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Kolumne Philipp LoserWie gespalten ist die Schweiz?

Die USA sind es, und zwar tief, das hat die Wahl gezeigt. Aber wenn wir weiterhin nur akademische Arbeit wertschätzen, wird das auch die Gräben in unserem Land vertiefen.

Man sollte sich das Gefühl bewahren, diesen kurzen Moment des Glücks, der Erleichterung: Bald, sehr bald werden wir ihm nicht mehr zuhören müssen. Bald, sehr bald wird Donald Trump wieder sein, was er vor dem Unglück im Weissen Haus war: ein chauvinistischer und grössenwahnsinniger Immobilienmakler aus New York, der wirre Dinge von sich gibt und den kaum jemand ernst nimmt.

Bewahren muss man sich das Gefühl, weil es so schnell wieder um andere Dinge gehen wird. «Fast nichts» werde sich ändern mit Joe Biden, hiess es in einem Kommentar der «Süddeutschen Zeitung» nach der Wahl. «Amerika wird weiterhin ein Land sein, dessen Bewohner zwei verfeindeten Stämmen angehören, die sich nicht nur immer weniger dafür interessieren, wie das Leben auf der anderen Seite aussieht, sondern die glauben, ihre Landsleute seien wahlweise rassistische Hinterwäldler oder radikale Sozialisten, die das ‹echte Amerika› zerstören wollten.»

Der Kommentar fasst die europäische Reaktion auf die Wahl von Joe Biden zum US-Präsidenten gut zusammen. Wahnsinn, dass über 70 Millionen Menschen Trump trotz allem nochmals gewählt haben. Wahnsinn, wie tief gespalten dieses Land ist, wie polarisiert!

Was in den Kommentaren – manchmal subtil, manchmal weniger – mitschwingt: Bei uns könnte das nicht passieren, sind halt die Amis. Aber stimmt das?

«Vom Ende des Gemeinwohls: Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreisst» heisst das neue Buch des politischen Philosophen Michael J. Sandel, vor einem Monat wurde er dazu in diesem Blatt interviewt. Sandel sieht den Grund für die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft und den Aufstieg von Trump in der Überbetonung der Leistungsgesellschaft: Wer oben ist, der glaubt, es verdient zu haben. Wer unten ist, gilt als selbst schuld und wird so zusätzlich gedemütigt. «Diese Einstellung zu Sieg und Niederlage ist Ursache der Ablehnung und Wut, die wir jetzt erleben», sagt Sandel – und meint damit explizit auch Europa.

Tatsächlich gibt es Anzeichen dafür. Eine Studie der Zürcher Forschungsstelle Sotomo hat das Verhältnis der Generationen in der Schweiz untersucht. Neben erfreulichen Befunden (grundsätzlich schätzen sich Alt und Jung) zeigt sich in der Untersuchung auch ein pessimistischer Grundton: Nicht nur bezweifeln junge Menschen, dass es ihnen einmal besser gehen wird als der vorhergehenden Generation. Sie leiden auch unter einem «Hoffnungsdefizit». 42 Prozent der Befragten gaben an, dass es in ihrem Leben an Zuversicht mangelt.

Grund dafür ist der steigende Erfolgsdruck: «Der gesellschaftliche Wandel unserer Zeit wird offensichtlich ganz besonders mit einem alles durchdringenden Leistungsprinzip in Verbindung gebracht», heisst es in der Studie.

Es gibt nur wenige Länder auf der Welt, die eine so gute Berufsausbildung haben wie die Schweiz. Doch selbst bei uns ist der Trend eindeutig: Immer mehr junge Menschen wollen an eine Hochschule, weil immer mehr junge Menschen (und deren Eltern) glauben, dass nur ein Hochschulabschluss zu Erfolg im Leben führt. Im Umkehrschluss wird Arbeit, für die kein akademischer Grad nötig ist, entwertet. Es werden ein Oben und ein Unten definiert, die beiden Pole entfernen sich allmählich voneinander. Langsam sickerndes Gift.

Offensichtlich ist das Ausmass der Vergiftung noch nicht so, dass viele beunruhigt sind. Dabei wäre jetzt der Zeitpunkt, um diese Entwicklung zu stoppen. Der Zeitpunkt, um eine Debatte darüber zu beginnen, wie wir als Gesellschaft den Wert von Arbeit definieren. Ob es tatsächlich richtig ist, den Wert eines Menschen einzig an seiner Ausbildung und an seinem Lohnzettel zu messen.

Aber natürlich ist es bequemer, sich von der gemütlichen Schweiz aus über das «tief gespaltene» Amerika zu wundern und dazu leicht angewidert den Kopf zu schütteln.

Philipp Loser ist Redaktor des «Tages-Anzeiger» und Kolumnist von «Das Magazin».

52 Kommentare
    Maria O.

    Wer oben ist, der glaubt, es verdient zu haben. Wer unten ist, gilt als selbst schuld und wird so zusätzlich gedemütigt. «Diese Einstellung zu Sieg und Niederlage ist Ursache der Ablehnung und Wut, die wir jetzt erleben»

    Halt an dieser Stelle. Diese Aussage ist nichts als verlogene Politik um ihre eigenen Absichten zu verschleiern. Das geht am besten, in dem man auf andere zeigt. Die Wahrheit ist doch wohl, dass die Leistungsverweigerer, man kann auch sagen: Solidaritätsverweigerer, ihr eigenes Mantra zur Religion erheben. Zitat aus einem Tagi Interveiw: "Man muss aufhören die Arbeit zu verherrlichen." Oder wer aus einer erfolgreichen Akademikerfamilie kommt der mag sich dem Wettbewerb nicht mehr stellen aus Angst zu versagen oder dem nicht zu genügen. Was folgt ist einfach, sich der Leistung zu verweigern und kurzerhand die Faulheit zum Höchsten zu erheben. Entschleunigung, Verzicht, Konsumverzicht, Minimalismus,... Ist in der Mode auch so. Wer nicht abnehmen mag, der erklärt einfach die Hässlichkeit zur Schönheit und das Schöne zur Dummheit.

    Aber: Wie Frauen die sich um die Kindererziehung kümmern möchten statt im Büro "zu leisten" gesellschaftlich diskrminiert und diskreditiert werden bestätigt die These des Artikel.

    Ansonsten genügt ein Spaziergang durch Zürich um sich ein Bild zu machen: Fahnen und Flaggen an vielen Balkonen. Und alle die eine andere Meinung haben fragen sich langsam ob sie noch am richtigen Ort sind. Sich in ihrer Heimat noch zuhause fühlen dürfen.