Deutschland schwächelt, Italien ist krank – und die Schweiz?

Daten aus dem Ausland lassen Zweifel daran aufkommen, dass es in der Schweiz bei einer gewöhnlichen Abkühlung bleiben wird.

Patient der Eurozone: Italien befindet sich seit Sommer 2018 in einer Rezession. Im Bild die Réception des verlassenen Hotels Americ in Carpiano bei Mailand.

Patient der Eurozone: Italien befindet sich seit Sommer 2018 in einer Rezession. Im Bild die Réception des verlassenen Hotels Americ in Carpiano bei Mailand. Bild: Luca Bruno/Keystone

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Um 0,8 Prozent im Vergleich zum Vormonat ist im Januar die deutsche Industrieproduktion saisonbereinigt eingebrochen. Im Vergleich zum Vorjahr beläuft sich der Einbruch sogar auf 3,3 Prozent. Die Abkühlung der aus Sicht des Schweizer Aussenhandels wichtigsten Volkswirtschaft ist damit noch stärker als erwartet. Für 43,1 Milliarden Franken exportieren Schweizer Unternehmen jedes Jahr Güter nach Deutschland – das sind rund 19 Prozent der gesamten Exporte.

Für 2019 hat die OECD für Deutschland die Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) eben deutlich gesenkt: Noch im November rechnete die Organisation der entwickelten Länder mit einer BIP-Zunahme von 1,6 Prozent, jetzt geht sie noch von 0,7 Prozent aus. Bereits im dritten Quartal 2018 ist die deutsche Wirtschaft um 0,2 Prozent geschrumpft, im vierten Quartal stagnierte sie mit Nullwachstum und ist damit nur knapp einer Rezession entgangen.

Noch ist die Schweiz nicht in den Sog der Entwicklung in Deutschland geraten. Eine Abkühlung wird allerdings auch hier erwartet: Nach 2,9 Prozent im vergangenen Jahr soll das BIP hierzulande gemäss Prognostikern im Bereich von 1,5 Prozent wachsen. Das wäre keine Krise, sondern würde vielmehr eine Abkühlung auf jenes Wachstum bedeuten, das in etwa dem Schweizer Wirtschaftspotenzial entspricht.

Nur vorübergehende Schwächen?

Grund zur Beruhigung scheint aus Schweizer Sicht auch die jüngste Erhebung zum Einkaufsmanagerindex (PMI) des verarbeitenden Gewerbes zu geben, den die Credit Suisse und die Einkäufervereinigung Procure veröffentlichen und der auf Umfragen bei den Einkäufern grosser Unternehmen basiert. Mit einem Wert von 55,4 liegt der PMI noch immer deutlich über der Schwelle von 50. Werte darüber stehen für Wachstum, Werte darunter für eine Kontraktion. Nachdem der Schweizer PMI von 64,6 Punkten im August auf 54,3 Punkte im Januar gefallen ist, hat er sich im Februar wieder leicht erhöht.

Ganz anders sieht das Bild auch hier in den wichtigsten Absatzmärkten der Schweiz aus: Der vom Datendienstleister Markit erhobene PMI für die Eurozone für den Februar zeigt mit 49,3 Punkten eine Kontraktion der Wirtschaftsaktivität an. Mit 47,6 Punkten liegt der PMI für Deutschland sogar noch tiefer – und so tief wie seit 74 Monaten nicht mehr. Selbst der Wert für Italien ist mit 47,7 Punkten leicht höher. Dabei ist Italien der andere Patient der Eurozone. Das Land befindet sich seit dem vergangenen Sommer in einer Rezession.

Sollte sich die Lage in Europa in den nächsten Monaten nicht deutlich verbessern, ist schwer vorstellbar, wie sich die Schweizer Wirtschaft diesem Abwärtssog entziehen kann. Der verbliebene Optimismus erklärt sich damit, dass insbesondere die Entwicklung in Deutschland nur für eine vorübergehende Schwäche steht. Der Dämpfer im letzten Herbst ging zum Beispiel auf neue Regulierungen bei Fahrzeugen zurück, die zwischenzeitlich stark auf der Autoproduktion gelastet haben. Einige Prognostiker rechnen deshalb bald mit deutlich besseren Zahlen aus Deutschland.

