Schweizer wollen nichts von CO2-Kompensation wissen

Schweizer Reisebüros spüren wenig vom Greta-Effekt. Und CO2-Kompensationen kommen nicht zum Fliegen.

In den Reisebüros läuft die CO<sub>2</sub>-Kompensation von Flügen nur schleppend. Foto: Keystone/Christian Merz

In den Reisebüros läuft die CO2-Kompensation von Flügen nur schleppend. Foto: Keystone/Christian Merz

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Reisen wir in Zeiten von Greta und Flugscham weniger? Das ist eine Frage, die sich nicht zuletzt die Reisebranche stellen muss. Eine Umfrage zeigt nun: 9 von 10 Schweizerinnen und Schweizern reisen mindestens einmal pro Jahr, viele sogar mehrfach. Das zeigt eine Studie, welche der Schweizer Reise-Verband in Auftrag gegeben hat.

Zudem: Bei zwei Dritteln der Reisebüros kommt das Thema Klimawandel bei nur 5 Prozent oder weniger der Buchungen überhaupt erst auf. Die Reisebüros gehen auch nicht davon aus, dass sich dies ändern wird. Nicht einmal 40 Prozent denken, dass der Klimawandel künftig bei Buchungsgesprächen mehr beachtet wird. Beim Klientel der Reisebüros scheint also die Klimadebatte noch nicht in der Gänze angekommen zu sein.

Nur 1 Prozent kompensiert online

Ein ähnliches Verhalten zeigt sich bei der CO2-Kompensation. Mit Zertifikaten kann der eigene Ausstoss etwa in einem Entwicklungsland eingespart werden. Kritiker sprechen zwar von Ablasshandel oder von Gewissensberuhigung, doch fest steht: Wer seinen Ausstoss an einem anderen Ort kompensieren lässt, tut zumindest etwas für den globalen CO2. So verkauften Myclimate und andere Kompensationsgesellschaften in der letzten Zeit auch mehr Zertifikate. Die Reisebüros spüren davon jedoch wenig.

Seit April zahlt das Touristikunternehmen DER Touristik Suisse AG mit Spezialaktionen über seine Marken wie Kuoni oder Helvetic Tours die Hälfte eines Kompensations-Zertifikats der Stiftung Myclimate, welches die Kunden freiwillig buchen können. «Ziel ist es, unsere Kunden und Mitarbeitenden intensiver über die Möglichkeit einer CO2-Kompensation aufzuklären», liess die Firma zum Start der Aktion verlauten.

Doch die Resultate sind ernüchternd. «Wir verzeichnen seit dem Start der Aktion Mitte April einen leichten Anstieg von vermittelten CO2-Kompensationen unserer Reisen im einstelligen Prozentbereich», sagt ein Sprecher.

Auch bei einem anderen grossen Reiseveranstalter in der Schweiz – Hotelplan – zeigen sich die Kunden nicht unbedingt klimafreundlich. Bei Onlinebuchungen kompensiert nur gerade ein Prozent der Reisenden seinen CO2. Im Reisebüro sind es rund 25 Prozent aller Kunden, die ein Zertifikat kaufen. Dennoch registriert Hotelplan von 2017 zu 2018 eine Zunahme der kompensierten CO2-Tonnen um über 45 Prozent.

In den Angeboten von Hotelplan ist jeweils eine freiwillige Kompensation von 20 Franken ausgewiesen. Dieser müssen die Kunden zustimmen, sie kann aber je nach Wunsch erhöht werden. Zum Vergleich: Ein Zertifikat von Myclimate für den Flug Zürich–New York retour kostet 58 Franken, um den CO2 in einem Entwicklungs- und Schwellenland zu kompensieren. Viele Kunden dürften also ihren Ausstoss nur zu einem Teil kompensieren.

Mit Hürden zum Zertifikat

Der Geschäftsführer des Schweizer Reiseverbands, Walter Kunz, sagt dazu: «Auch wenn 90 Prozent der Kunden sich für die Möglichkeit einer Kompensation interessieren, machen es dann trotzdem nur 10 Prozent oder noch weniger.» Viele Reisebüros und Veranstalter würden während der Buchung aktiv auf die Möglichkeit von CO2-Kompensation hinweisen.

Doch bei einigen Unternehmen gibt es Hürden für die Kunden, um überhaupt zu einem Kompensations-Zertifikat zu gelangen. So besteht etwa beim Reiseanbieter DER Touristik die Möglichkeit nicht, bei einer Onlinebuchung direkt eine CO2-Kompensation abzuschliessen. Man arbeite aber daran, dies in Zukunft anzubieten, sagt ein Sprecher.

Auch bei Knecht Reisen, immerhin die Nummer 4 im Schweizer Reisegeschäft, sind Kompensationen bei Onlinebuchungen heute nicht möglich. Dies werde aber bald schon ermöglicht, sagt ein Sprecher. Als Fernreisespezialist sei der überwiegende Anteil der angebotenen Reisen aber hoch komplex. «Für uns erfolgt der primäre Kundenkontakt daher nicht online, sondern entweder im stationären Verkauf über eines unserer 20 klassischen Reisebüros oder über Telefonverkauf.» Im stationären Verkauf weist Knecht Reisen auf die Möglichkeit einer Kompensation hin. Direkt über das Reisebüro lassen sich die Zertifikate aber nicht buchen.

Erstellt: 11.09.2019, 20:20 Uhr

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