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Netanyahus neuer Widersacher«Wir sind dagegen. Und wir haben Einfluss.»

David Elhajani war ein Verbündeter des israelischen Ministerpräsidenten. Seit der den Trump-Friedensplan unterstützt, geht Elhajani eigene Wege.

Er könnte Benjamin Netanyahu ernstlich gefährden: David Elhayani ist Chef der Siedler-Dachorganisation.
Er könnte Benjamin Netanyahu ernstlich gefährden: David Elhayani ist Chef der Siedler-Dachorganisation.
Foto: Yonatan Sindel (Flash90)

Die Kür von David Elhajani verkündete die «Times of Israel» mit der Schlagzeile: «Netanyahu-Verbündeter als Chef der Siedler-Dachorganisation gewählt.» Das war im November. Jetzt gilt der Chef des einflussreichen Jescha-Rats als grösster Widersacher des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, ihr Streit hat sogar eine Debatte über die Meinungsfreiheit in Israel ausgelöst. Präsident Reuven Rivlin schaltete sich ein und ergriff Partei für Elhajani.

Der 60-Jährige mit der markanten Glatze und der stets griffbereiten Sonnenbrille hat gewagt, was Netanyahu für eine Majestätsbeleidigung hält: Er hat US-Präsident Donald Trump öffentlich kritisiert. Dessen «Deal des Jahrhunderts» für den Nahen Osten zeige, dass Trump «kein Freund Israels ist», sagte Elhajani und legte wenige Tage später nach: Trump präsentiere «einen Plan, der die Existenz Israels gefährdet».

Das Zerwürfnis geht tief

Das Zerwürfnis zwischen Israels Regierungschef und dem wichtigsten Siedlervertreter, der zudem Mitglied in Netanyahus rechtsnationaler Likud-Partei ist, begann Ende Januar in Washington. Netanjahu hatte Elhajani und vier weitere Bürgermeister von Gemeinden im Westjordanland eingeladen, mit ihm im Weissen Haus die Präsentation des Nahostplans durch Trump zu verfolgen. «Wir waren gekommen, um Bibi zu unterstützen», sagt Elhajani, er nennt Netanyahu bei seinem Spitznamen. «Und dann das!»

Unmittelbar vor dem Termin im Weissen Haus habe ihnen Netanyahu angekündigt: «Wir bekommen Souveränität.» Die Siedlungen im Westjordanland sollten Teil von Israels Staatsgebiet werden. Netanyahu habe versichert: Es werde für die Palästinenser keinen eigenen Staat geben, sondern einen geringeren Status, denn eine Armee dürften sie nicht haben. «Da habe ich zum ersten Mal kapiert, was los ist, und Bibi gesagt: Ein Staat ist ein Staat.» Verraten habe er sich gefühlt.

Vom Kräuterbauer zum Politiker

In seinem Büro mit Blick auf das Jordantal redet sich Elhajani in Rage. Die Ausdehnung von Israels Staatsgebiet sei immer sein Ziel gewesen. «Aber wenn der Preis dafür ist, dass auf 70 Prozent des Westjordanlandes ein palästinensischer Staat entstehen kann, dann sagen wir: Nein, danke!» Am meisten ärgert ihn, dass 15 israelische Siedlungen als Enklaven in einem palästinensischen Staat bleiben sollten - einem «Terrorstaat», wie er ihn nennt. Denn Terror werde von diesem Staat ausgehen, davon ist er überzeugt.

In Tiberias am See Genezareth wurde der stets hemdsärmelig auftretende David Elhajani geboren. 1983 kam er ins Jordantal. Zwei seiner drei Kinder und die meisten der fünf Enkel leben noch dort, ein Sohn wohnt in der Siedlung Maale Adumim nahe Jerusalem.

Seinen Lebensunterhalt verdiente Elhajani mit dem Anbau von Kräutern, ehe er die Vertretung der Siedler zu seinem Beruf machte. Bei den Verhandlungen, die Anfang der Neunzigerjahre zum Oslo-Friedensabkommen führten, war er als Repräsentant der Bürgermeister dabei. 2009, einen Monat vor Netanyahus Wahl zum Premier, wurde Elhajani zum Chef der Regionalverwaltung des Jordantals bestellt.

Dort leben laut seinen Angaben 50’000 Palästinenser und 9000 Israelis. An die Umsetzung des Trump-Plans glaubt er nicht. «Das ist unser Land. Das wird nie geschehen.» Warum? «Weil wir dagegen sind. Und wir haben Einfluss.»

7 Kommentare
    Annemarie Mettauer

    Israel verfolgt seit der Unabhängigkeitserklärung im Mai 1948 eine knallharte Expansionspolitik auf dem Buckel der dort angesiedelten Palästinensern. In den letzten Jahren haben Ultraorthodoxe Juden im Westjordanland unzählige Siedlungen gebaut und die Welt lässt sie einfach gewähren. Hinzu kommt, dass der selbstverliebte korrupte Trump sowie Schwiegersohn und Chefberater Jared Kushner, selbst ein bekennender orthodoxer Jude, Israels Expansionspläne vorantreiben.

    Israel zündelt wieder einmal und tritt die Rechte der Palästinenser mit Füssen. Ich hoffe, dass sich das palästinensische Volk gegen dieses Unrecht wehren wird. Nach der ersten Intifada (Krieg der Steine) im 1987 folgte 2000 der zweite Aufstand, als der damalige Oppositionspolitiker Ariel Scharon den unter arabischer Verwaltung stehenden Tempelberg besuchte - eine reine Provokation.

    Die aggressive und völkerrechtswidrige Siedlungspolitik von Ministerpräsident Netanjahu und Trump wird wohl eine dritte Intifada auslösen – und die Welt schaut erneut zu und schweigt. Nur der britische Premierminister Boris Johnson hat Israel dazu aufgerufen, auf Annexionen im Westjordanland zu verzichten.

    Ich hoffe, dass Trump im Herbst nicht wiedergewählt wird und dieser Spuk bald ein Ende hat. So könnten die Pläne für eine Zweistaatenlösung vielleicht endlich realisiert werden.