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Kolumne Krogerus&TschäppelerWir müssen reden. Über Entlassungen.

Die zweite Welle ist da, und die Zahl der Unternehmen, die in der Schweiz einen harten Sparkurs einschlagen müssen, wächst. Aber sind Kündigungen das richtige Mittel?

Foto: Roman Tschäppeler

Wer in leitender Funktion arbeitet, kennt ein englisches Kürzel, dass früher oder später in Sparrunden fällt: FTE. FTE steht für «Full Time Equivalent», Vollzeitarbeitsstellen, und beschreibt die teuerste Einheit im Betrieb: Menschen.

Niemand entlässt gerne Mitarbeitende. Aber in Krisenzeiten sind Kündigungen die effektivste Methode, um Kosten einzusparen. Aber sind sie auch die richtige?

Diese Frage stellte sich Wayne Cascio, Managementprofessor an der Universität von Colorado. Kürzlich hat er zusammen mit zwei Kollegen eine Untersuchung über alle kotierten Unternehmen der New Yorker Stock Exchange im Zeitraum von 1980 bis 2016 abgeschlossen.

Seine Erkenntnis: Börsenkotierten Unternehmen, die Entlassungen so lange wie möglich hinauszögerten – sei es durch Gehaltskürzungen, unbezahlten Urlaub oder durch das Aushalten von Verlusten –, ging es zwei Jahre später besser als vergleichbaren Unternehmen, die Mitarbeiter entlassen hatten.

Natürlich können Entlassungen nicht immer verhindert werden: Wenn zum Beispiel ein Betrieb längere Zeit ganz ohne Einnahmen ist, dann wird es schwierig, das Personal zu halten. Aber häufig entlassen Unternehmen schon bei Umsatzrückgang. Die Untersuchung zeigt: Wenn ein Unternehmen eine Krise überlebt, dann schaden die Entlassungen langfristig eher.

Die Erklärung: Gute Leute sind schwer zu ersetzen. Bei Entlassungen verlieren Sie nicht nur Arbeitskräfte, Sie verlieren auch Menschen, die das Unternehmen ausgemacht haben, sich mit ihm identifizieren. Sie verlieren Leute, die den Betrieb kennen, die das sogenannte institutionelle Gedächtnis pflegen. Und nicht zuletzt leidet die Kreativität der verbleibenden Mitarbeitenden, weil sie risikoscheuer werden.

Aber da ist noch mehr. Mehrere Studien fanden heraus, dass der Verlust eines Arbeitsplatzes mit dem Verlust eines geliebten Menschen vergleichbar ist. Genauer: Dass man schneller mit dem Tod einer nahestehenden Person klarkommt als mit Arbeitslosigkeit.

Wenn Sie also die Corona-Krise überleben wollen, ohne Ihre Würde und Ihren langfristigen Unternehmenserfolg aus den Augen zu verlieren, sollten Sie sich Folgendes überlegen: Bevor Sie Angestellte entlassen, kürzen Sie die Gehälter Ihrer Kadermitarbeitenden – inklusive Ihres eigenen.

Es ist nicht nur langfristig günstiger, es ist auch gerechter.

Mikael Krogerus ist «Magazin»-Redaktor, Roman Tschäppeler ist Kreativproduzent. hallo@guzo.ch

4 Kommentare
    Bernhard Piller

    "Bevor Sie Angestellte entlassen, kürzen Sie die Gehälter Ihrer Kadermitarbeitenden – inklusive Ihres eigenen." Sind denn Kadermitarbeiter keine Angestellten??? Da wird immer klassifiziert in Arbeitgeber und Arbeitnehmer, dabei gibt es Arbeitgeber im Grund gar nicht, denn auch der CEO ist ein Arbeitnehmer, denn er nimmt Arbeit entgegen, die ihm die Behörde und der VR auferlegt. Dann nimmt der Autor einfach die Tatsache an, dass Angestellte eine Lohnreduktion akzeptieren. Was dann nämlich passieren kann, ist, dass die besten Mitarbeiter die Firma verlassen und sich einen 100% Job suchen und die Firma erst recht in Schwierigkeiten kommt. Und natürlich schadet eine Entlassungswelle langfristig einer Firma, wenn die Krise vorbei ist, aber ohne hätte sie die Krise gar nicht überlebt. Krisen heissen "Krisen", weil, man nur noch zwischen den möglichen Schadensszenarien auswählen kann.