Winterthur

Mit 73 Jahren nach Lesbos, um zu helfen

40 Jahre lang setzte sich Ileana Heer vom Pult aus für die Menschenrechte ein. Dieses Jahr wollte sie mehr tun und half Bootsflüchtlingen auf der Insel Lesbos.

Die Winterthurerin Ileana Heer arbeitete als Freiwillige für die Organisation «Schwizerchrüz».

Die Winterthurerin Ileana Heer arbeitete als Freiwillige für die Organisation «Schwizerchrüz». Bild: Ileana Heer

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Vier Fluggäste unterhalten sich am Flughafen Athen über den Grund ihrer Reise nach Lesbos: Zwei werden auf der griechischen Ferieninsel für die europäische Grenzschutzagentur Frontex arbeiten, einer wird als Fotograf die Situation der Flüchtlinge dokumentieren und dann ist da noch Ileana Heer aus Winterthur, die den Flüchtlingen helfen will.

Stacheldraht und volle Camps

Das war Anfang Januar. Nun ist die 73-jährige Winterthurerin wieder zurück von Lesbos und berichtet von ihren Erlebnissen. Wie viele andere verfolgte sie die Berichte über die Balkan-Route – und die Bilder liessen sie nicht mehr los: Überfüllte Flüchtlingscamps, Menschen hinter Stacheldraht und vor geschlossenen Grenzen. «Ich dachte immer: Was ist das nur für ein Empfang in Europa.»

Engagiert hat sich Heer schon lange: Seit 40 Jahren leistet die gebürtige Tessinerin Freiwilligenarbeit für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Zusammen mit anderen Zürcher Frauen kämpft sie für die Freilassung von inhaftierten Menschenrechtsaktivistinnen auf der ganzen Welt, indem sie Briefe an die entsprechenden Behörden verfasst.

Für ein Hilfsprojekt vor Ort hatte Heer zuvor aber noch nie gearbeitet. Die zweifache Grossmutter fand neben Familie und Beruf schlichtweg keine Zeit dafür. Dann, kurz vor Weihnachten, las Heer im «Landboten» über den Berner Michael Räber, der auf Lesbos ein Hilfsprojekt namens «Schwizerchrüz» aus dem Boden gestampft hatte. Finanziert wird dieses mit Spenden, die Arbeit vor Ort machen Freiwillige.

Heer schrieb Räber ein E-Mail und am Heiligen Abend klingelte das Telefon: Es war Räber. «Am nächsten Tag habe ich den Flug gebucht», sagt Heer. Kurz nach den Feiertagen kam sie auf Lesbos an und übernahm eine Aufgabe bei «Schwizerchrüz»: Zusammen mit anderen packte sie Berge von Kartons mit gespendeten Kleidern aus der Schweiz aus. Alles musste nach Kleidergrösse und Alter sortiert werden.

Mit der Zeit kommt der Mut

Nach zwei Wochen begann Heer, sich mehr zuzutrauen: Sie wollte beim Empfang der Flüchtlingsboote mithelfen, die meist nachts an Land gehen. «Zuerst fand ich die Vorstellung unheimlich, im Dunkeln zu helfen. Doch dann habe ich mich überwunden.» Um vier Uhr morgens begann ihre Schicht und dauerte bis in den Tag hinein. Die Luft war kalt, oft blies ein eisiger Wind. Mit ihr warteten Helfer von verschiedensten Nationen auf die Flüchtlinge – laut Heer waren alle Helfer am Strand Freiwillige von Hilfsorganisationen, die Privatleute auf die Beine gestellt haben. Rettungsschwimmer stiegen in ihre Neoprenanzüge, Heer hielt ihre Boxen mit Kleidern parat.

Am Horizont tauchten kleine Lichter auf, die von den Handys der Flüchtlinge stammten. Dann ging alles schnell: Einige Helfer beleuchteten den Strand mit starken Lampen, die Rettungsschwimmer zogen die Boote an Land und halfen den Flüchtlingen – erst Kindern und Babies, dann Frauen und Männern – beim Aussteigen. Unterkühlte wurden von Ärzten versorgt.

Bis zu 60 Personen waren laut Heer auf einem Schlauchboot. «Ich habe Nächte erlebt, in denen zwölf Boote nacheinander ankamen.» Die Flüchtlinge waren meistens durchnässt, viele zitterten, einige weinten. Heer stülpte eine Mütze über einen nassen Kopf, steckte ein Stück Schokolade in den Mund eines Kindes, verteilte trockene Socken und Hosen. Die Frierenden hüllte sie in Schutzfolien oder Decken ein.

Nur die Schoggiseite erlebt

Am Strand traf sie auf Mitarbeiter der Frontex, die die EU-Aussengrenze sichern sollen – manchmal halfen auch sie mit. Es waren nicht die gleichen, die sie am Athener Flughafen getroffen hatte. Doch den Fotografen traf sie immer wieder. Auch er packte mit an. «Das Fotografieren wurde bei ihm nebensächlich.»

