Darüber schwieg Jordan an der 100er-Noten-Show

Es durfte bei der Pressekonferenz nur ein Thema geben: Der neue Hunderter. Dabei steckt die SNB im Dilemma.

Die neue Note wurde gefeiert, doch die Probleme der Geldpolitik sind damit nicht gelöst: Thomas Jordan (rechts) an der Pressekonferenz zur neuen 100er-Note. Foto: Keystone

Die neue Note wurde gefeiert, doch die Probleme der Geldpolitik sind damit nicht gelöst: Thomas Jordan (rechts) an der Pressekonferenz zur neuen 100er-Note. Foto: Keystone

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«Ich weiss nicht, ob sie in der falschen Pressekonferenz sind», bremste gestern bei der Vorstellung der neuen 100er-Note Thomas Jordan einen Journalisten aus, als dieser vom SNB-Präsident wissen wollte, wie sich die Notenbank zur jüngsten Aufwertung des Frankens stellt. Thema durfte nur die neue Note sein. Und wie schon bei der Präsentation der früheren Stückelungen, war den anwesenden SNB-Präsidiumsmitgliedern – neben Jordan war es auch Vize Fritz Zurbrügg – deutlich anzusehen, dass dieses Thema ihnen sehr viel mehr Freude bereitet als ihre aktuell deutlich weniger angenehme Aufgabe, «die Geldpolitik im Interesse des Landes» zu führen.

Denn die Sorgen um einen zu starken Franken sind zurückgekehrt. Seit dem April hat sich der Euro wieder deutlich von 1.14 auf noch knapp über 1.08 Franken verbilligt. Als der Kurs des Euro das letzte Mal in diesem Bereich lag – im ersten Halbjahr 2017 – hat die Nationalbank noch heftig mit Devisenkäufen auf den Märkten interveniert, um den Franken zu schwächen. Wie aus Daten zu den Giroeinlagen der Banken bei der SNB ersichtlich wird, hat sie seither erstmals wieder grössere Summen zum gleichen Zweck aufgewendet – vergangenen Monat waren es rund 10 Milliarden neu geschaffene Franken, die sie für Devisenkäufe verwendet hat. Im Mittel waren es im August mehr als 2 Milliarden Franken pro Woche. Die weitere Aufwertung des Frankens konnte die Notenbank bisher dennoch nicht verhindern.

Schon diese jüngste Entwicklung gibt einen Hinweis auf das Dilemma, in dem sich die Schweizer Währungshüter befinden. Zwar haben sie noch die gleichen Instrumente zur Hand wie bei früheren Phasen einer starken Frankenaufwertung: Negativzinsen und Devisenmarktinterventionen. Doch diesmal stösst die SNB auf deutlich grössere Schwierigkeiten bei deren Anwendung – und diese Schwierigkeiten gehen genauso vom Ausland wie vom Inland aus.

Fast alles gilt als Akt in einem Währungskrieg

Aus dem Ausland steht die SNB besonders wegen der US-Regierung unter Donald Trump unter Druck. Diese hat deutlich gemacht, dass sie alle Massnahmen anderer Länder, die zu einer Schwächung der Währung führen, als feindseligen Akt gegen die US-Wirtschaft betrachtet – weil das die Wettbewerbsfähigkeit der Exportgüter im Verhältnis zu den US-Erzeugnissen befeuert. So hat Donald Trump per Twitter bereits scharf auf eine Ankündigung von Zinssenkungen durch Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank, reagiert. Als China die eigene Währung angesichts der handelskriegs-bedingten Folgen für die Wirtschaft etwas weniger gestützt hat, erklärte die US-Regierung das Land prompt zum Währungsmanipulator, obwohl es die von den Amerikanern dafür genannten Bedingungen so wenig erfüllt, wie im Frühjahr, als die USA China vom gleichen Vorwurf noch freigesprochen haben. Das Beispiel zeigt: Bei der SNB kann man sich nicht mehr auf die bisherige Aktzeptanz ihrer Politik verlassen.

