Winterthur

Spenden, Schlemmen, Serien schauen: Auch das ist Ramadan

Im islamischen Fastenmonat geht es um viel mehr als nur ums Nicht-Essen. Der «Landbote» zeigt vier Angelpunkte des Ramadans.

Die albanische Moschee in Töss verzeichnet im Ramadan doppelt so viele Besucher wie sonst.

Die albanische Moschee in Töss verzeichnet im Ramadan doppelt so viele Besucher wie sonst. Bild: Marc Dahinden

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«Fastet erst, wenn ihr die Mondsichel seht, und brecht das Fasten erst, wenn ihr sie wieder seht», soll der Prophet Muhammad gesagt haben. Während dem Monat Ramadan sollen gläubige Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder Essen noch Trinken. Da der Beginn durch den islamischen Mondkalender festgelegt wird, wandert der Zeitpunkt durch die Jahreszeiten – in zehn Jahren wird der Fastenmonat im Februar beginnen.

Dieses Jahr müssen die fastenden Muslime heisse Temperaturen ertragen, denn der Ramadan hat am 26. Mai begonnen und dauert noch bis Samstag. Der Abschluss wird mit einem grossen Fest, dem Id al-Fitr, gefeiert. Bis dahin dreht sich zwar vieles um das Gefühl von Hunger und Durst, aber längst nicht alles: Der Ramadan wird von vielen Phänomenen begleitet, welche die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft kaum wahrnimmt. Der «Landbote» hat den Puls der Muslime an vier Punkten gefühlt:

1. Der türkische Supermarkt boomt

Salzig geht gar nicht, süss läuft wie verrückt: Muhammet Aydogan führt durch seinen Supermarkt in der Grüze. Video: maf

«Klar zeige ich Ihnen, was im Ramadan besonders beliebt ist», sagt Muhammet Aydogan. Der Inhaber und Geschäftsführer des Supermarktes Aymez in der Grüze führt mit einem Strahlen im Gesicht durch die Gänge. Aydogan hat allen Grund zur Freude, denn im Ramadan erlebt sein Geschäft einen Boom, wie andere zur Weihnachtszeit. Im Ramadan werde zwar gefastet, aber auch mit Abstand am meisten gegessen. «Zum Fastenbrechen nach dem Sonnenuntergang kommen die Leute zusammen und es wird viel gekocht und gegessen.» Um die Zeit bis dahin erträglich zu machen, werde streng darauf geachtet, was beim Sahur – der letzten Mahlzeit vor Sonnenaufgang – gegessen wird. Ein Gemisch aus Sesambrei und Traubensirup zum Beispiel, das halte einen fast den ganzen Tag lang satt. Der Kassenschlager sind jedoch Baklava, türkische Süssigkeiten: «Besonders zu Id al-Fitr, dem Fest am Ende des Ramadans, wird fünf mal mehr davon gegessen.» Was jedoch gar nicht laufe, seien würzige oder salzige Produkte, weil diese sehr durstig machen. Auf vielen Würsten im Kühlregal prangt ein 50-Prozent-Aufkleber. Selber fastet Aydogan aber nicht: «Mein Job ist sehr verantwortungsvoll, das würde mir zu viel Kraft rauben.»

2. Die Moschee ist voll

Albanische Muslime versammeln sich in Töss zum Freitagsgebet. Video: maf

Freitagmittag vor der albanischen Moschee in Töss, gleich neben der Autobahneinfahrt. Ein Auto reiht sich ans andere. Wer nicht zuhinterst in der Autoschlange steht, kann nun unmöglich wegfahren. Doch das will auch keiner der Männer. Sie sind für das Gebet und die Predigt von Imam Ismail Alili gekommen. «Besonders in den ersten Tagen des Ramadans kommen doppelt so viele Gläubige wie sonst», sagt Alili. Danach flache es etwas ab. Jetzt im Sommer betrage die Dauer zwischen dem ersten und dem letzten Lichtstrahl am Horizont, die Zeit des Fastens, rund 18 Stunden. Dazu komme die Arbeit. «Ich verstehe, wenn man dann zu müde ist, um in die Moschee zu gehen.» Doch heute Mittag ist sie voll, und der stellvertretende Vereinspräsident reicht den Journalisten Datteln und Wasser. «Kein Problem, essen Sie nur», sagt der Imam. Und mit einem Grinsen fügt er an: «Essen und trinken dürfen wir nicht, servieren aber schon.»

