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Trumps GesundheitszustandWie es dem US-Präsidenten geht, darüber lässt sich nur spekulieren

Donald Trump liegt mit angeblich milden Symptomen im Krankenhaus. Viel mehr ist vom Weissen Haus bisher nicht zu hören. Was wir wissen und was nicht.

Donald Trump teilt auf Twitter mit, ihm und der First Lady gehe es gut. Zur Sicherheit gehe er aber nun ins Krankenhaus.
Video: Tamedia

Donald Trump winkt kurz den Reportern zu, reckt dann seinen Daumen hoch, als er das weisse Haus verlässt, um mit schweren Schritten über den Südrasen zum Präsidenten-Hubschrauber Marine One zu gehen. Der US-Präsident lässt sich die knapp 13 Kilometer Luftlinie zum Walter-Reed-Militärkrankenhaus in Maryland fliegen. Er soll dort «ein paar Tage» auf einer speziell für die US-Präsidenten hergerichteten Station des Krankenhauses verbringen. Es gibt neben einem Bett auch Besprechungsräume und ein Büro, von dem aus er angeblich seine Amtsgeschäfte fortführen werde. Eine reine Vorsichtsmassnahme, erklärte am Freitagabend seine Pressesprecherin Kayleigh McEnany.

Vor dem Abflug hat Trump im Oval Office noch eine Grussbotschaft in die Kamera gesprochen. Er bedankte sich darin stehend für die Unterstützung und sagt, dass es ihm und seiner Frau soweit gut gehe. 18 Sekunden dauert das Video, das dann über seinen Twitter-Account veröffentlicht wurde.

Keine 18 Stunden war es da her, dass Trump auf Twitter bestätigte, dass er und seine Frau sich mit dem Corona-Virus infiziert hätten. Eine Nachricht, die im Moment noch mehr Fragen aufwirft, als bisher beantwortet wurden.

Über den tatsächlichen Gesundheitszustand des Präsidenten lässt sich nur spekulieren (zur Einschätzung eines Infektiologen). Seine Sprecherin hatte angegeben, Trump habe am Freitagmorgen «milde Symptome» entwickelt. Ansonsten sei er in guter Stimmung. Genauer wurde sie nicht. Verschiedene Medien hatten berichtet, Trump habe am Freitag leichtes Fieber und Schnupfen-Symptome wie Husten und eine laufende Nase gezeigt. All das lässt sich in Trumps Video-Botschaft höchstens erahnen (die neuesten Entwicklungen finden Sie im Ticker).

Was über die Behandlung bekannt ist

Sein Leibarzt Sean Conley hat am Freitag ein Bulletin herausgegeben, in dem er ein paar Behandlungsschritte aufgezeigt hat. Trump sei demnach einmalig eine Dosis des Antikörper-Kombinationspräparates REGN-COV2 von Regeneron Pharmaceuticals verabreicht worden. Das Mittel ist noch nicht zugelassen, auch nicht für experimentelle Anwendungen. Es soll aber in Tests am Menschen gezeigt haben, dass Corona-Krankheitsverläufe damit unter Umständen weniger dramatisch ausfallen.

Ein Vertreter des Unternehmens erklärte dem Sender CNN, dass das Mittel die Immunabwehr eines Patienten unterstützen soll. Die Infusion sei ohne Probleme verlaufen, erklärte Trumps Arzt Conley. Der Präsident bekomme zudem Zink, Vitamin D, das Magenmittel Famotidin, das Schlafhormon Melatonin und Aspirin verabreicht. Das Malaria-Mittel Hydrochloroquin wird in dem Bulletin nicht erwähnt. Trump hatte es über Monate gehen den Rat von Experten als eine Art Wundermittel gegen Covid-19 angepriesen.

