Winterthur

Die Verteilung von «Lies!»-Koranen geht weiter

Rund 200 Exemplare wurden laut Standbetreiber bei der letzten Aktion verteilt. Mit der in Deutschland verbotenen Organisation, welche die Korane drucken lies, will er aber nichts zu tun haben.

Vor zwei Wochen wurden in der Marktgasse wieder Korane angeboten. Die früheren Hinweise auf «Lies!» haben die Standbetreiber freiwillig entfernt.

Vor zwei Wochen wurden in der Marktgasse wieder Korane angeboten. Die früheren Hinweise auf «Lies!» haben die Standbetreiber freiwillig entfernt. Bild: zvg

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Es sind die gleichen Bücher wie früher, die samstags in der Marktgasse präsentiert werden. Weisser Einband, in goldenen Lettern der Titel «Der edle Qur’an», umrahmt von einem geometrischen Muster auf farbigem Hintergrund – für jede Übersetzung eine eigene Farbe. Neuerdings sind jedoch keine Plakate mit der Aufschrift «Lies!» mehr vor dem Stand aufgestellt.

Grossrazzia in Deutschland

Herausgeber der Korane, welche die bärtigen Männer in der Altstadt gratis verteilen, ist die Vereinigung «Die wahre Religion» (DWR). 2011 begann DWR mit der Koranverteilung unter dem Motto «Lies!» in Deutschlands Fussgängerzonen, mittlerweile findet sie in rund einem Dutzend europäischer Länder statt. Im November hat die deutsche Regierung DWR verboten und aufgelöst. Die Begründung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière: Über 140 junge Menschen, die in Deutschland an «Lies!»-Aktionen teilgenommen haben, seien nach Syrien oder in den Irak ausgereist, um sich dort terroristischen Grupierungen anzuschliessen. Kurz nach Erlass des Verbots durchsuchten hunderte Polizisten mehr als 200 Wohnungen und Büros von Organisatoren und Anhängern der Vereinigung.

«Wir gehören nicht zu dieser Organisation und haben auch nie dazu gehört»Standbetreiber S.

In der Schweiz ist DWR nach wie vor erlaubt. Der Stand in der Marktgasse ist deshalb von der Stadtpolizei bewilligt und wird voraussichtlich auch morgen und am Samstag in zwei Wochen wieder aufgestellt. Dass keine «Lies!»-Symbole mehr zu sehen sind, habe nichts mit der Bewilligungspraxis der Stadt zu tun, sagt Daniel Beckmann, Chef der Verwaltungspolizei. Der Bewilligungsnehmer habe ihm gegenüber erklärt, dass er von sich aus keine «allzu offensichtlichen Hinweise auf ‹Lies!›» mehr anbringen wolle, «um damit nicht unnötig Anstoss zu erregen», erinnert sich Beckmann.

So präsentierten sich die Koranverteiler Mitte November in der Marktgasse. Zwei Tage später wurde die Organisation, welche die Korane herausgegeben hat, in Deutschland verboten. Quelle: zvg

Auf Nachfrage beim Standinhaber, dem Winterthurer S., distanziert sich dieser von DWR: «Wir gehören nicht zu dieser Organisation und haben auch nie dazu gehört», sagt S. Er habe lediglich die Korane zu einem Euro pro Stück auf der DWR-Webseite bestellt. «Anstatt die Korane und Werbebanner selber zu drucken, haben wir uns entschieden, ein fertiges Produkt zu nehmen.» Laut einem NZZ-Bericht arbeitet S. jedoch seit mehreren Jahren für die in Deutschland mittlerweile verbotene Organisation, die hinter «Lies!» steht. Gegenüber dem «Landboten» bezeichnet S. solche Vorwürfe als «Medienhetze».

