So teuer sind Medikamente im Vergleich mit Generika

Cholesterinsenker wären für einen Drittel des Preises zu haben – trotzdem werden oft die Originale verschrieben. Das könnte künftig Patienten teuer zu stehen kommen.

Es gibt derzeit für Ärzte oder Apotheker keine Anreize, die günstigeren Generika zu verkaufen. Foto: Gaetan Bally, Keystone

Es gibt derzeit für Ärzte oder Apotheker keine Anreize, die günstigeren Generika zu verkaufen. Foto: Gaetan Bally, Keystone

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Crestor und Lyrica, die Namen könnten auch ferne Galaxien betiteln. Gemeint sind aber zwei Präparate, die in der Schweiz Zehntausende Menschen täglich zu sich nehmen. Crestor hilft nierenkranken Menschen beim Ausgleich ihres Cholesterinspiegels. Lyrica ist ein krampflösendes Medikament.

Günstig sind beide Medikamente nicht. Eine 14er-Packung 50-mg-Kapseln Lyrica kostet 25.65 Franken; dreissig 10-mg-Filmtabletten Crestor 47.50 Franken. Ersteres Medikament wurde laut dem Apothekerverband Pharmasuisse im letzten Jahr im Wert von 17,9 Millionen Franken verkauft; Letzteres im Wert von 16,6 Millionen Franken.

Crestor und Lyrica haben aber nicht nur ihre galaktischen Namen und grosse Nachfrage gemeinsam. Sie sind auch die beiden Präparate, die aktuell die grössten Preisunterschiede zu Generika mit identischen Wirkungsstoffen haben. Das zeigt eine systematische Analyse der Spezialitätenliste des Bundesamts für Gesundheit (BAG).

Die Liste wird monatlich in einer aktuellen Version im Internet veröffentlicht. Sie enthält alle rezeptpflichtigen Medikamente, die von den Krankenkassen übernommen werden. Aktuell sind dort 9300 Präparate aufgeführt. Deren Verbindung mit den Verkaufszahlen der Versicherungen zeigt: Patienten und Patientinnen bekommen oft auch Jahre, nachdem der Patentschutz eines Originalmedikaments weggefallen ist, die teureren Produkte verschrieben.

Bei Crestor und Lyrica sind die Preisunterschiede besonders ausgeprägt. Die günstigsten Präparate mit gleicher Wirkung wie Crestor sind in derselben Menge für 18.75 Franken zu haben. Also zweieinhalb Mal so günstig. Die Lyrica-Nachahmerprodukte kosten gar nur 8.55 Franken, dreimal so günstig. Und trotzdem kamen in den Apotheken im vergangenen Jahr für diese Medikamente nur einstellige Millionen-Umsatzbeträge zustande. Die teuren Originalprodukte bleiben im Markt viel erfolgreicher.

Bund will Patienten zur Kasse bitten

Crestor und Lyrica sind Extrembeispiele, aber keine Einzelfälle. Der Bundesrat beabsichtigt deshalb, für Medikamente mit abgelaufenen Patenten ein Referenzpreissystem einzuführen. Demnach werden die Krankenkassen künftig nur noch den Durchschnittspreis der drei günstigsten Produkte mit dem jeweilig gleichen Wirkstoff bezahlen. Wird trotzdem das teuerste Medikament gekauft, wird die Differenz dem Patienten in Rechnung gestellt. Für 30 Filmtabletten von Crestor wären das aktuell 28.75 Franken; für 14 Kapseln Lyrica 17.20 Franken.

Die Logik: Die Patienten würden schon selbst dafür sorgen, dass sie die günstigeren Medikamente bekommen. Die Botschaft zum Referenzpreissystem will der Bund in der Sommersession ans Parlament übergeben. Sie ist Teil des gross angelegten Kostendämpfungsprogramms im Gesundheitswesen.

Doch schon vor Bekanntwerden der Botschaft regt sich Kritik. Die Krankenversicherer begrüssen zwar ein Referenzpreissystem. Doch für Unternehmen wie Helsana könne ein solches System nur erfolgreich eingeführt werden, wenn die Margen im Medikamentenverkauf nicht mehr prozentual berechnet würden; vielmehr müssten Apotheken, Ärzte und Spitäler an jeder Medikamentenpackung gleichviel verdienen, egal wie teuer sie seien.

