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DorfgeflüsterWie ein zweiter Bockenkrieg knapp verhindert wurde

Es ist schon über 200 Jahre her, als sich die Landbevölkerung in Horgen und Umgebung gegen die Stadt Zürich erhob. Vor kurzem drohte auf der Bocken ein erneuter Konflikt – zumindest fast.

Darüber spricht das Dorf.
Darüber spricht das Dorf.
Foto: Olivier Samter

Das Bockengut in Horgen ist eines der gemütlichsten Fleckchen der Gemeinde. Spaziergänger schlendern durch den Park vorbei an Linden, Feuerwanzen flitzen über die Stämme, und Kinder spielen in den hohlen Hecken Verstecken, in deren Mitte ein überwucherter Tennisplatz liegt. Was heute ein friedlicher Ort ist, war bekanntlich einst Schauplatz einer blutigen Schlacht.

Über 200 Jahre ist es her, als sich der Schuhmacher Hans Jakob Willy zusammen mit anderen Horgnern gegen die Stadt auflehnte, um die Landbevölkerung vor neuen ausbeuterischen Gesetzen zu bewahren. Im März 1804 wurden die rund 600 aufständischen Männer von einer 1000 Mann starken Regierungstruppe sowie drei Kriegsschiffen unter Beschuss genommen. Der «Chef der gerechtigkeitsbegehrenden Truppe», wie Willy sich nannte, zog sich auf das Bockengut zurück, wo er zwar einen Oberschenkelschuss erlitt, aber am 28. März einen Sieg gegen die eidgenössischen Truppen erringen konnte.

Mittlerweile ist Frieden auf dem Bockengut eingekehrt. Der grösste Teil des Landes und die Gebäude gehören seit 1994 der Credit Suisse. Vor kurzem schien der Frieden auf dem Bockengut aber erneut bedroht. Ein metallenes Schild erklärte den Spaziergängern unmissverständlich: Privatgrundstück – Unbefugten ist das Betreten verboten.

Das Schild auf dem Horgner Bockengut, das Spaziergänger vom privaten Parkweg abhielt, ist heute wieder weg.
Das Schild auf dem Horgner Bockengut, das Spaziergänger vom privaten Parkweg abhielt, ist heute wieder weg.
Foto: Daniel Hitz

Dass den Horgnern der Weg durch das Bockengut verwehrt wurde, sorgte für Unmut bei einigen Anwohnern. Zur Hellebarde und zum Gewehr musste diesmal aber zum Glück niemand greifen. Das neue Verbot war – anders als 1804 – keine Massnahme einer Obrigkeit, um die Landbevölkerung auszunehmen, sondern eine Vorsichtsmassnahme. Der Feind der Horgner ist 2020 nicht die Stadt Zürich, sondern das Coronavirus. Nach Beginn des Lockdown wurden die Hinweisschilder angebracht, da in dieser Zeit besonders viele Personen die Parkanlage aufsuchten. Die Schilder sind mittlerweile wieder entfernt, der Frieden ist zurück.