Es blieb Heer oft nicht viel Zeit mit den Flüchtlingen. Mit Bussen des Flüchtlingshilfswerks UNHCR wurden sie in eines der Camps auf der Insel gebracht, wo sie auf ihre Weiterreise nach Athen warteten. Die Helfer von «Schwizerchrüz» lieferten die gespendeten Kleider auch in Flüchtlingscamps, die laut Heer oft improvisiert sind und allesamt von kleinen und meist privaten Hilfsinitiativen aufgebaut wurden. «Camps von grossen Hilfsorganisationen habe ich nie gesehen.»

Nach vier Wochen ist Heer wieder zurück in Winterthur und blickt auf ihre Erfahrung als Flüchtlingshelferin zurück: «Es war eine erfüllende Zeit.» Verwandte und Bekannte gratulierten ihr zu ihrem Mut, nannten sie eine Heldin. Heer winkt ab: «Jeder könnte einen solchen Einsatz leisten.» Ausserdem habe sie nur die Schoggiseite erlebt. Andere Mitglieder ihrer Gruppe seien mit dem Tod von Flüchtlingen konfrontiert gewesen. «Solch dramatische Szenen habe ich nie direkt erlebt.» (Landbote)

Erstellt: 07.03.2016, 13:40 Uhr

Helfer oder Menschenhändler?

«Die Freiwilligen nahmen grosse Scheinwerfer mit, um die Strände für ankommenden Flüchtlinge zu beleuchten. Wir durften die Lichter aber nicht aufs Meer richten, denn sonst hätte es geheissen, wir würden den Schleppern helfen. Auch alle Freiwilligen, die den Flüchtlingen beim Aussteigen halfen, riskierten, wegen Menschenhandels angeklagt zu werden. Ich hatte die Nummer von zwei Anwältinnen im Telefon gespeichert, falls ich verhaftet werden sollte.

Die Küstenwache verhaftete einmal fünf Helfer, als diese mit einem Boot vor der Küste patrouillierten. Sie wollten bereit sein, falls wieder ein Flüchtlingsboot kentert.

Zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung war kein Boot in Sicht, trotzdem drohte ihnen nun drei Jahre Haft wegen Menschenhandels. Ich fragte mich, was das für eine Welt ist, in der Überlebenshilfe bestraft werden soll. Zusammen mit hundert anderen demonstrierte ich vor dem Gericht für ihre Freilassung.» (Bild: pd)

Menschen, nicht Flüchtlinge

«Manchmal reichte die Zeit, um mit den Flüchtlingen ein paar Sätze auf Englisch zu wechseln. Sie erzählten, wie lange sie schon unterwegs waren, dass ihr Boot fast gekentert war oder wie sie vom Wind abgetrieben wurden.

Aus den Flüchtlingen wurden einzelne Menschen, die dich anschauten und sich für alles bedankten, was wir ihnen gaben. Ich bot einem Buben zwei paar Socken an, doch er lehnte dankend ab. Eines müsse genügen, sagte er. Oft waren es nur kleine Gesten: ein Lächeln oder eine Umarmung. Einmal kam eine Mutter mit drei Kindern. Sie stand da, zitterte und schluchzte, ihr ältestes Kind schaute sie an und weinte still. Ich konnte nicht mehr tun, als sie einfach im Arm zu halten.

Ich merkte bald: Ich wollte diesen Menschen wenigstens bei ihrer Ankunft in Europa das Gefühl geben, sie seien willkommen. Bald würden sie merken, dass viele Menschen in Europa sie nicht wollen oder sich sogar vor ihnen fürchten.» (Bild: pd)

Gefährliche Schwimmwesten

«Tagsüber gingen wir?die Strände säubern. Neben Müll fand ich auch iranische Pässe. Den ehemaligen Besitzern war wohl klar, dass vor allem Syrer, Afghanen und Iraker Chancen haben, als Flüchtling akzeptiert zu werden. Wir sammelten aber hauptsächlich tausende von zurückgelassenen Schwimmwesten ein, die dann von der kommunalen Müllabfuhr auf einen Hügel gebracht wurden. Diesen Hügel nannten wir Freiwillige den Safety-Jacket-Friedhof. Es türmen sich dort Berge von Westen auf. Einmal besuchte ich den Safety-Jacket-Friedhof und schnitt vier Westen auf. Ich fand heraus, dass nur eine davon mit einem schwimmfähigem Material gefüllt war; die anderen drei enthielten wasseraufsaugenden Schaumstoff.

Ein Helfer erzählte mir, dass in der Türkei junge Flüchtlinge bezahlt werden, um die gefälschten Schwimmwesten herzustellen. Mit dem Lohn bezahlten sie dann die 1?000 Euro für die Überfahrt.» (Bild: pd)

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