Winterthur

Ein Aktionärsfest ohne Protestnoten

An der 125. Generalversammlung von Rieter gab die im Oktober verkündete Massenentlassung keinen Anlass zu Brandreden. Präsident Erwin Stoller stellte sie in den Zusammenhang der allgemeinen Verlagerung nach Asien.

Der populäre Verwaltungsrat: Der Stadler-Chef und Ex-SVP-Nationalrat Peter Spuhler (2. v. r.) ist mit fast 20 Prozent grösster Rieter-Aktionär und wurde mit 98 Prozent Ja-Stimmen bestätigt.

Der populäre Verwaltungsrat: Der Stadler-Chef und Ex-SVP-Nationalrat Peter Spuhler (2. v. r.) ist mit fast 20 Prozent grösster Rieter-Aktionär und wurde mit 98 Prozent Ja-Stimmen bestätigt. Bild: Moritz Hager

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Die Rieter-Generalversammlung in den Eulachhallen hat seit je den Charakter eines Ehemaligenfestes. Die meisten der etwa 700 Teilnehmer sind Firmenveteranen, die ihre Aktien als Dienst­altersgeschenk erhalten haben. Viele tragen stolz Rieter-Hemden und Uniformen der Betriebsfeuerwehr.

Gestern waren die Vorzeichen aber düsterer als auch schon: Es war die erste GV seit der Bekanntgabe der Schliessung der Produktion, die 150 Mitarbeitende und 50 Temporäre ­betrifft. Bald wird in Winterthur nichts mehr hergestellt, nur noch zusammengebaut.Nur gerade eine Stunde dauerte der offizielle Teil. Alle Anträge des Verwaltungsrates wurden mit fast sowjetischen Mehrheitsverhältnissen von 98 und mehr Prozent angenommen.

Das galt auch für die Vergütung der Geschäftsleitung, die künftig einen Kopf mehr zählt. Jan Siebert hat die Führung des Neumaschinengeschäfts übernommen, das bisher CEO Norbert Klapper interimistisch leitete. Bis zu sechs Millionen Franken dürfen die sechs Herren sich 2017 gesamthaft auszahlen. Abgestimmt wurde elek­tronisch, mittels eines kleinen Handgeräts. Wortmeldungen von Aktionären gab es keine, Protestnoten schon gar nicht.

Der beliebte Grossaktionär

Einen besonders lauten Applaus unter den Verwaltungsräten erhielt Peter Spuhler. Der Unternehmer (Stadler Rail) und SVP-Nationalrat wurde mit über 98 Prozent Ja-Stimmen im Amt bestätigt. 19 Prozent davon durfte er sich selbst geben, denn er hat mit seiner PCS Holding viel Geld in Rieter investiert und ist der grösste Aktionär. Der Verwaltungsrat bleibt eine mehrheitlich schweizerische Angelegenheit. Die beiden Neuen, der Wirtschaftsprüfer und professionelle Verwaltungsrat Roger Baillod und der ETH-Ingenieur und Ex-Leiter der ABB-Energiesparte, Bernhard Jucker, haben beide den roten Pass.

Export kaum noch möglich

Ein Thema war der Stellenabbau am Hauptsitz trotzdem. Verwaltungsratspräsident Erwin Stoller bedauerte ihn sehr und dankte den Mitarbeitern für ihre gute Arbeit und Loyalität bis zuletzt. Er spannte einen grossen Bogen auf. «Seit ihrer Entstehung folgt die Textilindustrie den Märkten und wandert über den Globus.» Europa macht heute nur noch6 Prozent des Rieter-Umsatzes aus, Amerika einen Fünftel.

Rieter sei früh nach Asien gegangen und habe ab 1994 in Indien Spinnmaschinen gebaut, ab 2002 in China. Das mache sich nun bezahlt, denn seit 2009 sei der Import aus der Schweiz zusehends schwieriger, da Indien und China, die 60 Prozent des Marktes für Spinnereimaschinen ausmachen, hohe Importzölle verhängten und lokale Maschinenbauer mit tiefen Preisen und kurzen Lieferfristen Druck machten. «Im gleichen Stil, wie wir unsere Kapazitäten in Asien ausbauten, mussten wir unsere Fertigung in Europa reduzieren», sagt Stoller. Die Frankenstärke war für einmal nur ein Faktor unter vielen.

Das «Powerhouse»

In Winterthur wolle man weiterhin Maschinen montieren, welche «einen Schweizer Ursprung brauchen», ein Argument, das vor allem im türkischen Markt zieht. Der Hauptsitz mit Konzernleitung, Marketing sowie Forschung und Entwicklung bleibe weiterhin hier, denn die Schweiz sei mit ihren Hochschulen und der Empa ein sehr geeigneter Standort für Innovation. Die Umnutzung des Firmenareals solle in diesem Sinn passieren und zu einem «Powerhouse für Innovation» werden. Genaueres könne man aber noch nicht verraten.

Ein Beispiel aus der Entwicklerküche des Weltmarktführers (30 Prozent) ist Spiderweb, die erste «Internet der Dinge»-Anwendung von Rieter: Eine Vielzahl von Sensoren liefert einen Echtzeitüberblick über alle Maschinen einer Spinnerei direkt aufs Handy der Fabrikdirektorin oder des -direktors.

Obwohl man auch 2016 einen sinkenden Umsatz erwartet, verbreiteten Management und Verwaltungsrat viel Zuversicht und mischten sich beim Apéro riche unter die meist gut gelaunten Aktio­näre, die Weisswein und Winti-Wurst konsumierten und von früher erzählten.

Die Zeichen der Zeit waren aber selbst in der vierköpfigen Lehrlingsfirma Creative Solutions zu spüren, die im Foyer ausstellte: Ihre Kerzenhalter, Rechauds und Tischgrills aus Metall werden seit neuestem nicht mehr auf dem Firmengelände gefertigt, sondern an externe Schlosser­firmen vergeben. (Der Landbote)

Erstellt: 07.04.2016, 09:07 Uhr

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