SBB mieten Züge bei der Konkurrenz

Die Bundesbahnen versuchen, mit zwei zugemieteten Zügen die Lage zu entspannen. Das ist dringend nötig.

SBB-Rollmaterial, das nicht rollt, sondern auf den Geleisen des HB Zürich herumsteht. Foto: Urs Jaudas

SBB-Rollmaterial, das nicht rollt, sondern auf den Geleisen des HB Zürich herumsteht. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Toni Häne ist seit Jahrzehnten bei den SBB. Als Nummer 2 hinter Andreas Meyer schlägt er sich derzeit mit den neuen Doppelstockzügen herum. Die Züge, die Jahre auf sich haben warten lassen, stecken nun mitten in der Einführungsphase und verursachen noch immer Probleme. Am Donnerstag verbrachte Häne den Tag damit, eine neue Software zu testen, die das Wanken der Doppelstöcker reduzieren soll. Die ersten Anzeichen seien ­vielversprechend, sagte er nach seiner Fahrt. Und: Diese Woche habe man zwei Züge übernommen, letzte Woche einen. Häne versprüht im Gespräch Optimismus. Die Ansage: Es kommt gut mit dem neuen Zug.

Das muss es auch. Die Fahrzeuge werden dringend gebraucht, Rollmaterial ist knapp. Im Sommer stehen Grossereignisse vor der Tür, die weitere Fahrzeuge binden werden.

Völlig überrascht wurden die SBB offenbar nicht von den ­Problemen beim Doppelstöcker. Laut Häne haben die SBB im ­vergangenen Jahr einen Roll­material-Ausschuss gebildet, der unter anderem den Auftrag hatte, sich umzuschauen, wo man eventuell Rollmaterial zumieten könnte. Fündig wurden die SBB bei der Schweizerischen Südostbahn (SOB). Dort mieten sie zwei Kompositionen. Diese Möglichkeit präsentierte die «Zürichsee-Zeitung» vor zwei Wochen, nun bestätigen sich die Recherchen.

«Es hat praktisch bei jeder Einführung Probleme gegeben.»Toni Häne

Weitere Züge etwa bei der BLS zu mieten, sei kein Thema, sagt Häne. Dort stehen bald acht neue Züge herum, und die Bahn wäre bereit, über eine Vermietung zu sprechen. Das sei nicht nötig, sagt Häne. Denn bis zum kleinen Fahrplanwechsel im Juni sollen bis zu 21 der neuen Fernverkehrsdoppelstöcker im Einsatz stehen. Zurzeit haben die SBB 15 übernommen.

Umgeschaut hat sich der ­Ausschuss auch in Europa. Doch dabei sei man nur auf Rollmaterial gestossen, das älter sei und nicht mehr Komfort biete als die alten SBB-Züge.

3 Milliarden für neue Züge

Hat Häne schon einmal eine derart mühselige Zugbeschaffung erlebt wie mit dem neuen Doppelstöcker? «Es hat praktisch bei jeder Einführung Probleme gegeben», so Häne. Speziell sei aber die Verspätung der Dop­pelstöcker. Das führe nun dazu, dass mit dem Stadler-Rail-Zug «Giruno» für die Nord-Süd-Verbindung und den «Flirts» für die Genfer S-Bahn gleichzeitig weitere Züge in Betrieb genommen werden. Eine Kumulation, die niemand wollte.

Aus der Beschaffung des neuen Doppelstöckers müssen die SBB Lehren ziehen. Das will der Bund so, aber auch die SBB selbst. Denn die Reputation der Staatsbahnen hat arg gelitten in letzter Zeit.

SBB ändern Beschaffungsprozess

Doch wie sehen diese Lehren aus? Häne sagt: «Wir werden sicher länger testen in Zukunft.» Das habe man nun beim Giruno bereits teilweise umgesetzt und etwa eine Vorserie bestellt.

Zudem ändern die SBB den Beschaffungsprozess. Schon bald wollen sie für rund 3 Milliarden Franken neue einstöckige Regionalzüge kaufen. Die komplette Regionalverkehrsflotte soll ausgetauscht werden. Dabei wollen die SBB keine absolute Neuentwicklung mehr bestellen. Man werde schauen, was bei anderen Bahnen erfolgreich eingesetzt werde. Es sind neue Standards, die die Beschaffung einfacher machen sollen.

Die künftigen Züge sollen zudem flexibler werden im Einsatz. So wird diskutiert, ob man Fahrzeuge bestellen will, in die man je nach Einsatzort mehr oder weniger Sitzplätze einbauen kann. Nach heutigem Stand sollen die Züge bereits 2023 im Wallis und im Netz von Thurbo rollen.

Erstellt: 24.05.2019, 21:53 Uhr

GA-Preispläne werden vorerst nicht umgesetzt

Toni Häne, Chef des Personenverkehrs der SBB, muss sich nicht nur wegen der missglückten Zugbeschaffung Kritik gefallen lassen. Kürzlich meldete der «Beobachter», dass das Generalabonnement bald 10 Prozent teurer werde. Das Studenten-GA soll im Dezember ganz gestrichen werden. So stand es in einem internen Papier der Bahnbranche. Entschieden sei noch nichts, verteidigte sich der Branchenverband. Häne sagt nun, dass die angedachten Ideen erst einmal vom Tisch sind. Es soll zuerst überprüft werden, welche Angebote noch sinnvoll seien und welche nicht. Damit ist auch das Studenten-GA vorerst sicher. Auf Ende Jahr ist keine Erhöhung des Preises beim GA und bei den Normaltarifen geplant. (phf)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Kommentare