Ismail Alili, Imam der albanischsprachigen Moschee in Töss. Bild: mad

Für Alili ist der Ramadan nicht nur ein heiliger Monat, er bedeutet vor allem auch mehr Arbeit. «Zurzeit halte ich jede Nacht eine Predigt, ansonsten nur freitags, sonntags und an speziellen Anlässen.» Zudem werde in diesem Monat zusätzlich zum Nachtgebet das sogenannte Tarawih gebetet. Es ist ein wichtiger ritueller Bestandteil, denn mit den täglichen Gebetseinheiten wird über den ganzen Fastenmonat der gesamte Koran rezitiert.

Er fühle sich der heiligen Schrift zurzeit besonders nahe und lese sie mehr als sonst, sagt der Imam. Das lässt sich theologisch begründen: Im Ramadan soll die Offenbarung des Korans durch den Engel Gabriel an den Propheten begonnen haben. Darauf nehme er in seiner Predigt Bezug, sagt Alili. Es gehe darin aber auch um Ethik und Moral, um Fragen zu den Riten im Ramadan.

Besinnung im Ramadan: Mann mit Gebetskette in der Tössemer Moschee. Bild: mad

Das Predigen mache ihm während dem Fastenmonat noch mehr Spass als sonst. Nicht nur weil ihm mehr Leute zuhören, auch weil die Stimmung besonders sei. «Man geht sorgfältiger miteinander um, denkt mehr an andere», sagt Imam Alili. Durch das Hungergefühl während des Fastens würden die Gläubigen auch daran erinnert, dass andere Menschen auf der Welt ständig Hunger leiden. Viele würden sich dann bei ihm erkundigen, wie sie am besten helfen könnten.

3. Es wird gespendet, was das Zeug hält

Die Hilfsorganisation «muslimehelfen» ruft dazu auf, Bedürftigen im Ramadan das Essen zu finanzieren. Screenshot: muslimehelfen.org

«Im Ramadan fliessen uns jedes Jahr knapp 50'000 Franken Spenden aus der Schweiz zu», sagt Soufian El Khayari von der deutschen Hilfsorganisation «muslimehelfen». Der Schnitt pro spendende Person liege bei knapp 120 Franken. El Khayari spricht von Geldern, die nicht für reguläre Projekte verwendet werden, sondern in spezielle Ramadan-Programme fliessen. Zu diesen zählt er:

  • die freiwillige Ramadanhilfe, die den grössten Anteil ausmacht
  • die für fastende Muslime obligatorische Abgabe Zakat al-Fitr in der Höhe von sieben Euro
  • sowie die Fidyah, eine Ersatzleistung für Gläubige, die nicht in der Lage sind zu fasten.

Die Empfänger der Spenden seien bei allen drei Programmen die selben: Muslime im Ausland, die so arm sind, dass sie sich die kalorienreichen Mahlzeiten vor und nach dem Fasten nicht leisten können. «Die Spenden ermöglichen ihnen das Fasten», sagt El Khayari. «Wer nicht genug gestärkt ist, hält den Tag ohne Essen und Trinken nicht durch.» Den Hilfsempfängern würden Pakete mit Grundnahrungsmitteln verteilt, im Schnitt koste das in den entsprechenden Ländern sieben Euro pro Person, Spesen inklusive. Die Hilfsorganisation ist dort aktiv, wo die Mehrheit oder eine grössere Minderheit der Bevölkerung Muslime sind. Das sei aber nur bei den Ramadan-Programmen so, ansonsten entscheide der Grad der Bedürftigkeit. «Wir sind auch in Haiti und der Ukraine tätig. Und vor Ort wird nicht nach der Religionszugehörigkeit gefragt», sagt El Khayari.

Doch wieso finanzieren die Schweizer Muslime nicht der Obdachlosen an der Ecke oder dem verarmten Grossonkel das Essen? «Das ist eine gute Frage», sagt El Khayari. «denn im Islam wird empfohlen, zuerst das nähere Umfeld zu unterstützen.» In der hiesigen Gesellschaft gebe es jedoch schon viele Hilfswerke und auch Unterstützung vom Staat. «Viele wollen deshalb dort helfen, wo die Not grösser ist.»

