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Millionenverlust der Credit SuisseWie ein einziges Dokument das chinesische Starbucks zu Fall brachte

Die Credit Suisse und andere Schweizer Firmen wollten den Chinesen Kaffee schmackhaft machen. Doch dann flog ein riesiger Betrug auf. Die Luckin-Coffee-Saga in fünf Kapiteln.

Kaffeelust in China. Klingt nach einer tollen Story.
Kaffeelust in China. Klingt nach einer tollen Story.
Foto: Roman Pilipey (Keystone)

Sie sassen in den Cafés, von früh bis spät. Sie richteten ihre Handykameras auf den Tresen. Sie zählten die zahlenden Kunden, die verkauften Getränke, das gereichte Gebäck. Und dann, als sie genügend Informationen gesammelt hatten, brachten sie ein milliardenschweres Kaffeeimperium zu Fall.

Wer sie sind, ist bis heute unklar. Die Folgen ihrer Recherchen aber spürten Manager auf der ganzen Welt, besonders jene der Credit Suisse.

Ein Mann ganz nach dem Gusto von Tidjane Thiam

Er erhoffte sich von der chinesischen Kaffeelust Millionen: Tidjane Thiam, der damalige CEO der Credit Suisse.
Er erhoffte sich von der chinesischen Kaffeelust Millionen: Tidjane Thiam, der damalige CEO der Credit Suisse.
Foto: Urs Jaudas

Tidjane Thiam war überschwänglich. Er könne nicht mehr sagen, wie oft er schon mit dem chinesischen Unternehmer Charles Zhengyao Lu gespeist habe. Aber Lu sei das totale «Poster Child» dafür, was die Credit Suisse machen wolle. In allen Bereichen des Banking arbeite Credit Suisse mit dem Milliardär Lu zusammen. «Hes a dream client.»

Als Tidjane Thiam letztes Jahr diese Äusserungen machte, war er noch Chef der Credit Suisse und die Kooperation mit Lu von eminenter strategischer Bedeutung. China ist der zweitgrösste Private-Banking-Markt der Welt und öffnet sich sukzessive für ausländische Institute. Die Credit Suisse will sich in diesem Markt unbedingt behaupten und möglichst viele Superreiche an sich binden. Milliardär Lu war für Thiam quasi der Kunde null. Lu hatte bereits den chinesischen Autovermieter Car Inc. aufgebaut und viel Geld verdient.

Damit entsprach er genau der Mischung aus Unternehmer und reichem Privatmann, den die CS suchte. Die Bank kann ihn geschäftlich beraten und sein Vermögen verwaltet. Ein Traumkunde. Doch jetzt ist der Traum geplatzt.

Kaffee für die Teenation

Charles Zhengyao Lu ist Milliardär und war lange ein Gewinnertyp – das lockte auch die Credit Suisse an.
Charles Zhengyao Lu ist Milliardär und war lange ein Gewinnertyp – das lockte auch die Credit Suisse an.
Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Thiams Lieblingskunde Lu hatte riesige Pläne in China. Er wollte die Teetrinkernation auf den Geschmack von Kaffee bringen. Und er selbst sollte derjenige sein, der dem Land das Getränk verkauft. Luckin Coffee hiess seine Idee. Eine Art chinesisches Starbucks, mit dem Unterschied, dass alle Transaktionen elektronisch ablaufen. Der Kunde bestellt und bezahlt seinen Kaffee per App und geht zur gewünschten Zeit ins Lokal, wo der Barista ihm das frisch gebrühte Getränk hinstellt.

Luckin Coffee verbindet vieles, was Investoren gemeinhin fasziniert. Ein einfaches Produkt. Ein riesiger, dynamischer Markt. Modernste Technologie. Vor allem aber: eine inspirierende Geschichte. Ein Volk von Teetrinkern wird zu Kaffeegeniessern.

Der Hype

Da war noch alles wunderbar. Die Manager von Luckin Coffee läuten beim Börsengang die Glocke.
Da war noch alles wunderbar. Die Manager von Luckin Coffee läuten beim Börsengang die Glocke.
Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Die Geldgeber liebten Luckin Coffee. Und sie finanzierten Lu ein Kaffeeimperium. Binnen zweier Jahre eröffnete Lu 4500 Luckin-Filialen in China. Durchschnittlich 6 pro Tag. Ebenso aggressiv versuchte Lu, den Chinesen den Kaffee näherzubringen. Um Kunden zu gewinnen, verteilte Luckin Coffee Gutscheine wie Konfetti. Das zahlte sich aus.

Mit jedem Quartal wurden die Zahlen, die Luckin Coffee vorlegte, besser. In dieser Phase war die CS ein wichtiger Partner der Kaffeekette. Sie brachte Luckin Coffee im Mai 2019 zusammen mit anderen Banken an die US-Börse. Der Verkauf der Luckin-Aktien brachte der Firma 560 Millionen Dollar ein. An der Börse ging das Unternehmen durch die Decke: Bis Januar 2020 kletterte der Kurs von 20 auf über 50 Dollar. Der Wert von Luckin Coffee betrug jetzt über 12 Milliarden Dollar. Dann kam der Absturz.

Auslöser war ein einfaches PDF. 89 Seiten. Ohne Absender. Geteilt im Januar 2020 über die sozialen Medien. Es war eine Bombe.

