So gross wird die Rentenlücke

Wie viel Geld werden Pensionierte künftig zur Verfügung haben? Neue Berechnungen zeigen, wer im Alter mit Einbussen rechnen muss.

Gerüstet fürs Alter? Die steigende Lebenserwartung zwingt Kassen zu Einschnitten. Foto: Keystone

Gerüstet fürs Alter? Die steigende Lebenserwartung zwingt Kassen zu Einschnitten. Foto: Keystone

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Den meisten Menschen dürfte das heute bewusst sein: Nach der Pensionierung werden sie mit immer geringeren Leistungen der AHV und der Pensionskasse – gemessen an ihrem letzten Erwerbseinkommen – auskommen müssen. Fachleute sprechen von der wachsenden Vorsorgelücke. Doch wie gross diese Lücke sein wird und was das fürs Pensioniertenleben verheisst, darüber haben nur die wenigsten eine Vorstellung.

In ihrer heute veröffentlichten Studie zur beruflichen Altersvorsorge in der Schweiz hat die Credit Suisse Berechnungen über das absehbare Ausmass dieser Vorsorgelücke angestellt.

Zwei Grundtendenzen lassen sich ableiten: Je weiter die Pensionierung in der Zukunft liegt und je höher das Einkommen im Erwerbsleben ist, desto grösser wird die Lücke. Das heisst, desto mehr muss die betreffende Person privat sparen, wenn sie nach der Pensionierung den gewohnten Lebensstandard fortführen will.

Leistungsziel gerät ausser Reichweite

Deutlich wird dies anhand der zwei Extrembeispiele, welche die CS-Experten berechnet haben. Die Bezüger tieferer Einkommen, die 2010 nach 40-jähriger Berufstätigkeit pensioniert wurden, kommen mit der ersten und der zweiten Säule auf 58 Prozent ihres letzten Lohns. Das der obligatorischen Vorsorge zugrunde liegende Leistungsziel, wonach AHV und Pensionskasse rund 60 Prozent des zuletzt erzielten Lohns abdecken, wäre also praktisch erreicht.

Für Tieflohnbezüger, die 1985 – zeitgleich mit der Einführung der beruflichen Vorsorge – ins Berufsleben einstiegen und 2025 pensioniert werden, sieht es schon deutlich ungünstiger aus. Mit AHV und Pensionskasse erreichen sie noch die Hälfte ihres letzten Lohns.

Als «tieferer Lohn» gilt in der CS-Studie ein Jahreseinkommen von 50’000 Franken, das ein 25-jähriger Verkäufer 2010 erzielte; bei einem 65-jährigen Verkäufer wird im gleichen Jahr von 70’000 Franken ausgegangen. Für mittlere Einkommen, etwa bei einer Lehrerin, werden 70’000 Franken im Alter 25 und 100’000 Franken im Alter 65 angenommen und für höhere Einkommen – verkörpert durch einen Juristen – 95’000 respektive 200’000 Franken.

Damit wären wir beim anderen Extrembeispiel: Bei Bezügern höherer Einkommen, die zwischen 2021 und 2061 berufstätig sein werden, werden erste und zweite Säule dereinst noch klägliche 34 Prozent ihres letzten Lohns ausmachen. Um als Pensionierte ihre angestammte Lebensführung beizubehalten – wofür Finanzplaner von 80 Prozent des letzten Lohns ausgehen –, müssten diese Personen also eine Vorsorgelücke von 46 Prozent mittels privater Ersparnisse schliessen.

Den CS-Autoren ist natürlich bewusst, dass Projektionen über mehr als 40 Jahre hinweg mit mehr oder minder grossen Unschärfen verbunden sind und je nach den getroffenen Annahmen zu stark unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Um nur eine «Stellschraube» herauszugreifen: Für 2061 geht die Studie von einem Umwandlungssatz von 4,7 Prozent aus.

Gewollte Umverteilungen von oben nach unten ...

Die enorme Diskrepanz in den Vorsorgelücken der beiden Extrembeispiele – 22 respektive 46 Prozent – ist auf eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen. Teils sind sie politisch gewollt und im Schweizer Sozialversicherungssystem entsprechend angelegt. Dazu zählt der Umverteilungsmechanismus von hohen zu geringen Einkommen in der AHV mit den gesetzlich fixierten Maximal- und Minimalrenten. Je kleiner das Erwerbseinkommen, desto grösser ist im Ruhestand der Anteil der AHV an den Altersleistungen – und desto stärker wirkt der Umverteilungseffekt.

Auch in der beruflichen Vorsorge kommt es zur Umverteilung von oben nach unten, auch wenn das im heutigen Ausmass nicht vorgesehen war. Während für Jahreslöhne bis 85’000 Franken der Mindestumwandlungssatz von 6,8 Prozent gilt, können Pensionskassen den Umwandlungssatz für darüberliegende Einkommen (überobligatorischer Teil) innerhalb gewisser Grenzen selber bestimmen.

Grosse betriebseigene Pensionskassen haben deutlich stärkere Kürzungen vorgenommen.

Aufgrund der stetig steigenden Lebenserwartung und gleichzeitig rasant gesunkener Renditen auf festverzinslichen Anlagen sehen sich die Kassen zu schmerzlichen Einschnitten gezwungen. Die Umwandlungssätze im überobligatorischen Bereich liegen heute in einer Grössenordnung von 5 Prozent. Grosse betriebseigene Pensionskassen haben teils deutlich stärkere Kürzungen vorgenommen, und sie weisen den Trend.

Ob im Rahmen einer Revision der beruflichen Vorsorge auch der Mindestumwandlungssatz auf 6 Prozent gesenkt wird, steht in den Sternen; das letzte Wort dürften die Stimmbürger haben. Wie auch immer – solange der «obligatorische» Umwandlungssatz deutlich über den «überobligatorischen» liegt, sehen sich die Bezüger niedriger Einkommen begünstigt. Mit dem Umwandlungssatz werden die in der Pensionskasse angesparten Altersguthaben in die Altersrente umgerechnet.

... und «versteckte» von Jung zu Alt

Es gibt aber auch versteckte Umverteilungen in der beruflichen Vorsorge – und diese bevorteilen Ältere zulasten der Jungen. Auch hier spielen die Umwandlungssätze eine Rolle: Solange sie zu hoch sind – gemessen an dem, was aus versicherungstechnischer Sicht geboten wäre –, kommen die Pensionierten in den Genuss überhöhter Renten. Finanziert werden sie von den Berufstätigen.

Was vielen wohl nicht bewusst ist: Die in der Pensionskasse angesparten Altersguthaben der Erwerbstätigen werden schon seit Jahren geringer verzinst als jene der Pensionierten. Nur dank dieser Diskriminierung können die Kassen ihre überhöhten Rentenversprechen an die Rentner finanzieren.

Erstellt: 09.10.2019, 11:55 Uhr

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