200 Korane verteilt

Bei der letzten Verteilaktion, die vor knapp zwei Wochen vor der Starbucks-Filiale stattfand, sei der Stand sehr gut gelaufen, sagt S. «Es gingen etwa 200 Korane an die Passanten.» Mitgeholfen hat auch H., ein ehemaliger Präsident der An’Nur-Moschee. «Der Stand steht aber in keinem Zusammenhang mit der Moschee», sagt S.

«Die führenden Köpfe in der Schweiz sind aufs Engste mit denjenigen Leuten verbunden, bei denen in Deutschland die Razzien durchgeführt wurden.»Georg Häsler, Redaktor der SRF-Rundschau

Gegen H. läuft noch immer ein Verfahren wegen öffentlicher Aufforderung zu Verbrechen und Gewalt. Grund dafür ist eine Predigt des damaligen Imams der An’Nur-Moschee. Der Prediger soll zum Mord an Muslimen aufgerufen haben, die nicht am gemeinsamen Gebet teilnehmen. Sowohl für H. wie auch den Imam gilt die Unschuldsvermutung. Derzeit ist H. nicht der einzige Koranverteiler der Schweiz, gegen den ermittelt wird. Laut der Bundesanwaltschaft laufen verschiedene Strafverfahren gegen Personen, die in Verbindung mit dem «Lies!»-Projekt stehen oder standen. Gegen juristische Personen wie Vereine oder Stiftungen würden aktuell jedoch keine Strafverfahren geführt.

Verbot auch in Österreich

Einen Schritt weiter ging diese Woche die österreichische Regierung: Sie kündigte an, die «Koranverteilung durch Salafisten» zu verbieten. In der Schweiz kommen Forderungen nach einem «Lies!»-Verbot seit der Grossrazzia in Deutschland nicht mehr nur von prominenten Islamkritikern, sondern auch von Hans-Jürg Käser, Präsident der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren. Der Grund: «Es ist nachgewiesen, dass sich Leute in ihrem Umfeld radikalisiert haben», sagte der Berner Regierungsrat und Polizeidirektor gegenüber der NZZ.

Hans-Jürg Käser, Präsident der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren, forderte in der Rundschau ein Verbot der «Lies!»-Aktion in der Schweiz. Quelle: SRF (via streamable)

Diesen Zusammenhang sieht auch SRF-Rundschau-Redaktor Georg Häsler, der sich nach dem DWR-Verbot in Deutschland intensiv mit den Koranverteilern in der Schweiz beschäftigte. «Ich habe bei meinen Recherchen festgestellt, dass sämtliche Jihadreisenden aus der Deutschweiz mit ‹Lies!› in Kontakt oder sogar Teil der Aktion waren.» Die führenden Köpfe in der Schweiz seien aufs Engste mit denjenigen Leuten verbunden, bei denen in Deutschland die Razzien durchgeführt wurden. Laut Häsler haben sie auch Kontakte zu Ibrahim Abou-Nagie, dem Gründer der DWR.

Demokratiefeindliche DWR

Abou-Nagie gilt als salafistischer Hardliner. Seit längerem äussert er in Youtube-Videos seine radikalen Ansichten. So machte er etwa kein Hehl aus seiner Demokratiefeindlichkeit: «Wenn wir die Scharia leugnen, dann sind wir Kuffar. Wenn wir die Demokratie akzeptieren, dann sind wir auch Kuffar.» Das Wort Kuffar wird üblicherweise als Ungläubige übersetzt. Was halten die Winterthurer Koranverteiler von solchen Aussagen? «Ich kenne Herrn Abou-Nagie nicht und möchte auch in keiner Weise mit ihm in Verbindung gebracht werden», sagt Standinhaber S. «Aus diesem Grund interessieren mich seine Aussagen eigentlich gar nicht.» Auf Nachfragen, wie er das Verhältnis von Scharia und Schweizer Gesetzen einschätze, sagt er: «Ich bin selber Schweizer und halte mich natürlich an die hiesigen Gesetze.» (Der Landbote)

Erstellt: 31.03.2017, 12:05 Uhr

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