Die geheimen Spione im Kaffeehaus

Zu viele Kunden, zu grosse Rabatte. Luckin Coffee frisierte die Zahlen und täuschte die Anleger.
Zu viele Kunden, zu grosse Rabatte. Luckin Coffee frisierte die Zahlen und täuschte die Anleger.
Foto: Qilai Shen (Getty Images)

Monatelang hatten Rechercheure Luckin Coffee ausspioniert. Nicht weit oben, auf der Ebene der Chefetage. Sondern ganz unten. In unterschiedlichen Luckin-Filialen in 53 chinesischen Städten. Die Spione setzten sich frühmorgens ins Café, zückten ihr Handy und filmten den Tresen. Bis zum Ladenschluss am Abend. «Wir haben 92 Vollzeit- und 1418 Teilzeit-Mitarbeiter angeworben, um den Kundenverkehr in ausgewählten Filialen aufzuzeichnen», heisst es im anonymen Bericht. 11560 Stunden Videomaterial und über 25000 Zahlungsbelege haben die Rechercheure gesammelt. Als sie das Material auswerteten, bestätigte sich ihre Annahme. Luckin Coffee hatte seine Zahlen massiv frisiert. Die Firma hatte weniger Kunden als im Geschäftsbericht ausgewiesen. Die Kunden kauften weniger Produkte, und die Produkte gingen mit grösseren Rabatten weg als kommuniziert. Der Bericht kam zum Schluss: Die offiziellen Absatzzahlen von Luckin Coffee waren im dritten Quartal 2019 um 69 Prozent, im vierten Quartal um 88 Prozent aufgebläht.

Bis heute ist unklar, wer genau hinter dem Dokument steckt. Was aber angenommen wird: Bevor die Autoren den Bericht streuten, wetteten sie noch gegen den Luckin-Aktienkurs. Zwischen Januar und Mai sank dieser von über 50 Dollar auf 1.40. Inzwischen hat er sich bei etwa 3 Dollar eingependelt.

Luckin Coffee selbst hat im April eingeräumt, dass die Umsatzzahlen geschönt waren. Ein Kadermitglied wurde gefeuert und eine grosse Untersuchung eingeleitet. Doch längst haben in den USA die Justizbehörden den Fall übernommen. Und nur ein Jahr nach dem Börsengang will die US-Börse Nasdaq Luckin Coffee wieder rauswerfen.

Die vielen geprellten Schweizer

Auch der in Genf domizilierte Louis-Dreyfus-Konzern hat Geld verloren.
Auch der in Genf domizilierte Louis-Dreyfus-Konzern hat Geld verloren.
Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Die Credit Suisse ist nicht der einzige Bezug zur Schweiz. Auch der in Genf domizilierte Konzern Louis Dreyfus kooperierte mit Luckin Coffee und wurde von der Firma getäuscht. Der Rohstoffhändler lieferte Frischsäfte, die beiden Unternehmen bauten zusammen eine Kaffeerösterei in China, zudem erhielt Louis Dreyfus beim Börsengang Luckin-Aktien im Umfang von 50 Millionen Dollar. Das Aktienpaket hat rund 80 Prozent des Werts verloren. «LDC ist sich der Untersuchungen bewusst und wartet auf deren Ergebnisse», sagt die Firma heute. Es sei daher noch nicht möglich, zu beurteilen, was dies für die Zukunft der Investitionen mit Luckin Coffee bedeute, oder die Auswirkungen auf die Aktienbeteiligung von LDC zu kommentieren.

Der Luckin-Skandal trifft auch die beiden Schweizer Kaffeemaschinenhersteller Franke und Schaerer. Bei Schaerer in Zuchwil SO setzte man grosse Hoffnungen in Luckin Coffee. Noch im Januar schwärmte der Schaerer-Geschäftsführer in der NZZ über die Aufbruchstimmung beim chinesischen Kunden. Heute gibt die Firma keinen Kommentar ab. Bei Franke erhoffte man sich im letzten Jahr, auch dank Luckin Coffee, ein Umsatzwachstum. Aktuell scheint das Verhältnis kühler: «Wir können bestätigen, dass Luckin Coffee ein Kunde von uns ist. Wir treffen jedoch generell keine Aussagen zu unseren Kunden.»

Auch bei Kaffeeautomatenhersteller Franke in Aarburg erhoffte man sich durch Luckin Coffee einen Umsatzwachstum.
Auch bei Kaffeeautomatenhersteller Franke in Aarburg erhoffte man sich durch Luckin Coffee einen Umsatzwachstum.
Foto: Alain Picard (Keystone)

Aus der Beziehung von Kaffeeautomatenhersteller Franke und Luckin ergibt sich ein weiterer Schweiz-Bezug: Im Frühling 2019 holte Luckin Coffee den Ricola-Chef Thomas Meier als Direktor an Bord. Meier war vor seiner Zeit bei Ricola bei Franke für das Kaffeemaschinengeschäft verantwortlich. Bei der chinesischen Firma gehörte er unter anderem dem Audit Comitee an, jenem Gremium also, das die Zahlen des Unternehmens überprüfen sollte. Im April, wenige Wochen nachdem Luckin den Betrug zugab, ist Thomas Meier mit sofortiger Wirkung aus dem Luckin-Board zurückgetreten. Weshalb, dürfe er nicht sagen, so Meier gegenüber dieser Zeitung. Das habe er mit Luckin Coffee vereinbart.

Am grössten ist der Schaden aber für die Credit Suisse. Sie bildet für das Asiengeschäft 100 Millionen Dollar Rückstellungen ein Grossteil dieses potenziellen Verlustes hat der einstige Traumkunde verursacht. Und noch viel schwerer wiegt der Reputationsschaden: ihr Traumkunde, ihr «Poster Child» entpuppt sich als riesiger Schwindel. Heute sagt die Bank dazu: Kein Kommentar. Ihre Anwälte sind ausgeschwärmt und versuchen, auf das Privatvermögen von Lu zuzugreifen. Mehrere juristische Verfahren laufen.