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Über 600 Infektionen in Fleischfabrik«Wir können uns nur entschuldigen»

Ein Corona-Ausbruch bei dem deutschen Schlachtereibetrieb Tönnies nimmt immer grössere Ausmasse an. Alle Schulen und Kitas im Landkreis Gütersloh werden geschlossen. Das Unternehmen spekuliert über die Ursache.

Laut Krisenstab erlebt das Fleischwerk Tönnies schon die zweite Welle an Corona-Infektionen.
Laut Krisenstab erlebt das Fleischwerk Tönnies schon die zweite Welle an Corona-Infektionen.
 Foto: dpa

Nach dem Ausbruch einer Corona-Infektion unter mindestens 657 Mitarbeitern einer Fleischfabrik im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück schliesst der Landkreis Gütersloh alle Schulen und Kitas. Das sei «ein probates Mittel, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern,» sagte Landrat Sven-Georg Adenauer von der CDU. Ein genereller Lockdown von Behörden und Geschäften sei jedoch nicht geplant, da sich die Gefahr klar eingrenzen lasse.

Der Schlachtbetrieb der Firma Tönnies steht seit Mittwoch still. Erste Ergebnisse nach einem Test von 1050 Mitarbeitern, die meist aus Osteuropa stammen, hatten ergeben, dass sich etwa zwei Drittel angesteckt hatten. Am Vortag hatte das Robert-Koch-Institut in ganz Deutschland nur 345 Neuinfektionen gezählt.

7000 Menschen betroffen

Seit Mittwoch stehen nun alle infizierten Arbeiter sowie ihre Frauen und Kinder sowie sämtliche sonstigen Angestellten des Tönnies-Betriebs unter Quarantäne. Landrat Adenauer schätzte die Gesamtzahl auf 7000 Menschen. Er rief sie auf, 14 Tage lang nicht das Haus zu verlassen.

Als Hauptherd der Infektion machte Tönnies die Fleischzerlegung im Grossbetrieb aus. «Wir können uns nur entschuldigen,» sagte ein Unternehmenssprecher. Der Chef des Tönnies-Krisenstabs Gereon Schulze Althoff vermutet als eine mögliche Ursache für den Ausbruch, dass das Virus nach Kurzurlauben osteuropäischer Werksarbeiter in den Betrieb getragen worden sei. «Unser Betrieb ist nicht für eine Pandemie gebaut», sagte Schulze Althoff, «das Risiko auf null zu bringen, ist sehr schwierig.» Landrat Adenauer deutete an, den Betrieb für zwei Wochen zu schliessen.

Gewerkschafter kritisieren Arbeitsbedingungen seit Jahren

Für Armin Wiese, regionaler Repräsentant der Gewerkschaft NahrungGenuss-Gaststätten (NGG), kommt die Entdeckung des Infektionsherdes ausgerechnet an den Zerlegetischen des Grossbetriebs nicht überraschend. «Wir warnen seit Langem, dass die Arbeitsplätze gefährlich sind», sagte Wiese. In normaler Besetzung sei es dort unmöglich, den Mindestabstand von 1,5 Metern zu wahren. Tönnies verpflichte seine Arbeiter zwar zum Tragen von Vollmasken über Kopf und Hals: «Aber die dienen dem Schutz des Produkts etwa gegen Spucke, das Virus geht durch die Poren durch», so Wiese.

Tönnies-Krisenmanager Schulze Althoff erklärte bei einer Pressekonferenz, zuletzt hätten die Mitarbeiter auch Mundschutz tragen müssen. Er räumte jedoch ein, dass es bei niedrigen Temperaturen in der Halle vermehrt zur Aerosolbildung kommen könne, die eine Übertragung des Virus erleichtere. Gewerkschafter warnen, die Ausdünstungen schwitzender Arbeiter seien weltweit ein Ansteckungsproblem in Schlachtbetrieben. Tönnies kündigte an, mit besserer Belüftung sowie mit künstlichem UV-Licht das Corona-Risiko im Betrieb verringern zu wollen.

Der Betrieb in Rheda-Wiedenbrück ist auf die Schlachtung von täglich 30'000 Schweinen ausgelegt. Schweinezüchter befürchten nun, ihre Tiere nicht verkaufen zu können.