Winterthur

Mit der Wucht eines Ronaldo-Freistosses

Ein 20-Jähriger ist gestern zu 42 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Der Mann hatte sein Opfer mit einem Tritt in den Kopf beinahe getötet.

Der Tritt in den Kopf eines wehrlosen, am Boden liegendes Opfer kostete beinahe ein Menschenleben.

Der Tritt in den Kopf eines wehrlosen, am Boden liegendes Opfer kostete beinahe ein Menschenleben. Bild: phototek (Symbolbild)

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Er bereue es zutiefst, und betont dies vor Gericht so oft, dass man nicht mehr mitzählen mag. Glaubwürdiger macht es ihn nicht, denn der 20-jährige Somalier erinnert sich an verblüffend wenig. Nur dass er zugetreten habe, das stimme, es sei halt alles ganz schnell gegangen.

Die Anwälte beschreiben seinen Fusstritt gegen den Kopf eines bereits am Boden liegenden jungen Mannes als «Freistoss-Kick mit der Wucht eines Ronaldos». Der Ronaldo vor Gericht steht deshalb nun wegen Tötungsversuchs vor Gericht.

«Es ist mir heute bewusst, dass ich einen Menschen hätte töten können.» Der Angeklagte

Er war alkoholisiert, hatte ein paar Joints intus, wie er sagt, war in einer Gruppe unterwegs, damals in einer Septembernacht im 2017. Er traf beim Salzhausplatz auf eine andere Männergruppe.

Er habe sich provoziert gefühlt, rassistische Ausdrücke gehört, sagt der Somalier – keine einzige der Zeugenaussagen bestätigt dies jedoch. Vielmehr ging es an diesem Abend darum zu pöbeln, aus Langeweile Streit zu suchen – so zumindest beschreibt es die Anklage. Wer angefangen hat, kann niemand mehr glaubhaft bezeugen.

Es begann mit Ohrfeigen

Noch bevor Ronaldo Gewalt ausübte, wurde einer seiner Begleiter gewalttätig: Nennen wir ihn Tyson. Der 21-Jährige verteilte Ohrfeigen, angeblich um den Streit zu schlichten. Darauf kassierte er einen Stoss, dabei fiel seine neue Gucci-Brille zu Boden und ging in die Brüche. Es sei ihm der Kragen geplatzt, sagt er.

Er schlug zu: Ein junger Mann in der anderen Gruppe erlitt einen Kieferbruch, fiel zu Boden. Und dann kickte Ronaldo – laut Zeugen mit Anlauf mitten in den Kopf. Der am Boden Liegende konnte sich nicht wehren.

«Nur dank sofortiger Notoperation und viel Glück hat das Opfer überlebt.» Die Anwältin des Opfers

Die Folgen für das Opfer: Mehrere Hautein- und -unterblutungen an der linken Kopfhälfte bis zum Scheitel und Hinterkopf, mehrere Schleimhaut-Einblutungen und -Durchtrennungen an Ober- und Unterlippe, eine Blutung zwischen Schädeldach und Hirnhaut, Schädelbruch, Unterkieferbruch, Verschiebung der Hirnmittellinie.

Dank einer sofortigen Notoperation am Kantonsspital und mit viel Glück überlebte das Opfer knapp. Es folgten zehn Tage im Koma, ein mehrmonatiger Aufenthalt in der Rehaklinik, psychische Probleme, Panikattacken, Suizidgedanken, eine Klassenrückstufung an der Mittelschule wurde unumgänglich. Nicht nur der junge Mann, auch seine Angehörigen durchliefen die schlimmste Zeit ihres Lebens.

Renitentes Verhalten

Das Gericht beschäftigt sich neben den Anklagen wegen Tötungsversuchs und Körperverletzung mit weiteren Verfehlungen der beiden Beschuldigten, zum Beispiel mit Beschimpfung, Drohung, Spuck-Attacken oder Behinderung von Behördenvertretern in anderen Fällen. Beiden wird renitentes Handeln vorgeworfen.

Es folgt ein mehrstündiger Plädoyer-Marathon über die Schulddimension beim fast tödlich verlaufenen Fusstritt: War es versuchte Tötung oder «nur» schwere Körperverletzung?

Je zwei Anwälte und Verteidiger werfen mit Argumenten um sich, es geht um Schuldfähigkeit durch Drogeneinnahme, um echte und gespielte Reue, um Genugtuungssummen sowie Schutzbehauptungen und die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen. Ronaldo drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Sein Verteidiger will einen Härtefall im Hinblick eines Landesverweises geltend machen. Sein Mandant verliere jegliche Stabilität, wenn er die Schweiz und damit seine Angehörigen verlassen müsse, argumentiert er.

Dass sich der reuige Tyson plötzlich als Schlichter verstanden haben will, obwohl ihm nach seinem Faustschlag erklärtermassen die Hand stark schmerzte, kommt beim Richter nicht gut an.

Vor der Urteilsverkündigung entschuldigen sich Tyson und Ronaldo nochmals ausdrücklich. Tyson sagt, er wünsche niemandem einen Tritt ins Gesicht, und man bekommt das Gefühl, er lenke ein weiteres Mal vom eigenen Verschulden ab. Ronaldo, der den lebensgefährlichen Fusstritt zu verantworten hat, sagt, er würde seine Tat unendlich gerne rückgängig machen, wenn er nur könnte. Es sei ihm bewusst, dass er einen Menschen hätte töten können.

Schliesslich wird Ronaldo für schwere Körperverletzung sowie Raufhandel, Drohung und mehrfache Beschimpfung zu 42 Monaten Gefängnis sowie acht Jahren Landesverweis verurteilt. Die Strafe wird zugunsten einer Nacherziehungsmassnahme aufgeschoben. Ausserdem muss er dem Opfer eine Genugtuung von 25000 Franken bezahlen.

Tyson kassiert für einfache Körperverletzung eine bedingte Geldstrafe von 7500 Franken und eine Genugtuungsrechnung über 2000 Franken. Und er bekommt seine seit der Tat beschlagnahmte Gucci-Brille zurück.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 18.04.2019, 12:24 Uhr

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