«Nur eine Vorsichtsmassnahme»: Der US-Präsident macht sich auf den Weg ins Walter-Reed-Militärspital.
«Nur eine Vorsichtsmassnahme»: Der US-Präsident macht sich auf den Weg ins Walter-Reed-Militärspital.
Foto: Leah Millis (Reuters)

Gegen Mitternacht US-Ostküstenzeit hat Trumps Arzt noch bekanntgegeben, dass Trump mit dem antiviralen Medikament Remdesivir behandelt werde. Remdesivir wurde in einer Reihe von Ländern zur Bekämpfung des Virus zugelassen und soll zu einer schnelleren Genesung führen.

Conley erklärte, dass er sich freue, berichten zu können, dass es dem Präsidenten «sehr gut geht». Trump benötige keinen zusätzlichen Sauerstoff. CNN hatte hingegen unter Berufung auf Mitarbeiter des Weissen Hauses berichtet, dass Trump Atemprobleme habe und die Lage ernst sei.

Mehr offizielle Informationen sind derzeit nicht verfügbar. Was auch daran liegt, dass es bisher keine Presseunterrichtung zum Gesundheitszustand des Präsidenten gab. Weder von Conley noch von Trumps Sprecherin McEnany (zur Analyse über Trumps Informationspolitik).

Wo Trump sich infiziert haben könnte

Unklar ist bisher auch, wo und wie sich Trump und seine Frau infiziert haben könnten. Hope Hicks, Beraterin und Freundin der Familie, ist am Donnerstag positiv auf das Virus getestet worden. Am Mittwoch hatte sie noch mit dem Präsidentenpaar im gleichen Flugzeug zu einer Wahlkampfveranstaltung in Minnesota gesessen. Von der Infektion bis zur Ausbildung von Symptomen vergehen aber meist einige Tage.

Howard Forman, Gesundheitsexperte an der Yale School of Public Health, hält es deshalb für wahrscheinlicher, dass Donald und Melania Trump sich vergangenen Samstag angesteckt haben, sagte er dem Online-Magazin Politico. Trump hatte da im Rosengarten des Weissen Hauses seine Kandidatin für den Supreme Court vorgestellt. Die Ehrengäste sassen dort ohne Maske, Schulter an Schulter beisammen.

War das ein Superspreader-Event? Donald Trump spricht an der Nominierungszeremonie für Richterin Amy Coney Barrett im Rosengarten des Weissen Hauses.
War das ein Superspreader-Event? Donald Trump spricht an der Nominierungszeremonie für Richterin Amy Coney Barrett im Rosengarten des Weissen Hauses.
Foto: Carlos Barria (Reuters)

Forman sagt, es sei denkbar, dass sich das Ereignis als ein Superspreader-Event herausstellen könnte, auf dem ein hochgradig infektiöser Teilnehmer viele andere angesteckt habe. Angeblich versuchen gerade die Experten des Weissen Hauses die Infektionskette nachzuvollziehen.

Mindestens sieben Teilnehmer der Nominierungszeremonie für Richterin Amy Coney Barrett gelten derzeit als infiziert. Neben dem Präsidentenpaar und Hope Hicks auch die republikanischen Senatoren Mike Lee und Thom Tillis, die erst kürzlich aus dem Amt geschiedene Präsidentenberaterin Kellyanne Conway, sowie John Jenkins, Präsident der University of Notre Dame, an der Barrett bisher lehrt. Auch Trumps Wahlkampfchef, Bill Stepien, ist positiv auf das Coronavirus getestet worden. Das Wahlkampfteam bestätigte einen Bericht des Magazins Politico vom späten Freitagabend. Stepien habe seine Diagnose am Freitagabend erhalten und habe leichte, grippeähnliche Symptome. Er habe aus dem Home-Office weiter die Kontrolle über die Kampagne.