Im Gegenwind steht das SNB-Präsidium aber auch von der internationalen Debatte über die Wirksamkeit der Geldpolitik. Selbst einige Notenbanker stellen sie infrage – dazu zählt auch Thomas Jordans Vorgänger Philipp Hildebrand –, und es werden Zweifel laut, ob Massnahmen wie Negativzinsen am Ende nicht mehr schaden als nützen.

Im Inland sehen immer weniger Leute ein, weshalb der Frankenkurs überhaupt ein Problem sein soll. Laut Schätzungen der Banken ist der Franken gemessen am Vergleich der Kaufkraft gegenüber dem Euro nach wie vor deutlich überbewertet. Die UBS etwa sieht den kaufkraftbereinigten Kurs bei 1.20 Franken pro Euro, andere Beobachter schätzen ihn etwas tiefer ein. Doch angesichts einer im Ausland höheren Inflation geht die Überbewertung ohnehin laufend zurück, und viel ist die Rede davon, dass die Schweizer Unternehmen sich insgesamt auf einen teuren Franken eingestellt hätten. Dass selbst die starke Aufwertungsphase nach 2015 keine Rezession in der Schweiz zur Folge hatte, mindert die Akzeptanz weiterer Gegenmassnahmen der SNB zusätzlich. Als Konsumenten und Touristen im Ausland profitieren die Schweizer dank der Aufwertung ohnehin von günstigeren Preisen.

Zweifel an der Wirksamkeit von Negativzinsen

Dem gegenüber wächst die Kritik an den Abwehrmassnahmen einer Aufwertung. Mehr noch als die weitere Aufblähung der SNB-Bilanz durch Deviseninterventionen stehen hier die Negativzinsen im Zentrum. Sie schädigen das private Sparen und jenes über die Pensionskassen, schwächen das Finanzsystem und motivieren zu Übertreibungen an den Kapital- und Immobilienmärkten. Noch immer rechnen dennoch einige Prognoseinstitute damit, dass die SNB am 19. September ihren Leitzinsen noch tiefer in den negativen Bereich senkt, da eine weitere Zinssenkung in den negativen Bereich und erneute Anleihenkäufe auch von der Europäischen Zentralbank eine Woche früher, am 12. September, erwartet werden. Würde sie in der Folge nichts an ihrer Politik ändern, wäre mit einer weiteren Aufwertung des Frankens zu rechnen.

Die offene Frage ist allerdings, was geschieht, wenn die Konjunktur in den wichtigsten Absatzländern so stark einbricht, wie das einige Beobachter befürchten – das droht erst recht, wenn der Handelskrieg so weiter eskaliert wie bisher. Die dadurch verringerte Nachfrage nach Schweizer Exportgüter belastet die hiesige Wirtschaft deutlich stärker als der Effekt des teuren Franken. Verteuert er sich aber dann angesichts seiner Funktion als sicherer Hafen noch zusätzlich, verschlimmert das die Lage für Schweizer Unternehmen weiter. Die Akzeptanz weiterer Devisenkäufe und sogar Zinssenkungen innerhalb der Schweiz dürfte dann zunehmen.

Das Gegenteil trifft dann allerdings im Ausland zu – und kaum nur in den USA. Bei einem Einbruch der wirtschaftlichen Aktivitäten werden alle Länder darum besorgt sein, ihren Exportanteil zumindest zu halten und deshalb auch die Aufwertung ihrer Währung verhindern wollen. Und sie werden weniger Verständnis für Deviseninterventionen anderer Länder haben. Der SNB bleibt nur zu hoffen, dass es nicht zu einem schweren Wirtschaftseinbruch kommt und die Europäische Zentralbank bei ihrer eigenen Geldpolitik doch zurückhaltend bleibt.

Erstellt: 05.09.2019, 13:07 Uhr

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