Die UBS spürt den «Schweine»-Shitstorm

Die Aussage eines Ökonomen der Schweizer Grossbank ist in China nicht gut angekommen. Jetzt reagieren die erste Kunden.

Erste chinesische Unternehmen haben ihre Geschäftsbeziehungen zur Schweizer Grossbank eingestellt: UBS-Sitz in Shanghai. Foto: Reuters

Erste chinesische Unternehmen haben ihre Geschäftsbeziehungen zur Schweizer Grossbank eingestellt: UBS-Sitz in Shanghai. Foto: Reuters

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Flapsige Bemerkungen können sich zur Katastrophe ausweiten. Das erlebt aktuell die UBS in China. In seinem täglichen Podcast zur Weltwirtschaft hat sich Paul Donovan, Chefökonom der Vermögensverwaltungssparte der Grossbank, letzten Mittwochmorgen zum an sich unverdächtigen Thema geäussert, welchen Einfluss die Schweinepest in China auf die weltweite Teuerung hat. Seine Kernbotschaft: Ausser auf das Preisniveau in China selbst hat sie keinen Einfluss über das Land hinaus.

Doch er hat das in einer Weise ausgedrückt, die bei den Chinesen als schwere Beleidigung aufgefasst wurde. Konkret antwortete er wie folgt: Die Schweinepest «spielt eine Rolle, wenn man ein chinesisches Schwein ist. Sie spielt eine Rolle, wenn man in China Schwein isst. Aber sie spielt für den Rest der Welt keine Rolle, da China nicht viele Lebensmittel exportiert.»

«Geschmacklos und rassistisch»

In China wurden diese Bemerkungen gleich so gedeutet, dass Donovan die Chinesen als Schweine bezeichnet, und entsprechend als schwere Beleidigung, als «geschmacklos und rassistisch», wie eine Agentur berichtete. In den chinesischen sozialen Medien brach ein Shitstorm über die UBS herein, und sowohl das Boulevardblatt «Global Times» wie das Organ der Kommunistischen Partei «Peoples Daily» berichteten darüber.

Letzteres schrieb in einem scharfen Kommentar: «Diejenigen, die das chinesische Volk beleidigen, müssen dafür zahlen, ansonsten sind Rückfälle unvermeidlich, und Nachahmungstäter werden dazu verleitet, dasselbe zu tun.»

Paul Donovan entschuldigte sich gleich mehrmals – ohne Erfolg. Foto: Donovapa (Wikimedia)

Es hat wenig genützt, dass sich die UBS sogleich in einer per Reuters übermittelten Erklärung «vorbehaltlos für ein allfälliges Missverständnis» entschuldigt hat, «das durch diese harmlos gemeinten Kommentare von Paul Donovan verursacht wurde». Zur Besänftigung der Gemüter stellte die Grossbank Donovan gleich auch noch frei. Ob weitere Schritte notwendig sind, will die UBS evaluieren.

Auch Paul Donovan selbst entschuldigte sich gleich mehrmals – zuletzt öffentlich auf dem Fernsehkanal von Bloomberg – und sprach von einem Fehler. Menschen habe er aber sicher nicht beleidigen wollen.

Boykottdrohungen gegen die UBS

Genützt hat das alles wenig. In der chinesischen Finanzindustrie werden Boykottdrohungen gegen die UBS gestellt. Eine Entlassung Donovans ist das Mindeste was man dort erwartet. Erste chinesische Unternehmen – ein Broker und eine staatliche Infrastrukturfirma – haben ihre Geschäftsbeziehungen zur Schweizer Grossbank bereits eingestellt.

In westlichen Finanzmedien hingegen reibt man sich die Augen ob der heftigen Reaktion in China auf die im Original harmlosen Äusserungen des UBS-Ökonomen. Wenn man die chinesische Fehlinterpretation von Donovans Worten grosszügig erklären wolle, könnte sie mit der Übersetzung des Begriffs «chinesisches Schwein» in Mandarin (einer Sprache Chinas) zu tun haben, schreibt der Kolumnist Patrick Jenkins in der «Financial Times». «Der Begriff weckt Assoziationen zu den Opiumkriegen im 19. Jahrhundert, als die Briten (auch Donovan ist ein Brite) die Lokalbevölkerung unterdrückt und als Schweine bezeichnet haben.»

Auch eine Folge des Handelskrieges

Dennoch hält Jenkins die Reaktionen in China für fehlgeleitet: Es sei «eine Absurdität einen unschuldigen englischen Satz in einer gewissen Art zu übersetzen und sich dann davon beleidigt zu fühlen», schreibt der Kolumnist. Wie auch andere Kommentatoren westlicher Zeitungen sorgt er sich deswegen, dass die UBS den Chinesen sogar zu weit entgegenkommt. Eine Entlassung Donovans zum Beispiel wäre seiner Ansicht nach eine noch grössere Ungerechtigkeit, als es bereits dessen Freistellung ist.

Die heftige Reaktion Chinas erklärt Jenkins einerseits mit den Spannungen im Zusammenhang mit dem Handelskrieg, der die nationale Empfindlichkeit gegenüber dem Westen in China stark gesteigert habe, und andererseits mit der Konkurrenzsituation in der Finanzbranche: Gerade jene chinesischen Finanzinstitute in China, die jetzt am heftigsten auf Donovans Äusserungen reagierten, stünden auch mit der UBS im Wettbewerb. Damit meint er, dass sie von einer Schwächung der Schweizer Grossbank profitieren würden.

Schindlers Absturz in Japan

Unabhängig von diesen Hintergründen zeigt das Beispiel einmal mehr, welche Folgen ein von aussen gesehen unverfängliches Verhalten haben kann, wenn es in einer anderen Kultur ganz anders interpretiert wird. Ein berühmtes Beispiel ist jenes des Schweizer Liftbauers Schindler. Als bei einem Unfall mit einem Schindler-Lift 2006 ein 16-Jähriger ums Leben kam, hat Alfred Schindler, damals Verwaltungsratspräsident, deutlich gemacht, dass dafür nicht seine Firma, sondern das japanische Wartungsunternehmen verantwortlich sei.

In Japan hat man dieses im Westen übliche Verhalten – man schreckt hier aus Angst vor Schadenersatzklagen eher vor voreiligen Entschuldigungen zurück – als extrem kaltherzig aufgefasst. In Japan wird erwartet, dass auch Chefs grosser Firmen nach einem solchen Ereignis Mitgefühl offen demonstrieren, bis dazu, öffentlich in Tränen auszubrechen.

Obwohl Schindler rasch einen Schwenker vollzog und die Entschuldigung nachholte, war es zu spät. Das Liftgeschäft in Japan war für Schindler danach praktisch tot und wurde 2016 an den Konkurrenten Otis verkauft. Für die UBS – die in China einen ihrer Kernmärkte der Zukunft sieht – wäre ein solcher Ausgang der Geschichte wegen einer an sich harmlosen Aussage ihres Chefökonomen eine Katastrophe.

Erstellt: 17.06.2019, 13:53 Uhr

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