«Es ist kein Ärger mehr, es ist nackte Wut»

Das Olympische Komitee arbeitet neu mit Airbnb zusammen. Austragungsorte wie Paris und die Hotels der Städte wehren sich.

Dunkle Wolken über den Ringen und dem Eiffelturm: Das IOK macht sich durch die Zusammenarbeit mit Airbnb angreifbar. (Bild: Ludovic Marin/AFP)

Dunkle Wolken über den Ringen und dem Eiffelturm: Das IOK macht sich durch die Zusammenarbeit mit Airbnb angreifbar. (Bild: Ludovic Marin/AFP)

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Wenn Anne Hidalgo sauer wird, kann es ungemütlich werden. Und das ist sie derzeit, die sozialistische Bürgermeisterin von Paris. Diesmal auf das Internationale Olympische Komitee (IOK), das die Spiele 2024 an ihre Stadt vergeben hat. Vor allem aber auf eine neue Partnerschaft des IOK: Wie dieses vor wenigen Wochen bekannt gab, arbeitet es bis und mit Olympia 2028 mit Airbnb zusammen.

Die Kooperation mit dem Wohnungsvermittler hat Sprengkraft, denn: Airbnb steht weltweit in der Kritik. Von New York, über Amsterdam bis Barcelona – gerade in Touristenzentren wehren sich die Verwaltungen gegen den Techriesen aus dem Silicon Valley mit einem geschätzten Wert von 38 Milliarden Dollar. Grund: Airbnb-Vermieter zahlen, im Gegensatz zu den Hoteliers, kaum Steuern. Und: Airbnb verändert den Charakter einer Stadt.

Das Flair ganzer Quartiere verändert sich durch die Kurzzeitvermietung an Touristen.

Indem Investoren Wohnungen, Häuser oder ganze Überbauungen allein deswegen kaufen, um sie auf Airbnb zu vermieten, verteuert die Plattform den Wohnungsmarkt und verschlimmert die Wohnungsknappheit. Ausserdem verändert sich das Flair ganzer Quartiere durch die Kurzzeitvermietung an Touristen.

Airbnb: Viele illegale Mieten

Einer Studie der Technischen Universität Wien zufolge könnten in Österreichs Hauptstadt bis 2022 mehr als 40'000 Wohnungen für Airbnb genutzt werden – sie wären für den Mietmarkt verloren. Für viele andere Städte gilt das genauso, weshalb da und dort eine Registrierungspflicht eingeführt wurde. Doch bei der Fülle an Angeboten ist es schwer, diese durchzusetzen.

Schon 2014 stellte ein Anwalt in New York fest, dass 72 Prozent aller Reservierungen in der Stadt illegal sein dürften. Auch andere Städte beschränken die Aufenthaltsdauer in privaten Wohnungen oder Häusern, während Airbnb in München grösstenteils gleich ganz verboten wurde – für das illegale Vermieten von Wohnraum drohen Bussen bis zu einer halben Million Euro. In Japan wurden 80 Prozent aller Einträge von der Website entfernt, nachdem 2018 eine Bewilligungspflicht eingeführt worden war.

Wie sich europäische Grossstädte gegen Airbnb verbünden (Bild: Alamy Stock Photo)

Dass sich das IOK trotzdem mit Airbnb einlässt, hat einen Grund: Geld. Geschätzt 500 Millionen Dollar ist der Vertrag wert, der neun Jahre dauert und fünf Olympische Spiele umfasst – ­Tokio 2020, Peking 2022, Paris 2024, die Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina sowie Los Angeles 2028. Dabei wird Airbnb zum kommunen Sponsor: Dass Athleten bei Spielen nun zu Mietern von Privatwohnungen werden, ist nicht vorgesehen. Vielmehr dürften die Fans umworben werden.

«Mit dieser Partnerschaft unterstreicht das IOK seine Strategie von nachhaltigen Spielen.»IOK-Präsident Thomas Bach

IOK-Präsident Thomas Bach erklärt die Zusammenarbeit mit PR-Sprache in Reinkultur: «Mit dieser Partnerschaft unterstreicht das IOK seine Strategie von nachhaltigen Spielen, die in den Ausrichterstädten ein Vermächtnis hinterlassen.» Zudem, so der Deutsche, dürften die Athleten direkt von der Kooperation profitieren. Er stellt ihnen fünf Milliarden Dollar in Aussicht.

Woher dieses Geld kommen soll, ist unklar. Bach deutet die Möglichkeit an, dass Sportlerinnen und Sportler so genannte Entdeckungen anbieten und Touristen ihre Stadt zeigen. Neben der Vermittlung von Wohnungen können auf Airbnb solche Entdeckungen gebucht werden – Kochkurse, Gipfelitouren oder Ausfahrten im alten Deux-Chevaux. Vorbei am Eiffelturm.

Hidalgo verhinderte schon einmal IOK-Deal

All dies gibt es in Paris zu erleben – zudem hat Airbnb hier 65'000 Unterkünfte gelistet. Und Paris ist der Schauplatz, an dem der Deal zwischen IOK und Airbnb auf die Probe gestellt werden wird. Denn Hidalgo, die Bürgermeisterin, ist nicht gut darauf zu sprechen und warnte Thomas Bach schriftlich vor den «Risiken und Konsequenzen».

Dass Hidalgo gerne Ernst macht, zeigte sich, als sie den französischen Mineralölkonzern Total als IOK-Sponsor für 2024 verhinderte – und sich mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron anlegte.

«Airbnb zahlt in Frankreich ja gar keine Steuern. Da sehen wir rot.»Laurent Duc, Präsident des französischen Hotelverbands UMIH

Hidalgo weiss einen gewichtigen Player hinter sich: die Pariser Hotellerie. 120'000 Zimmer gibt es in Frankreichs Hauptstadt, 40'000 hat das IOK bereits für 2024 reserviert. Wie der französische Hotelverband UMIH nun aber schreibt, werde jede Kooperation mit dem IOK ausgesetzt. UMIH-Präsident Laurent Duc erklärte zum Deal mit Airbnb: «Es ist ein Kampf David gegen Goliath – Airbnb zahlt in Frankreich ja gar keine Steuern. Da sehen wir rot. Es ist kein Ärger mehr, es ist nackte Wut.»

Erstellt: 03.12.2019, 15:17 Uhr

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