pfand in der Hand, um Trump zu Konzessionen in anderen Bereichen zu bewegen.

Soja-Bauern leiden

Verwirrend wird die Lage erst recht, weil in Umkehrung aller früheren Positionen heute nicht mehr die Republikaner die Freihandelsposition vertreten. Dies könnte Trump zu einer ungewöhnlichen Koalition mit den Demokraten bewegen. Das auch deshalb, weil mehr und mehr US-Firmen über die steigenden Kosten des Handelsstreits klagen und das den Wirtschaftsaufschwung abblocken könnte.

Mehr als alle anderen leiden die Sojapflanzer im Mittleren Westen unter der Eskalation. Farmer in North Dakota, Nebraska, Iowa oder Kansas haben in den letzten Jahren dank der starken chinesischen Nachfrage die Anbauflächen vervielfacht und Rekordprofite erzielt. Einige Familien konnten sich sogar Ferienhäuser in Arizona für die Wintermonate kaufen.

Doch die chinesischen Retorsionszölle haben den Markt völlig zusammenbrechen lassen. Die Sojaexporte sind gegenüber letztem Jahr um 94 Prozent gesunken; die unverkauften Bohnen bleiben auf riesigen Halden neben den Siloanlagen liegen und drohen zu verfaulen. «Ich versuche herauszufinden, wer die Gewinner und Verlierer in diesem Handelskrieg sind» sagt Greg Gebeke, ein Sojapflanzer in North Dakota. «Ein sicherer Verlierer sind wir, und das schmerzt.» Da nützen auch die Subventionen der Regierung wenig, sie decken nur etwa die Hälfte der Verluste. Und ob es 2019 besser wird, ist völlig unklar. Inzwischen melden die Gesundheitsbehörden in North Dakota zunehmend Suizide von verzweifelten Bauern. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.11.2018, 17:09 Uhr

Artikel zum Thema

China und USA wollen Handelsstreit lösen

Nach Monaten der Konfrontation senden Washington und Peking ein deutliches Signal der Entspannung, trotz einer Spionage-Anklage der US-Justiz. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!