«Die Schweiz hat es bis jetzt verpasst, wirksame Rahmenbedingungen zu schaffen für eine Promotion der Generika.»Yvonne Gilli, Mitglied des Zentralvorstands der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH)

Tatsächlich ist derzeit das Gegenteil der Fall. Je teurer ein Produkt, desto grösser ist die Marge für die Verkäufer. Und absurderweise werden die Patienten für genau diese teuren Produkte mehr zur Kasse gebeten.

Für eine 100er-Packung 20-mg-Crestor-Filmtabletten beträgt der Selbstbehalt zum Beispiel 20 Prozent oder 24 Franken; für das Generikum Rosuvastatin des Schweizer Herstellers Spirig Healthcare AG mit identischen Wirk- und Hilfsstoffen fallen 10 Prozent oder 5.20 Franken an. Und dennoch wird Crestor gegenüber Rosuvastatin bevorzugt.

Im Jahr 2018 vergütete der Versicherer Swica seinen Kunden Crestor im Wert von 400’000 Franken; für das günstige Schweizer Generikum Rosuvastatin waren es nur 7400 Franken.

Ärzte und Apotheken und vor allem die Pharmafirmen verdienen in diesem System also mehr, auf Kosten der Patienten und Krankenkassen.

Fehlanreize beheben

Trotzdem hält die Ärzteschaft das angekündigte Referenzpreissystem für den falschen Ansatz. Yvonne Gilli, die frühere grüne St. Galler Nationalrätin und Mitglied des Zentralvorstands der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH), sagt: «Die Schweiz hat es bis jetzt verpasst, wirksame Rahmenbedingungen zu schaffen für eine Promotion der Generika und eine margenunabhängige Arzneimittelabgabe.» Bevor man über ein Referenzpreissystem nachdenke, gelte es, die vielen Fehlreize im System zu beheben.

Gilli will aber vor allem davor warnen, dass Krankenkassen den Ärzten künftig vorschreiben dürften, welche Medikamente sie ihren Patienten geben – und welche nicht. Sie sagt: «Aus medizinischer Sicht ist der Wechsel vom Originalpräparat zum Generikum, respektive von Nachahmerprodukt zu Nachahmerprodukt nicht unproblematisch.» Es könnten beträchtliche Unterschiede in der Bioverfügbarkeit resultieren, sagt Gilli. Damit sei die Patientensicherheit gefährdet. Unproblematisch sei die Erstverschreibung.

Dass auch die Interpharma, der Verband der Pharmakonzerne, das drohende Referenzpreissystem kritisch beurteilt, versteht sich von selbst. Sie sehen ihre Pfründe davonschwimmen. Sprecherin Anita Geiger sagte auf Anfrage: «Der Verband will den bundesrätlichen Vorschlag erst abschliessend beurteilen, wenn er vorliegt.» Wie die Ärzte pocht auch der Pharmaverband auf die Aufrechterhaltung der Verschreibungsfreiheit der Ärzte.

Pharmafirmen zeigen, dass es geht

Die definitiv einfachste Lösung der teuren Originalmedikamente liegt aber eigentlich auf der Hand: runter mit den Preisen. In Grossbritannien oder Deutschland ist Crestor rund ein Drittel billiger als in der Schweiz.

Dass die Pharmafirmen durchaus in der Lage sind, ihre Medikamente günstiger auf den Schweizer Markt zu bringen, beweisen sie bereits selbst. Es ist heute eine übliche Praxis, dass Firmen, kurz vor Ablauf des Patents eines Originalpräparats, ihr eigenes Generikum im Markt platzieren. Damit kommen sie der Konkurrenz zuvor.

Derzeit verkauft zum Beispiel die britisch-schwedische Firma Astra Zeneca ihr eigenes Crestor-Generikum namens Crestastatin für 18.85 statt für 47.50 Franken, der Preis des Originals; die US-Firma Pfizer verkauft das Lyrica-Generikum namens Pregabalin für 8.55 statt für 25.65 Franken. Sowohl Wirk- als auch Hilfsstoffe der Medikamente sind laut Branchenportal «Compendium» absolut identisch.

Erstellt: 30.05.2019, 08:46 Uhr

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Der Code der Datenanalyse

Für die Analyse der im Vergleich zu Generika teuersten Original-Medikamente wurde die Spezialitätenliste des Monats Mai berücksichtigt. Die Liste wird monatlich vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf der Website spezialitaetenliste.ch publiziert. Der Code, um die Analyse nachvollziehen zu können, ist auf der Entwickler-Plattform einsehbar und kann erweitert oder verbessert werden.

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