Folgen für den Wahlkampf und den Kongress

Unbestritten ist, dass Trump in seiner Umgebung nicht von Maskenträgern umgeben sein wollte. Es gab bislang nur wenige Gelegenheiten, zu denen er selbst die Maske öffentlich getragen hat. Er hatte dies immer damit begründet, dass er und seine engsten Mitarbeiter ja regelmässig getestet werden würden. Das hat offenbar keinen ausreichenden Schutz geboten. Zumal als erwiesen gilt, dass Personen schon infektiös sein können bevor ein Test ein positives Ergebnis hervorbringt. Die Maske bietet deshalb den besten Schutz vor Ansteckungen.

Auch Trumps Herausforderer Joe Biden könnte sich noch als infiziert herausstellen. Der traf am Dienstag im Fernsehduell auf Trump. Biden ist zwar inzwischen zweimal negativ auf das Virus getestet worden. Eric Feigl-Ding aber, Epidemiologe und Gesundheitsökonom der Federation of American Scientists, twitterte am Freitag: «Wie wir inzwischen wissen, können #COVID19-Tests heute negativ und morgen positiv sein.»

Die Infektion der Senatoren Lee und Tillis wirft die Frage auf, wie es mit den anstehenden Nominierungsanhörungen von Richterin Barrett im Senat weitergeht. Der Mehrheitsführer der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, erklärte zwar, er werde weiter «mit Volldampf» die Bestätigung von Barrett vorantreiben. Sollten aber noch weitere seiner Senatoren sich infizieren oder gar erkranken, könnte die knappe Mehrheit der Republikaner im Senat auf der Kippe stehen. Die Nominierung von Barrett noch vor der Wahl am 3. November könnte so in Gefahr geraten.

Seinen Wahlkampf muss Trump in jedem Fall unterbrechen. Bis zu zwei Wochen muss er isoliert bleiben, um sicherzustellen, dass er nicht länger infektiös ist. Vorausgesetzt natürlich, er erkrankt nicht schwer an Covid-19 (lesen Sie, wie die Erkrankung sich auf den Wahlkampf auswirken könnte). Am Donnerstag noch hatte Trump öffentlich erklärt, «das Ende der Pandemie ist in Sicht». Am Freitag gab Trumps Kampagnenmanager Stepien bekannt, dass alle geplanten Veranstaltungen mit Trump oder dessen Familie verschoben oder virtuell abgehalten werden. Für dieses Wochenende waren zwei grössere Wahlkampfauftritte von Trump im Bundesstaat Wisconsin geplant. Und das, obwohl die Coronavirus-Task Force des Weissen Hauses den Staat wegen der hohen Infektionszahlen dort zur «roten Zone» erklärt hat.

Wie schnell sich das Bild gewandelt hat, haben die wenigen Schritte von Trump zum Hubschrauber gezeigt. Alle Personen, die auf den Fernsehbildern zu sehen waren, trugen Maske. Auch Trump.

Podium: Donald Trump ist der umstrittenste Politiker der Gegenwart. Im November stellt er sich der Wiederwahl. Wie sind seine Chancen? Wie ist seine Bilanz? Wird ihn Joe Biden schlagen? Und vor allem: Was bedeutet es für die USA und die Welt, wenn Trump vier weitere Jahre regiert? Darüber debattieren: Elisabeth Bronfen, Anglistikprofessorin an der Universität Zürich, Christof Münger, Ressortleiter International beim Tages-Anzeiger, Markus Somm, Publizist. Sonntag, 18. Oktober 2020, Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich. Türöffnung 19.00 Uhr, Beginn 20.00 Uhr. Ermässigter Eintritt mit Carte blanche.

34 Kommentare
    thomas bornhauser

    interessant war die berichterstattung auf CNN. keine greifbaren antworten der ärzte auf konkrete fragen, anschliessend abruptes ende der informationsrunde, wohl ganz nach dem gusto des white house. das ganze erinnerte mich an ein interview von georges marchais, dem ehemaligen kommunistenführer frankreichs. der reporter fragt dreimal konkret, der politiker antwortet, wie es ihm passt. einwand des fragenden: "herr marchais, das ist nicht die antwort auf meine frage." replik: "was kann ich dafür, dass Sie die falschen fragen stellen?"