4. Die besten TV-Serien laufen im Ramadan

Die Ramadan-Serie «Schwarze Krähen» zeigt die Schreckensherrschaft des IS. Video: youtube/Mint/AFP/MBC

Ramadan ist auch ein Filmmonat. Nach dem gemeinsamen Fastenbrechen nach Sonnenuntergang versammeln sich viele Familien vor dem Ferseher, denn die grossen arabischen Fernsehsender lancieren jedes Jahr zu Beginn des Fastenmonats neue Serien. Jede Nacht wird eine neue Folge ausgestrahlt. «Praktisch alle arabischsprachigen Muslime schauen diese Serien, auch diejenigen, die in der Schweiz leben», sagt Mohamed Abdel Aziz vom arabischen Kulturzentrum Diwan in Zürich.

Dieses Jahr sorgte eine Ramadan-Serie von MBC – ein panarabischer Sender mit saudischer Eigentümerschaft – für Aufmerksamkeit in westlichen Medien: «Gharabib Sod», zu Deutsch «Schwarze Krähen», zeigt die Schreckensherrschaft des sogenannten Islamischen Staates. Eine Christin schwört ihrem Glauben ab und plant einen Anschlag auf eine Kirche, Teenagermädchen werden auf ihr Dasein als Sexsklavinnen für IS-Kämpfer vorbereitet, kleine Jungen werden gezwungen, auf Gefangene zu schiessen. Das Zeigen der harten Wirklichkeit soll die Propaganda des IS untergraben.

Die harte Kost im Monat der Besinnung gefällt Abdel Aziz nicht. «Ich bin gegen diese IS-Leute und will auch gar nichts von ihnen wissen», sagt der ehemalige Ingenieur aus Ägypten. «Ich schaue lieber etwas, das mir Freude macht.» Dieses Jahr verfolgt er die Serie «Handschellen», welche die Arbeit der Polizei aus der Innensicht zeigt. Auch «Die Geister des Adly Allam» schaue er gerne, sagt Abdel Aziz. Hauptdarsteller ist der ägyptische Altstar Adel Imam, der vor einigen Jahren verurteilt wurde, weil er sich über religiöse Symbole wie Bärte und wallende Kleidungsstücke lustig gemacht haben soll.

Der ägyptische Altstar Adel Imam in der diesjährigen Ramadan-Serie «Die Geister des Adly Allam». Video: youtube/MBC

«Ägypten ist nach wie vor eines der wichtigsten Produktionsländer für Ramadan-Serien», sagt Aida Schläpfer, Co-Leiterin des Arabischen Filmfestivals in Zürich. Begonnen habe das Phänomen schon in den 70er-Jahren. Mittlerweile sei neben Ägypten Dubai zum zweiten Zentrum der Filmindustrie geworden, gedreht würden die Serien aber auch im Libanon und in Syrien – selbst in Zeiten des Bürgerkriegs. «Es wird dort sogar mehr produziert als zuvor», sagt Schläpfer.

Die Bandbreite der Themen in arabischen Ramadan-Serien ist laut Schläpfer breit. Sie reiche von historischen Aufarbeitungen über Gesellschaftsfragen bis zur aktuellen Politik. «Oft geht es um die Nachwehen des gescheiterten arabischen Frühlings, das Chaos, die psychologischen Auswirkungen auf die Jugend.» Dabei werde Kritik an allen Seiten geübt, auch an den herrschenden Regimes. Und das selbst in dem Teil Syriens, der unter der Herrschaft von Baschar al-Assad steht.

Für die Sender gehe es bei den Ramadan-Serien vor allem um den Werbemarkt. «Fast keine anderen Sendungen sprechen so viele Zuschauer an», sagt Schläpfer. Zielpublikum sei vor allem die Bevölkerung der arabischsprachigen Länder, aber auch arabischstämmige Europäerinnen und Europäer gehörten dazu. «Es wird für günstige Schönheitsoperationen im Libanon geworben oder für Kleider, die es so bei uns nicht zu kaufen gibt, aber übers Internet bestellt werden können.»

Erstellt: 15.06.2017, 16:17 Uhr

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