Die OECD rechnet mit 6,2 Prozent für China. Das wäre das tiefste Wachstum seit fast 30 Jahren.

Grund zur Sorge bieten allerdings auch die anderen grossen Blöcke der Weltwirtschaft. «In den entwickelten Ländern ist die Industrieproduktion generell stark zurückgegangen», sagt Anastassios Frangulidis, Chefstratege der Bank Pictet: «Anfang 2018 wuchs sie noch um 4 Prozent, jetzt steigt sie nur noch um 0,9 Prozent. Stärker wächst sie mit 2,1 Prozent noch in den Schwellenländern.»

Doch auch dort zeigen sich bedenkliche Entwicklungen – insbesondere in der Türkei, die sich bereits in einer Rezession befindet. Die OECD rechnet damit, dass das türkische BIP im laufenden Jahr um 1,8 Prozent geringer ausfällt als 2018. Im Vorjahr ist es noch um 2,9 Prozent gewachsen. Noch im letzten Jahr erreichten Exporte im Wert von 1,9 Milliarden aus der Schweiz die Türkei, ihr Anteil an den Gesamtexporten beläuft sich auf 0,8 Prozent.

Weit mehr Bedeutung hat aber die Sorge um ein geringeres Wachstum in China. Dessen Anteil an den Schweizer Exporten beläuft sich mit 12,2 Milliarden im letzten Jahr auf 5,2 Prozent. Eine Wachstumsschwäche in China hat für die Schweiz aber auch indirekte Effekte – vor allem, weil China auch für Europa und insbesondere für Deutschland ein sehr wichtiger Handelspartner ist, hängt dessen weiterer Konjunkturverlauf ebenfalls von der Entwicklung dort ab.

Die chinesische Regierung hat jüngst eine Reihe von Massnahmen über die Staatsausgaben ergriffen, um das Wachstum weiter zu stützen. Sie peilt für das laufende Jahr neu ein Wachstum zwischen 6 und 6,5 Prozent an. Die OECD rechnet mit 6,2 Prozent. Das wäre das tiefste Wachstum des Landes seit fast 30 Jahren.

Keine Rezession ohne grosses negatives Ereignis

Ob aber die Weltwirtschaft sich mehr als nur abkühlt, ist noch alles andere als sicher. Daniel Kalt, der Schweizer Chefökonom der UBS, verweist dazu auf die jüngste Geschichte: «In den letzten zehn Jahren gab es auch schon Wachstumsdämpfer in der Weltwirtschaft – zum Beispiel 2011 und 2015.» Laut Kalt sei es nicht ausgeschlossen, dass das auch diesmal der Fall sei.

Anastassios Frangulidis von Pictet bleibt grundsätzlich optimistisch: «Zwar wäre im Sommer der Boomzyklus bereits der längste bisher», sagt er, dennoch «fehlen die üblichen Gründe, die zu einer Rezession führen: Die Bilanzen der Privaten sind gesund, und die Realzinsen sind noch immer sehr tief.» Frangulidis ergänzt: «Es bräuchte schon ein grosses negatives Ereignis, um eine Rezession auszulösen.»

Solche negativen Ergebnisse sind allerdings nicht auszuschliessen, wie alle Konjunkturprognostiker betonen: Dazu zählt ein ungeordneter Brexit, aber auch ein Scheitern der Verhandlungen zwischen den USA und China in deren Handelskrieg, was wieder wahrscheinlicher geworden ist. Weiter wissen wir noch bis in den Mai hinein nicht, ob US-Präsident Donald Trump seine Drohung wahrmacht, und die Zölle auf europäische Autos erhöht.

Für die grossen Notenbanken ist die jüngste Entwicklung jedenfalls Grund genug, um die Normalisierung der Zinsen auszusetzen. Für die Schweiz bedeutet das, dass wir noch mindestens bis ins nächste Jahr mit Negativzinsen leben müssen. Wenn aber die Wirtschaft doch deutlich stärker einbricht als erwartet, dann dürfte dies das geringste Problem sein. Denn dann wäre nicht klar, was die Geldpolitik zur Linderung der Lage überhaupt noch tun könnte.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.03.2019, 19:28 Uhr

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